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Interview mit Ian Rankin: "Inspector Rebus ist meine dunkle Seite"

Der schottische Bestseller-Autor Ian Rankin schickt seinen erfolgreichen Ermittler Inspector Rebus in den gesetzlichen Ruhestand. Im stern.de-Interview spricht der 48-Jährige darüber, wie es ist, Gott zu spielen - und welches Gerücht er über Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling in die Welt setzte.

Nach über zwanzig gemeinsamen Jahren und 17 Bänden schicken Sie Ihren Inspektor John Rebus in "Ein Rest von Schuld" in den Ruhestand. Wie verkraften Sie den Abschied?

Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich ohne Rebus leben kann. Der Kerl war schließlich wie eine Art Therapeut für mich. Immer wenn etwas Schlimmes in meinem Leben passierte, konnte ich das durch ihn ausleben.

Das klingt, als ob man sich jetzt Sorgen um Sie machen müsste.

Nun ja, er ist ein bisschen wie mein Mr. Hyde, meine dunkle Seite. Die lebe ich zum Glück nicht aus, seien Sie unbesorgt. Ich schreibe einfach weiter und erfinde andere Charaktere. Es ist nur eine besondere Herausforderung, gerade auf ihn zu verzichten.

Warum musste er denn überhaupt in den Ruhestand, Sie hätten ihn doch weiter ermitteln lassen können?

Man könnte sagen, ich habe mir vor zwanzig Jahren einen groben Schnitzer erlaubt.

Nämlich?

Ich habe Rebus von Anfang an zu alt gemacht. Im ersten Buch war er bereits um die 40. Und ich wollte ihn unbedingt in Echtzeit altern lassen. Nicht so wie es John Le Carré oder PD James machen, die das Alter ihrer Ermittler einfach einfrieren und sie im Greisenalter noch immer arbeiten lassen. Vor ungefähr vier Jahren hat mich leider ein Polizist darauf hingewiesen, dass Rebus mit 60 in den Ruhestand muss.

Muss? Wieso denn?

In Schottland ist das so. Wahrscheinlich würde ich die Leser gar nicht verschrecken, wenn Rebus nicht altern würde, aber ich finde es gut, dass er älter wird. Er lebt halt in einer echten Welt und in der wird man eben pensioniert. Da hat auch der Antrag eines schottischen Parlamentariers nichts genützt, das Pensionsalter auf 65 hoch zu setzen, nur damit ich weiter über Rebus schreiben kann.

Wenn man sich "Ein Rest von Schuld" aufmerksam durchliest, könnte man glatt meinen, Sie lassen sich ein Hintertürchen für seine Rückkehr offen.

Wenn Sie auf die "Einheit für die nochmalige Untersuchung von Kapitalverbrechen" anspielen, könnten Sie recht haben. Es wäre eine authentische Möglichkeit für Rebus, wiederzukommen und anhängige Verbrechen aufzuklären. So richtig gehen gelassen habe ich ihn offensichtlich nicht.

Können Sie sich daran erinnern, was Sie gemacht haben, nachdem die vermeintlich letzten Sätze aufgeschrieben waren?

Ich habe genau das getan, was Rebus von mir gewollt hätte: Ich bin in eine Kneipe gegangen und habe ein paar nette Drinks zu mir genommen. Frau Rowling hat mich übrigens dasselbe gefragt.

Joanne K. Rowling?

Genau, wir wohnen in Edinburgh zufällig in derselben Straße, genau wie Alexander McCall Smith. Ich traf sie zufällig in einem Café und sie erzählte mir, dass sie ungefähr zur selben Zeit Harry Potter beendet und nach den letzten Sätzen zwei Tage nur geweint hätte.

Joanne K. Rowling, Alexander McCall Smith und Sie. Das sind ja drei Bestseller-Autoren auf einem Haufen. Eine durchaus ungewöhnliche Nachbarschaft.

Unsere Straße wird auch "Writer's Block" genannt, also auf Deutsch "Schreibblockade" ... Finde ich sehr lustig.

Sie sagten einmal, Frau Rowling würde auch an einem Krimi schreiben. Hätten Sie damit kein Problem?

Es wäre die größte Konkurrenz auf dieser Erde. Aber ich fände es großartig! Die Behauptung, von der Sie sprechen, war allerdings als Witz gedacht. Ich habe auf einem Krimifestival erzählt, dass meine Frau gesehen habe, wie Frau Rowling in einem Edinburgher Café an einem Krimi arbeitete. Allerdings hat nur ein Journalist gelacht, die anderen nahmen meine Äußerung offensichtlich ernst und gaben sie unhinterfragt weiter.

