HOME

Interview mit Michael Roach: Einer ist erleuchtet

Princeton-Absolvent Michael Roach ging in ein Kloster nach Tibet, um sich als buddhistischer Gelehrter ausbilden zu lassen, bis ihn sein Lama nach New York schickte. Interview mit einem, der sein Unternehmen nach den Grundsätzen Buddhas führte - und damit Millionen machte.

Zur Begrüßung faltet Michael Roach die Hände vor seiner Mönchskutte und macht eine kleine Verbeugung. Es ist eine Geste, wie man sie von einem buddhistischen Geistlichen erwarten würde - nicht aber von einem Ex-Manager aus der Diamantenbranche. Für seine Firma Andin International hat Roach Millionen gemacht; gleichzeitig trägt er den Titel eines Geshe - so heißen hohe Gelehrte im Buddhismus. Um ein Managementseminar zu geben, ist er gerade in Hamburg, wo wir ihn in einem Büro treffen. Während des Interviews hockt er immerhin nicht die ganze Zeit im Lotossitz, sondern ganz leger auf einem Bürostuhl.

Glückwunsch, Herr Roach - die Mönchskutte steht Ihnen hervorragend! Sind Sie auch bei Andin International jeden Morgen so ins Büro gekommen?


Nein. Damals sollte niemand wissen, dass ich Buddhist bin. Bevor mein Lama mich nach New York schickte, hatte er mir gesagt, dass ich mich wie ein Buddhist verhalten soll, aber nicht wie einer aussehen. Das war übrigens gar nicht so einfach, weil ich zuerst nur einen Anzug hatte. Den hatte mir mein Lehrer in Tibet gebraucht gekauft, und das Ding war viel zu warm. Im Sommer habe ich darin immer furchtbar geschwitzt.

Sie haben Ihr Kloster nur verlassen, weil Ihr Lama das gesagt hat?


Ich wollte jedenfalls nie Geschäftsmann werden. Von allein wäre mir das nie in den Sinn gekommen. Direkt nach meinem Studium bin ich ja ins Kloster gegangen - mit lügenden und betrügenden Geschäftsmännern wollte ich nichts zu tun haben. In meinen ersten acht Jahren im Kloster bin ich nur zweimal für kurze Zeit draußen gewesen. Es war mein Lama, der mich rausschickte. Er sagte zu mir: "Solange du hier im Kloster bist, kannst du niemandem helfen. Wenn du Menschen helfen willst, musst du ihre Probleme verstehen, wie sie arbeiten und Geld verdienen. Geh raus, geh nach New York, gründe eine Firma und sieh zu, ob du mit dem, was ich dir beigebracht habe, 1 Mio. Dollar verdienen kannst!" Und wenn der Lama einem etwas befiehlt, sagt man nicht Nein.

Bei Andin International haben Sie mit der Weiterverarbeitung von Edelsteinen deutlich mehr als 1 Mio. verdient. Wie arbeitet man als buddhistischer Manager?


Roach Ich habe meine Abteilung nach den Grundsätzen des Karma gemanagt.

Und wie genau funktioniert das?


Wer nach buddhistischer Lehre eine Firma gründet, der braucht einen Karmapartner. Meine Partner waren tibetische Flüchtlinge. Denen habe ich alle sechs Monate fast meinen kompletten Verdienst bei Andin gespendet. Behalten habe ich nur ein bisschen für Essen, Kleidung und das Busticket zur Arbeit. Weil ich in New Jersey in einem mongolischen Kloster untergebracht war, hatte ich sonst keine Ausgaben. Das ist die Idee von Karma: Deine Einkommensbasis besteht darin, dass du jemand anderem hilfst. Dann bekommst du ein Vielfaches von dem zurück, was du ihm gegeben hast.

Dann müssten theoretisch alle, die ab und zu was spenden, Topverdiener sein.


Ganz so einfach ist es nicht. Karma funktioniert nur dann, wenn man beim Schenken eine bestimmte Technik anwendet.

Und wie geht die?


Ich benutze immer das Bild von einem Samen, den man bei sich im Kopf einpflanzt. Diesen Samen säe ich, wenn ich jemand anderem genau das gebe, was ich selbst haben will. Aber es funktioniert eben nur dann, wenn ich es dem anderen auch wirklich aufrichtig gönne. Und dann funktioniert es mit Sicherheit. In den Jahren, als ich bei Andin war, haben sich die Umsätze jedes Jahr verdoppelt.

Dann haben Sie Ihre Gewinne bei Andin gar nicht mit Diamanten erwirtschaftet, sondern mit Samen in Ihrem Kopf?


Natürlich haben wir das Geld mit dem Schmuckhandel verdient. Aber die Ideen dafür entstehen doch im Kopf. Es muss einen Grund geben, warum manche Menschen gute Geschäftsideen haben und andere keine. Deswegen kann sich in der buddhistischen Lehre das Geld auch ohne Weiteres vermehren. Und zwar so, dass am Ende jeder mehr hat.

Wenn Sie es so gut mit den Menschen meinen, wieso haben Sie sich dann ausgerechnet das Diamantengeschäft ausgesucht?


