Marina Lewyckas "Caravan" Erdbeerfeld statt Traktor-Historie


Ein 84-jähriger Professor, der einer vollbusigen Wasserstoff-Blondine verfällt, und das quasi mit "Entwicklungshilfe" rechtfertigt. "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" war nicht nur brüllend komisch, sondern auch eine großartige Sozialstudie. Jetzt ist das zweite Buch von Marina Lewycka erschienen.

Ende vergangenen Jahres landete Marina Lewycka einen grandiosen Überraschungserfolg mit einem Buch, dessen Titel eher einem Fachaufsatz angemessen schien. Die "Kurze Geschichte des Traktors auf ukrainisch" hielt sich monatelang in den Bestsellerlisten. Nun folgt der zweite Streich der Britin: "Caravan" heißt das Werk, mit dem Lewycka vom Traktor zum Wohnwagen wechselt. Der Roman beschreibt die Abenteuer ausländischer Erdbeerpflücker in England.

Die Männer und Frauen aus Polen, der Ukraine, Malawi und China leben zu einer Zwangsgemeinschaft vereint in zwei Wohnwagen auf dem Erdbeerfeld eines englischen Bauern. Ihr Pflücker-Alltag gerät aus den Fugen, als ein bewaffneter Menschenschacherer das Trüppchen heimsucht, der widerliche Feldbesitzer unter die Räder gerät und ein Hund die Nähe der Gastarbeiter sucht. In einen der klapprigen Wagen gequetscht ergreifen die Arbeiter die Flucht und es beginnt eine Odyssee, die nicht für jeden der Protagonisten ein Happy End bereit hält.

Liebevoll und überzeugend zeichnet Lewycka ihre Figuren: Irina, die Tochter aus guten Verhältnissen, die von einem Engländer wie aus dem Sprachlehrbuch träumt. Andrij, den Sohn eines Bergarbeiters, der die Rätsel weiblichen Denkens zu ergründen sucht. Den Polen Tomasz, der Gitarre spielt und mit dem Geruch seiner Turnschuhe seine Mitmenschen geißelt, und in Jola verliebt ist, die ebenso üppig gebaut wie tüchtig ist. Komplettiert wird die Gruppe von zwei schüchternen Chinesinnen und einem verträumten Jungen aus Malawi, der seine in England lebende Schwester aus den Augen verloren hat.

Lewycka schreibt höchst unterhaltsam, ihre Geschichte ist originell - es gibt sogar ein Wiedersehen mit einem der Protagonisten ihres ersten Buches - und auch an Skurrilem mangelt es in "Caravan" nicht. Wie schon die Geschichte des Traktors ist auch "Caravan" herrlich komisch und tragisch zugleich, Abschnitten zum Schmunzeln folgen unaufgeregt formulierte Passagen, die wütend und traurig stimmen.

Die Ausnahmeautorin spielt mit Klischees, blickt hinter die Kulissen britischen Wohlstands und lässt den Leser vor Ekel schaudern - beispielsweise wenn sie den Umgang mit Hühnchen in einem Mastbetrieb beschreibt. Lediglich die zentrale Liebesgeschichte erscheint mitunter etwa langatmig und überzogen. Als Fazit gilt aber auch beim zweiten bittersüßen Streich der Britin: Dieses Gefährt ist auf der Überholspur unterwegs und das Mitfahren unbedingt zu empfehlen!

Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und wuchs in England auf. Sie hat bereits Dutzende Romane verfasst, doch erst die "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" fand einen Verleger.

Annett Klimpel/DPA DPA

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