Sie schreiben über den G8-Gipfel, Rassismus oder wie jetzt über den Tod eines russischen Dissidenten, der an den vergifteten Ex-Agenten Alexander Litwinenko erinnert. Im Laufe der Zeit sind Ihre Krimis politischer geworden. Wie kam es dazu?

Insgesamt haben meine Romane seit Ende der 90er Jahre mehr Tiefe bekommen. Vorher war alles nur Fiktion, ab jenem Zeitraum begann ich, diese mit der Realität zu vermischen. Ich kam damals mit meiner Familie von einem langen Frankreichaufenthalt nach Schottland zurück. Ich hatte mich verändert, war mittlerweile Schriftsteller und zweifacher Familienvater. Außerdem hatte sich die schottische Gesellschaft verändert. Das fand ich sehr spannend.

Auch die Person des Inspektors ist seitdem komplexer und tiefgründiger.

Das hängt auch mit meiner damaligen Lebenssituation zusammen. Unser jüngster Sohn kam mit einer Behinderung zur Welt. Während wir in Frankreich auf die Diagnose warteten und kaum verstanden, was uns die Ärzte erzählten, konnte ich in meinem Buch Gott spielen. Alles, von dem ich wollte, dass es passierte, konnte passieren. Ich hatte die absolute Kontrolle über das Leben und Sterben meiner Figuren. Meine Wut und meine Frustration wurden durch das Buch kanalisiert.

Wut. Frust. Also ist Rebus doch Ihr Alter Ego.

Nicht wirklich. Ich bin nicht so pessimistisch, auch weniger zynisch. Während des G8-Gipfels in Edinburgh nahm ich an einem langen Marsch teil, um gegen Armut zu demonstrieren. "Making Poverty History" hieß der. 250.000 Menschen liefen mit, unsere ganze Familie mittendrin. Rebus hätte das nicht getan. Er hätte nur zugeschaut, seinen Kopf geschüttelt und gedacht: 250.000 Menschen und es nützt gar nichts. So denke ich nicht.

Die Serie ist weltweit überaus erfolgreich. Aber ist ein trinkender und kettenrauchender Kommissar überhaupt noch zeitgemäß?

Heute rauchen und trinken Polizisten tatsächlich nicht mehr wie es in den 60er und 70er Jahren üblich war. Sie würden einfach rausgeschmissen werden. Bei Rebus habe ich ein Klischee benutzt - von wegen der Flachmann gehört in die Schreibtischschublade. Er ist wirklich oldfashioned und repräsentiert die Art des aussterbenden Polizisten. Er ist ein Dinosaurier. Aber überall auf meinen Lesetouren begegne ich Polizisten, die mir erzählen, dass sie genau so jemanden in den eigenen Reihen haben.

Für "Das Souvenir eines Mörders" gewannen Sie den Gold Dagger Award, ein paar Jahre später hatten Sie mit "Die Seelen der Toten" dann endlich Ihren ersten Bestseller.

Das war bereits der zehnte Rebus-Roman. Ich sehe die frühen Bücher als eine Art Lehre. Sie gaben mir die Möglichkeit, das Krimigenre verstehen zu lernen, die Figur des Inspektors und Edinburgh besser zu begreifen. Der Erfolg kam also sehr langsam, nicht so rasant wie bei Joanne K. Rowling.

Stets sind Sie in Ihren Rebus-Romanen dem Hauptschauplatz Edinburgh treu geblieben. Warum?

Eigentlich ist Edinburgh für mich die Hauptfigur in meinen Büchern. Mehr sogar als Rebus. Die Stadt ist für mich ein Symbol, ein Mikrokosmos. Obwohl sie sehr klein ist, ist sie dennoch komplex, ihre Gesellschaftsstruktur kompliziert. Sie ist sehr gut darin, Geheimnisse zu wahren. Ich mag es, hier zu leben.

Wie geht es nun weiter für Sie?

Ich habe eine Menge Projekte. Zum Beispiel habe ich kürzlich eine Oper geschrieben, an einem Comic gearbeitet und eine Serie für die New York Times beendet. Ich bin erst einmal eine Weile beschäftigt und werde nicht weiter über Rebus nachdenken. Er lebt einfach in meinen Büchern und Filmen weiter. Um ihn muss man sich wirklich keine Sorgen machen.

Interview: Andrea Tholl