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Krimi: Wenn Hitler gewonnen hätte

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten Schumann & Schlenz. Diese Woche: Robert Harris: "Vaterland".

"Mittwoch, 15. April 1964. Xaver März starrte sich im Spiegel an, und ein Sturmbannführer der Waffen-SS starrte zurück. Er nahm seine Dienstpistole, eine 9-mm-Luger, vom Toilettentisch, überprüfte sie und schob sie in das Halfter. Dann trat er in den Morgen hinaus."
(Robert Harris, "Vaterland")

Daran mussten wir uns erst mal gewöhnen - die Hauptfigur dieses Krimis ist ein Ermittler, der die Uniform der SS trägt. Xaver März heißt er, ein Mordfahnder der Berliner Kriminalpolizei, die nach dem Krieg in die SS eingegliedert wurde. Nach dem Krieg? Sie haben richtig gelesen.
Robert Harris entwirft ein düsteres Szenario: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Die Nazis haben ein koloniales Großreich geschaffen, in dessen Zentrum die gigantische, von Albert Speer mit monumentalen Bauten ausgestattete Metropole Berlin liegt. Von den ungeheuren Verbrechen der Nazis in den Kriegsjahren wissen fast 20 Jahre danach nur noch die Täter. Und die versuchen alles, um nichts durchsickern zu lassen. Denn das Reich sucht die Aussöhnung mit den USA. Der Mord an einem hohen Nazi-Parteifunktionär scheint mit all dem auf den ersten Blick nichts zu tun zu haben. Doch Xaver März, ein Freigeist, der unter der Gleichschaltung im Reich leidet, fallen Ungereimtheiten auf. Er beginnt, intensiv zu ermitteln, und untersucht gemeinsam mit einer amerikanischen Journalistin die Vergangenheit des Toten. Und schon bald muss der Kripo-Sturmbannführer erkennen, auf welch lebensgefährliches Terrain er sich begeben hat.

Der Engländer Robert Harris, geboren 1957, ist Historiker mit besonderem Interesse an deutschen Themen. Und, warum sollen wir's verschweigen, dem stern: 1986 veröffentlichte er "Selling Hitler", eine akribische Recherche über die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher. "Vaterland", sein erster Roman, überzeugte uns auf Anhieb, und mit uns weltweit Millionen Leser. In Deutschland hat das allerdings etwas gedauert. 25 Verlage lehnten den Roman als "deutschfeindlich" und "historisch frivol" ab, bis der Schweizer Haffmans-Verlag das Buch schließlich veröffentlichte.

Natürlich ist ein Krimi mit dieser Thematik heikel. Doch Harris bietet keine Nazi-Nostalgie, und den Vorwurf der Deutschfeindlichkeit halten wir nach abermaliger und wieder begeisterter Lektüre für absurd. Der Brite hat ganz einfach einen packenden Thriller mit einem wirklich ungewöhnlichen Setting geschrieben. Was uns vor allem gefiel, ist die gespenstische Darstellung des Alltags in einem Nachkriegs-Siegerdeutschland und der bedrückenden Atmosphäre Berlins. Mittendrin die beiden sympathischen Hauptfiguren, der grüblerische Nonkonformist März und die lebenslustige Amerikanerin Charlotte Maguire.

Unser Fazit: eine finstere Vision. Beklemmend, beunruhigend. Es ist ein schmaler Grat, Nazi-Deutschland als Kulisse für einen Spannungsroman - doch Robert Harris geht ihn traumsicher und stürzt auf keiner Zeile ab.

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