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Interview mit New Yorker Autor Tuvia Tenenbom "Ihr habt eine Krankheit, die heißt Antisemitismus"

Monatelang reiste der US-Autor Tuvia Tenenbom für sein neues Buch durch die Bundesrepublik. Im stern-Interview rechnet er schonungslos ab: Deutschland sei bevölkert von verdrucksten Antisemiten.

Der New Yorker Autor und Theatermacher Tuvia Tenenbom sieht Antisemitismus in Deutschland weitaus stärker verbreitet als bisherige Studien dies nahelegen. Auf seiner fast sechsmonatigen Deutschlandreise für sein Buch "Allein unter Deutschen“ habe er festgestellt, dass die "meisten Deutschen“ antisemitisch denken würden, sagte der jüdische Autor in einem Interview mit dem stern, das das Hamburger Magazin in seiner morgen erscheinenden Ausgabe veröffentlicht. Nach längeren Gesprächen habe er immer wieder "die bekannten Sprüche“ gehört, sagte Tenenbom. "70 Prozent des Geldes in der Welt gehört Juden. Die Finanzkrise? Eine jüdische Angelegenheit. Die Juden kontrollieren Obama. Sie beschützen sich gegenseitig.“

Ihn hätten vor allem die vielen "Pseudoliebenden“ in Deutschland gestört, sagte der 55-Jährige, dessen Mutter das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, aber bis zu ihrem Tod nicht davon gesprochen hatte. Er sei mit dem "glasklaren Antisemitismus“ einiger Türken und Araber in Duisburg-Marxloh "viel besser“ zurechtgekommen. "Sie sagen dir ins Gesicht, was sie über Juden denken. You fucking Jew! Und ich antworte: You fucking Muslim! Keine Spielereien, nichts Verdruckstes. Wir haben uns angeschrien und am Ende umarmt. Mit den Deutschen geht das leider nicht.“

"Wir haben eine Synagoge. Nur leider keine Juden“

Tenenbom sieht Antisemitismus als deutsche "Krankheit“, die zu heilen sei, wenn man darüber ehrlich spreche. "Stattdessen gebt Ihr Millionen aus für ein jüdisches Zentrum mitten in München“, sagte Tenenbom in dem Interview. "Für wen? Für die Juden? Ich habe 35 Besucher gezählt, die meisten waren aus Israel.“ Diese Politik sei "lächerlich“, sagte Tenenbom. "Seht, wir haben eine Synagoge. Nur leider keine Juden.“

Tenenbom war zunächst im Auftrag des Rowohlt-Verlages unterwegs. Sein Buch erscheint als deutsche Fassung am 10. Dezember nun aber bei Suhrkamp, nachdem er sich mit Rowohlt überworfen hatte. Dessen Verleger Alexander Fest wirft Tenenbom vor, er habe "wichtige Passagen“ verändern wollen, "in denen es um Antisemitismus ging“. Aus E-Mails zwischen Rowohlt und Tenenbom, die dem stern sowohl von Tenenbom als auch von Rowohlt zur Verfügung gestellt wurden, geht hervor, dass Qualitätsmängel und rechtliche Probleme der Grund für die Änderungswünsche waren.

Martin Knobbe print

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