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INTERVIEW: Rolf Henrich: »Ja, wir waren naiv«

In seiner Erzählung »Die Schlinge« beschäftigt sich der Anwalt Rolf Henrich mit DDR-Schreibtischtätern und deren Richtern.

Sein erstes Buch wurde kurz vor der Wende in den Westen geschmuggelt und dort veröffentlicht. Es hieß »Der vormundschaftliche Staat«, war eine schonungslose Abrechnung mit der DDR und avancierte rasch zum Leitwerk des ostdeutschen Widerstands. Nach der Wende war Rolf Henrich Mitbegründer des »Neuen Forum«, zog sich dann aber aus der Politik in seine Anwaltskanzlei zurück. In seiner Erzählung »Die Schlinge« beschreibt der 57-Jährige nun einen Rechtsanwalt, der einen DDR-Schreibtischtäter verteidigt. Henrich selbst war in einem sehr ähnlichen Fall als Verteidiger engagiert.

Herr Henrich, in Ihrem Buch steht über die innerdeutsche Grenze: »Dort kämpfte Gutes gegen Gutes, Böses gegen Böses, Gutes gegen Böses, Böses gegen Gutes.« Wir dachten, an der Grenze hätten sich gute Ostdeutsche und gute Westdeutsche gegenübergestanden und nicht zueinander gedurft.

Von der ostdeutschen Warte wäre es leicht zu sagen: Da waren ein paar Bösewichte an der Spitze, und wir Trottel sind hinterhergelaufen. Dann müssten wir nur die Bösen bestrafen. Aber das wäre zu billig: Das waren ja oft Leute, die noch gegen den Faschismus gekämpft hatten, die unter der Fahne höchster Menschheitsideale daherkamen und zumindest meine Generation nachhaltig beeinflusst haben. Wir haben uns zwar in der 11. Klasse das Maul über die FDJ-Kreisleitung zerrissen ? aber wenn so ein alter Kämpe reinkam, wurde es ruhig. Waren wir naiv? Na gut, ja, waren wir.

Und wie war das im Westen?

Eins vorweg: Für mich erreichte die Verwüstung Deutschlands in der Errichtung und Verminung der Grenze 1961 ihren Höhepunkt. Im Westen wurde damals auch die Fahne der Ideale gehisst und gesagt: Diese Grenze ist der Preis für deutsche Schuld im Faschismus. Diese Aussage hat die Mehrheit der westdeutschen Politiker geschluckt und verkündet. So kann man eine Grenze auch zementieren.

Ihr Rechtsanwalt Wolfskehl zieht eine zynische Bilanz der Einheit: Geld sei als einziger Wert übrig geblieben. Sieht der Jurist Henrich das genauso?

Ich beschwere mich nicht, und Nostalgie ist in diesem Zusammenhang Blödsinn. Aber das Geld ist das Steuerungsinstrument in diesem gesamtdeutschen Staat, gar keine Frage. In der DDR war es schlicht die Macht. Was mich aber mehr stört: Nach der Wende haben sich meine Landsleute im Osten viel zu schnell wieder in die Mündelrolle begeben. War wohl ein bisschen viel Freiheit auf einmal. Hier war oft das Ziel: Ich muss mich verbeamten lassen. Das wollten fast alle. Um sicher zu sein. Dabei hätte man mal Selbstständigkeit proben können. Schon traurig.

Angenommen, Sie träfen den General Donath aus Ihrem Buch, den Minenleger, auf der Straße ? würden Sie vorbeigehen oder mit ihm reden?

Wenn er mit mir reden wollte, würde ich mit ihm reden. Sonst nicht.

Weil man die Vergangenheit nicht zurückholen sollte?

Man kann gar nicht! Es ist auch sehr schwer, über sie zu richten: Das ist ein zentraler Punkt. Ich glaube erstens, dass in den Grenzprozessen meist Jüngere über Ältere zu Gericht saßen und noch sitzen ? schon das ist ein Problem. Ich glaube weiter, dass ein Fehler gemacht worden ist: Niemand hat sich die Mühe gemacht, die gebrochenen Biografien der Täter ? erst Kämpfer gegen den Faschismus, also Gute, dann Grenzbefestiger, also Böse ? zu begreifen. Denn erst wenn das geschehen ist, können gerechte Urteile gefällt werden. Den ganzen Schlamassel von vornherein der Justiz zuzuschieben, war zu einfach.

Können die Täter auch etwas tun?

Am Ende des Buches mache ich einen Vorschlag, und zwar anhand der Matthäuspassion von Bach. Da ist es so: Jesus sagt: »Einer von euch wird mich verraten.« Und dann führt Bach einen Chor der Jünger ein, die flüstern: »Ich bin?s.« Wenn wir in unserem Land eine Stimmung hinkriegten, in der die Täter ? bildlich gesprochen ? vortreten und bekennen könnten, ohne Scham und Verbitterung, dann wären wir ein ganzes Stück weiter. Und so mancher, der sich bis heute partout nicht als Täter sieht, käme dann vielleicht zur Einsicht.

Interview: Stephan Draf

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