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Mein Leben als Mensch (Teil 112): Sparen fürs Rasen

Sein Erspartes für ein neues Gefährt auszugeben, belebt das Ego und dient dem Status. Nur grundsätzlich gilt zu klären, ob Zweirad oder Auto. Und für das gute Gewissen, wäre ein Elektroauto ideal. Aber wo lädt man es auf, wenn nicht zu Hause? Luxusfragen, die dringend geklärt werden müssen.

Von Jan Weiler

Nick hat sein Erspartes für einen Roller ausgegeben. Für ein grünes Kickboard mit Flammen. Die fast genau 25 Euro in kleinen und kleinsten Münzeinheiten, die er im Sparschwein auf den Tresen des Händlers hob, reichten dafür nicht ganz. Also habe ich den Rest bezahlt, weil es mir unmenschlich vorkam, ihm zu sagen, dass er bei gleichbleibendem Ehrgeiz noch zwei Jahre brauchte, um sich den Roller leisten zu können. Er nimmt sein Board seitdem überall mit hin; im Wald hängt er es sich um wie einen Rucksack, beim Mittagessen lehnt es an seinem Stuhl, im Bett liegt das Ding neben ihm und hat die Schlafschlange verdrängt, die nun eifersüchtig am Fußende auf Rache sinnt.

Diese erste Anschaffung im Bereich individueller Mobilität soll nicht die letzte sein. Heute morgen verkündete Nick, er werde sich ein riesiges Motorrad kaufen, wenn er groß sei. "Ein Motorrad mit 1000 PS und zehn Spiegeln und einem riesigen Auspuff, aus dem Flammen kommen", rief er. Dann sattelte er seinen Roller und fuhr die Straße hinab, von wo er mit einer amtlichen Schürfwunde am Knie zurückkehrte. Ich weiß nicht, ob ich möchte, dass ausgerechnet er Motorrad fährt. Allerdings weiß ich auch nicht, ob ich will, dass überhaupt irgendjemand Motorrad fährt.

Es gibt ja fast gar nichts Uncooleres mehr als Motorräder und die dazugehörenden Motorradfahrer. Man liest, die Klientel dieses Hobbys vergreise rapide, und bald existiere praktisch niemand mehr, der sich noch als Lurch verkleidet auf die Straße wagt, um mit etwas herumzuknattern, das aussieht wie ein Rasierapparat auf Rädern. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Kradfahrer inzwischen rar, eigentlich fallen einem überhaupt nur noch Peter Maffay und Peter Struck ein, und das sagt eine Menge aus über den Popularitätsstand des Motorrades. Komischerweise ist davon übrigens bei uns zu Hause nichts zu spüren, denn alle Motorräder Deutschlands fahren am Wochenende ausgerechnet durch unser Dorf. Die eine Hälfte saust hinein und schaltet dafür vom vierten in den mutmaßlich ersten Gang, und die andere Hälfte saust hinaus und schaltet dabei vom mutmaßlich ersten in den zweiten Gang, was jedes Mal ein großes Hallo gibt. Ehrlich gesagt habe ich große Freude an der Vorstellung, dass 100 Meter hinter dem Ortsausgang eine 300 Meter tiefe und unangekündigte Schlucht gähnt.

Aber nicht nur der Statusgewinn durch den Besitz eines Motorrades gilt als fragwürdig, auch das Auto hat diesbezüglich anscheinend ausgedient. Der Neurophysiologe Peter Kruse schrieb jüngst in der "Süddeutschen Zeitung", die Konsumenten entzauberten das Auto gegenwärtig mit gnadenloser Konsequenz. PS- und Zylinderzahl eines Wagens sind den meisten Käufern ebenso wurst wie Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit. Wer heute noch einen Sportwagen mit 400 PS kauft, setzt sich weniger den neidischen als vielmehr den mitleidigen Blicken seiner Nachbarschaft aus, und Mitleid zu erdulden macht viel weniger Spaß.

Was an die Stelle der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Statussymbole tritt, ist noch nicht entschieden, denn die meisten Alltagsgegenstände sind von einer nur begrenzt variablen Formen- und Materialsprache und eben auch wesentlich billiger als Autos. Es ist nicht anzunehmen, dass wir uns demnächst mit Saftpressen oder Gartenschläuchen oder Mobiltelefonen profilieren, denn selbst die schönsten Exemplare werden gerade immer billiger. Dennoch bin ich sicher, dass der Industrie etwas einfällt, was uns zum Sabbern bringt.

Ich bin auf etwas gestoßen, und ich will, will, will es, obwohl es ein Auto ist. Es handelt sich um einen Porsche Targa mit Elektroantrieb. Das Greenster genannte Modell hat 370 PS, fährt 250 Stundenkilometer schnell und saust lautlos und emissionsfrei dahin, bis es an die Steckdose muss. Man benötigt zum Tanken einen Drehstromanschluss wie für einen normalen Elektroherd, der bisher aber außer in Küchen recht selten ist. Am besten eignet sich der Greenster daher für Einkaufsfahrten ins nächste Dorf. Das ist wahrer Luxus, das ist nicht mehr steigerbare Statuswonne. Dazu trägt auch der Preis bei, denn der Greenster kostet 160.000 Euro. Dafür benötigt man ein ungeheuer riesiges Sparschwein. Eigentlich ein schönes Projekt für meinen Sohn. Aber der will ja unbedingt ein Motorrad, der Oldschooler.

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