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Krimi-Literatur: Der zartfühlendste Pitbull Bostons

Spenser, Privatdetektiv in Boston: Viele Krimifreunde kennen den smarten Ermittler mit den harten Fäusten und dem feinen Humor nur aus dem TV. Was die wenigsten wissen: Die Bücher sind noch besser. Ein Verlag bringt die Reihe neu an den Start.

Von Carsten Scheibe

Ein Banker wird tot aufgefunden. Die Mörderin scheint seine um etliche Jahre jüngere Frau zu sein: schön, blond und verflixt dumm. Ein klarer Fall? Wohl kaum. Privatdetektiv Spenser wird angeheuert, um in den feinsten Kreisen von Boston zu ermitteln. Sein Auftrag ist es, entweder die Schuld oder die Unschuld der Witwe zu beweisen. Was gar nicht so einfach ist, wenn man den ganzen Tag lang von bösen Buben verfolgt wird und die Zeugen schneller wegsterben als die Fliegen.

Der neue Fall von Spenser beginnt unspektakulär, lässt alle treuen Fans aber trotzdem in Entzücken geraten. Romanautor Robert B. Parker gilt in den USA bereits seit Jahrzehnten als Bestsellerautor, der in einem Atemzug mit den großen Krimiautoren der Gegenwart genannt wird: Elmore Leonard, Andrew Vachss, Joe R. Lansdale. Hierzulande hat sich erst Ullstein der Romane angenommen, dann kamen Goldmann und Rowohlt an die Reihe. Seit dem Debüt "Spenser und das gestohlene Manuskript" im Jahr 1973 hat Robert B. Parker bereits über 30 Romane mit dem taffen Privatermittler an den Start gebracht. Damit kein Bruch in der Sammlung der Fans entsteht, übernimmt ab sofort der Pendragon-Verlag die Veröffentlichung der Spenser-Romane. Der Verlag hat bereits mit der Werksausgabe der neu übersetzten Shaft-Romane bewiesen, dass ihm die Hard-boiled-Krimiszene sehr am Herzen liegt.

Ab 2007 sind zwei Spenser-Romane pro Jahr geplant

"Die blonde Witwe" schließt die Lücke und führt die Spenser-Reihe nahtlos fort. Der Roman ist in den USA unter dem Titel "Widow's walk" bereits 2002 erschienen. Um schnell aufzuholen und die übrigen in den USA bereits publizierten Romane nach Deutschland zu bringen, sollen ab 2007 immer zwei Spenser-Romane pro Jahr erscheinen - übersetzt von Frank Böhmert, der als besonders sprachgewandt gilt, wenn es um die Übersetzung von spritzigen Dialogen geht.

Einzigartige Dialoge und faszinierende Charaktere

"Du siehst so niedergeschlagen aus", sagte ich zu Susan. "Soll ich dich ein bisschen aufheitern und mit dir schlafen?" Die Spenser-Reihe machen bereits nach einigen Seiten süchtig und das liegt ganz klar an den einzigartigen Dialogen und an den faszinierenden Charakteren, die Parker hier für seinen Krimi-Kosmos geschaffen hat. Spenser selbst ist ein Ex-Polizist, Boxer und Hobbykoch, der sich gern wie ein Pitbull in einen Fall verbeißt und dann keine Grenzen, keine Skrupel und keine Diplomatie mehr kennt, sobald er eine Spur wittert.

Seinen Freunden gegenüber zeigt er eine ganz andere Seite - mitfühlend, voller Humor und aufopferungsvoll bis zur Selbstaufgabe. Ihm zur Seite steht die clevere Psychologin Susan Silverman, die mit Spenser liiert ist und von der Gewalt in seinem Beruf zuweilen abgestoßen wird. Spensers Partner in allen Notlagen ist Hawk, ein schwarzer Unterweltler, der als umfassend munitionierte Rückendeckung oft unverzichtbar wird, wenn der Worte genug gesprochen sind und eine zünftige Schießerei oder zumindest Prügelei unter Ganoven ansteht.

Vorgesetzte drücken ein Auge zu, wenn Spenser Gesetze übertritt

Verantworten muss sich Spenser letztlicht Lieutnent Martin Quirk und dessen leicht trotteligen Assistenten Seargent Frank Belson. Beide sind nicht immer begeistert von Spensers Methoden, dafür aber umso mehr von seinen Ergebnissen. Und so drücken sie oft ein Auge zu, wenn Spenser das Gesetz übertritt.

In "Die blonde Witwe" sind sie alle wieder mit von der Partie. Überaus realistisch und mit vielen visuellen Bildern zeichnet Parker einen neuen Mordfall, in dem die feine Gesellschaft und der brutale Mob von der Straße eine gemeinsame Schnittmenge finden. Auch wenn der Krimiplot selbst gar nicht so dramatisch und spektakulär wirkt, ist die Lektüre des Romans doch ein reines Vergnügen.

Spritzige Dialoge, viel Witz, brutale Morde

Parker beweist hier als Preisträger des Edgar Awards für den besten Kriminalroman des Jahres einmal mehr, dass er ein begnadeter Dialogschreiber ist. Ganze Seiten sind nur mit den spitzzüngigen Kommentaren seiner Figuren gefüllt - ein Vergnügen, das zu lesen. Spritzige Dialoge, viel Witz, brutale Morde und äußerst ungewöhnliche Ermittlungsmethoden: Das hat Stil.

Der 1932 in Springfield, Massachusetts geborene Robert Brown Parker hat Spenser noch lange nicht aufgegeben - Jahr für Jahr erscheinen neue Romane aus seiner Feder. Nebenbei hat er mit "Sunny Randall" und "Jesse Stone" noch zwei weitere Romanfiguren am Start, denen er regelmäßig eigene Romane widmet. Die Leser in Deutschland können froh sein, dass es Spenser hierzulande wieder gibt - noch dazu in einer edlen und tiefschwarz gestalteten Taschenbuchausgabe. Schlägt die neue Serie ein, werden nach und nach auch die alten Romane neu übersetzt und erneut veröffentlicht. Bis dann eine wortgetreue Werksausgabe vorliegt, werden allerdings einige Jahre ins Land gehen.

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