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Literaturtelefon: Bei Anruf Buch

Den Telefonhörer abheben, eine Nummer wählen und fünf Minuten einem Autoren beim Gedichtvorlesen belauschen - das ist die Idee des Literaturtelefons. Doch nun droht der literarischen Institution nach 30 Jahren das Aus.

Diese Devise gilt seit fast 30 Jahren in Kiel: Bei Anruf Literatur! Ob Siegfried Lenz, Sarah Kirsch oder Peter Härtling - so gut wie alle großen deutschsprachigen Schriftsteller haben ihre Romanauszüge, Kurzgeschichten oder Gedichte für die privaten, fünfminütigen telefonischen Lesungen eingesprochen. Doch das älteste Literaturtelefon Deutschlands steht vor dem Aus. "Wir sind wohl nicht mehr zeitgemäß", sagt Angelika Stargardt, die beim städtischen Kulturamt für das Projekt zuständig ist. Im Zeitalter von Internet, Podcast und Hörbüchern ist die Zahl der Anrufer immer weiter zurückgegangen: Im März soll das Telefon eingestellt werden.

Rückblick: Der Kieler Student Michael Augustin stößt in den 70er Jahren in London auf eine Zeitungsanzeige: "Dial a Poem - Ruf ein Gedicht an". Diese Idee begeisterte den jungen Autor so sehr, dass er nach seiner Rückkehr gemeinsam mit dem damaligen Kulturreferenten ein ähnliches Projekt ins Leben rief. "Technisch war das damals natürlich noch nicht so ausgereift. Die Texte wurden einfach auf einen Anrufbeantworter gesprochen", erinnert sich Augustin, von dem der allererste Beitrag für das Kieler Telefon im März 1978 stammte. Später traf er auch den Gründer des weltweit ersten Literaturtelefons in den USA. "John Giorno, gehörte zum Kreis um Andy Warhol und kam in den 60er Jahren auf die Idee." Das neue Projekt in "Kiel, Germany" sei damals sogar bis zu dem Beat-Poeten nach New York vorgedrungen.

Die meisten Literaturtelefone sind schon verstummt

"Die Resonanz in der Anfangszeit war unglaublich, pro Woche riefen über 1000 Leute an", sagt Stargardt. In den letzten Monaten seien es nur noch 80 bis 150 gewesen. Nach und nach sprach sich das Kieler Projekt in der Bundesrepublik herum und einzelne Städte zogen nach. Zeitweise gab es etwa 20 Telefone bundesweit, schätzt die Literaturwissenschaftlerin. Die meisten seien inzwischen verstummt. Sie wisse nur noch von zweien: In Frankfurt und in Oldenburg.

Dem Ende des Kieler Telefons blickt die 51-Jährige wehmütig entgegen. Jahrelang schleppte sie schwere Aufnahmekoffer in Bücherläden oder Hotels, damit die in Kiel gastierenden Autoren, nach den Lesungen noch ein Stück einsprechen konnten. Die Bänder habe sie anschließend noch selbst geschnitten, "mit der Rasierklinge." Die Bezahlung sei von Beginn an unverändert geblieben. "Früher gab's 50 Mark, heute sind es 26 Euro", sagt Stargardt. Für die meisten stehe aber das Projekt selbst im Vordergrund. Dieter Hildebrandt zum Beispiel habe sein Honorar gespendet. Sarah Kirsch gehörte dagegen zu den wenigen Autoren, die sich anfangs zögerlich zeigten. "Sie willigte erst ein, als ein Student vom Literaturtelefon bei strömenden Regen mit dem Aufnahmegerät vor ihrer Tür stand und mit viel Charme überzeugte."

Unbekannte Schriftsteller bekommen eine Chance

Bei wöchentlich wechselndem Programm hat es in Kiel in knapp drei Jahrzehnten etwa 1500 verschiedenen Aufnahmen gegeben. In den Sommerferien lesen Schüler Texte. In einem Aktenschrank in Stargardts Büro sind so gut wie alle beteiligten Autoren abgelegt. Das Register liest sich wie ein "Who's Who" der deutschen Literatur. Neben bekannten Namen wie Günter Grass, Daniel Kehlmann sowie Kieler Größen wie Hans-Jürgen Heise und Feridun Zaimoglu wird auch unbekannten Schriftstellern eine Chance gegeben.

Künftig soll vielleicht ein Internetportal mit literarischen Texten, Hörbeispielen und Fotos die Kieler Bücherfans begeistern. Das sei nichts Neues und kein Ersatz für ein Literaturtelefon, sagt Gründer Augustin. Zudem würden sicher viele ältere Menschen das Telefon nutzen, die keinen Zugang zum Internet haben. "Das Ende des ersten Literaturtelefons ist ein kleiner, aber schmerzlicher Verlust in der Kulturwelt."

Jenny Tobien/DPA / DPA
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