Ich habe meditiert, um herauszufinden, in welches Business ich einsteigen soll. Dabei ist mir ein Diamant erschienen. Davor hatte ich mich nie für Schmuck interessiert, ich wusste überhaupt nichts darüber. Zuerst wollte mich deswegen auch niemand einstellen - das Diamantengeschäft ist ein sehr verschlossenes. Ich wurde immer gefragt: "Was machen Sie?", und ich antwortete: "Ich bin Mönch." Da durfte ich gleich wieder gehen.

Wie sind Sie dann doch noch an einen Job gekommen?


Ich habe in New York einen Kurs in Edelsteinkunde besucht. Dort habe ich meinen späteren Partner kennengelernt. Er war ein sehr cleverer Schüler, also habe ich ihn gefragt, ob ich in der Firma arbeiten könnte, die er gründen wollte. Er sagte zu, obwohl er mir am Anfang kaum mein Gehalt auszahlen konnte.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?


Gar nicht wichtig. Geld ist mir egal. Aber ich finde nicht, dass es etwas Schlechtes ist. Geld ist wie Feuer: Man kann es benutzen, um sich damit Essen zu kochen oder sein Haus abzufackeln. Ich nutze es im Sinne des Karma, um anderen zu helfen und ein Großteil von dem, was ich heute verdiene, fließt in meine Stiftungen.

Hat der schlechte Ruf des Diamantenhandels Sie da nicht abgeschreckt?


Oh doch. Der Diamantenhandel ist ein dreckiges Geschäft, das Menschen und Umwelt ausbeutet. Die Art, wie Diamanten abgebaut werden, unterstütze ich nicht. Ich habe Russisch gelernt, weil die Russen in der Forschung zur künstlichen Herstellung von Diamanten sehr früh vorn waren.

Wie haben Sie das Karmasystem Ihren Mitarbeitern erklärt?


Ich habe gar nichts erklärt. Ich wollte stattdessen mit gutem Beispiel vorangehen. Das Prinzip ist ja das gleiche: Wenn du erfolgreich sein willst, musst du deinen Mitarbeitern helfen, erfolgreich zu sein. Einer meiner Angestellten hat früher in Indien Kühe gehütet. Ich habe ihm Lesen, Schreiben und unser Geschäft beigebracht. Heute ist er einer der besten Diamantenhändler Amerikas.

Haben Sie auch mal jemanden feuern müssen?


In einem Wirtschaftssystem, in dem alle nach den Grundsätzen des Karma leben, muss man niemanden entlassen. Aber solange nicht alle nach diesem Grundsatz handeln, trifft man manchmal schwierige Entscheidungen. Ich habe übrigens auch mal Leute rausgeschmissen, weil ich sie für zu talentiert hielt. Zu denen habe ich dann gesagt: "Los, werde mein Konkurrent, du kannst doch mehr als nur für mich arbeiten."

Hatten Sie keine Angst, dass Ihre Konkurrenz dann über Ihre Betriebsgeheimnisse Bescheid weiß?
Meine Ideen darf man klauen, ich habe immer genug neue. Natürlich kann man zur Baseler Schmuckmesse gehen, sich einen Schlapphut und eine große Sonnenbrille aufsetzen und dann seine Konkurrenz ausspionieren. Aber man kann auch einfach einen Samen für Kreativität in seinem eigenen Kopf pflanzen.

Moment - nach Ihrer Lehre müsste ich dazu erst einem anderen Kreativität schenken. Wie soll das gehen?


Setzen Sie sich einfach mal abends in Ihren Sessel und überlegen Sie, welche Ideen von Konkurrenten Ihnen gut gefallen haben. Und statt die dann zu kopieren, gehen Sie zu Ihrem Gegenspieler hin und sagen Sie: "Das war eine verdammt gute Idee!"

Das ist ziemlich viel verlangt ...


Nicht, wenn man daran glaubt, dass das System funktioniert. Dann kann man sich ganz entspannt zurücklehnen. Es ist doch genug für alle da.

Hört sich so an, als würden Sie vom Kapitalismus nicht viel halten.
Das stimmt nicht. Von mir aus kann jedes Land sein Wirtschaftssystem behalten. Ich bin auch durchaus nicht der Meinung, dass man alle Banken abreißen sollte. Die Grundsätze der buddhistischen Ökonomie können in jedem System funktionieren. Die Finanzkrise hat allerdings einen Effekt gehabt: Die Menschen sind offener als früher. Sie merken, dass sich etwas ändern muss.

Seit Sie bei Andin ausgeschieden sind, geben Sie Managementseminare und unterrichten an Universitäten. Vermissen Sie das Geschäftsleben manchmal?


Ich habe als Geschäftsmann bei Andin viel gelernt, was ich heute bei meiner Arbeit nutzen kann. Ich bin aber immer noch gut beschäftigt. Auf meinem Laptop sind 5000 tibetische Bücher. Ich habe mit einigen Freiwilligen vor ein paar Jahren angefangen, die alten Schriften abzutippen, weil es in Tibet zu wenige davon gibt. Bis jetzt haben wir etwa zehn Prozent aller Bücher geschafft. Um sie alle abzutippen, werden wir wahrscheinlich 150 Jahre brauchen.

Interview: Georgia Hädicke
Themen in diesem Artikel