Mein Leben als Mensch (Teil 71) Total gestrandet

Von Jan Weiler
Vor diesem Urlaub war ich lange nicht mehr am Strand, denn irgendwie nervt Strand auch ganz gewaltig. Überall klebt Sand, man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen, muss kilometerweit laufen, das Wasser ist zu kalt, und es schwimmt Abfall drin.

Immer ist es zu windig für Federball, und die Preise für Eis an der Strandbude erweisen sich als noch verbrecherischer als die für Fahrkarten bei der Deutschen Bahn. Und dann, wie gesagt, dauernd dieser doofe Sand: in den Ohren, im Essen, in der Badehose. Trotzdem wollte Sara unbedingt an den Strand, den Sand fände sie gerade gut, und ich könne ja auf dem Parkplatz warten, der sei asphaltiert und keinerlei Gefahr für meine Ohren, mein Essen und meine Badehose. Sie hatte romantische Kindheitserinnerungen an Strandurlaube, und die wollte sie auffrischen. Wir fuhren also vom diesjährigen Ferienhaus 80 Kilometer weit nach Westen, um zwischen Italienern und Italienern in Ausbildung einen Strandtag zu absolvieren. Carla und Nick saßen hinten. Unser Sohn unterhielt uns mit der ausführlichen Interpretation seines neuen Lieblingsliedes: "Finger im Po, Mexiko." Ein Land, das solche Schlager hat, braucht keine Atomwaffen, um sich Gegner vom Hals zu halten.

Während Nick sang, Carla sich darüber beschwerte und Sara mit ihrem Vater telefonierte, erinnerte ich mich an meine Kindheit und wie wichtig damals der Strand für uns war. Wir fuhren vor über 30 Jahren gern nach Sylt, mieteten dort ein Haus mit Reetdach und pilgerten jeden Tag über endlose und ölig riechende Holzwege über die Düne an den breiten Strand, aus dem bunte Körbe wie Pilze zu wachsen schienen. Wenn wir einen gekapert hatten, bauten wir sofort einen antiimperialistischen Schutzwall drum herum und verzierten diesen mit Muscheln. Was man halt als deutsches Kind so am Strand macht. Als dann eine Quallenplage aufkam, veranstalteten wir mit anderen Kindern eine Quallenschlacht und bewarfen uns gegenseitig mit den handtellergroßen Dingern. Ein richtiger Krieg war das. Was man halt als deutsches Kind so im Urlaub macht.

Die Warnungen vor Feuerquallen nahmen wir nicht recht ernst, wir hielten die Feuerqualle als solche für eine Ausgeburt unernster Erwachsenenpädagogik, vergleichbar mit Knecht Ruprecht oder dem Schneider mit der langen Schere, der dem Daumen lutschenden Konrad angeblich eben jenen Finger abgeschnitten hat, und dies auch noch mit ausdrücklicher Billigung durch die Frau Mama. Jedenfalls fuhren wir noch am selben Tag ins Krankenhaus, wegen der einen Meduse, die mein Bruder besser nicht angefasst hätte. Aber er konnte ja nicht hören. Es waren aufregende, wundervolle Ferien damals auf Sylt.

Eine Quallenplage droht

An italienischen Stränden sollte es in diesem Jahr haufenweise Quallen der unangenehmen Sorte Rhizostoma Pulmo geben, genau genommen exakt dort, wo wir unseren Badetag abhalten wollten. Dies hatte ich vormittags im Internet recherchiert, aber es half mir nicht, denn Sara fand, dass man dann eben nicht ins Meer könne und dafür mehr vom Sand habe. Carla erklärte, dass sie eine Quallenplage jederzeit jener durch ihren kleinen Bruder vorzöge, und dieser rief, dass er Quallen geil fände. Aber seine Meinung zählt nicht, er findet auch "Finger im Po, Mexiko" geil.

Am Strand angekommen, schärften wir den Kindern ein, unter keinen Umständen ins Wasser zu gehen, und suchten uns einen ganz besonders sauberen Abschnitt aus, an welchem dann ausschließlich blendend aussehende Männer mit engen Badehosen herumlagen. Der Spartacus-Reiseführer für blendend aussehende Männer mit engen Badehosen empfiehlt diesen Strand sehr ausgiebig. Für mich hatte er den Vorteil, dass keine Wespen nach Picknickresten suchten und niemand meine Frau anbaggerte.

An diesem Strand bei Viareggio verbrachte ich nun einen wunderbaren Strandtag. Genau genommen war es aber nur eine wunderbare Strandstunde. Ich holte den Kindern nämlich ein Eis, und auf dem Rückweg war der Sand so irre heiß, die Fußsohlen schmerzten. Also ging ich durch das knöcheltiefe und angenehm kühle Wasser.

Wenn Sie Bekanntschaft mit einer Qualle gemacht haben, müssen Sie die Stellen mit Salzwasser abwaschen, auf keinen Fall mit Süßwasser, denn dabei platzen die auf der Haut verbliebenen Nesselkapseln, und alles wird nur noch viel schlimmer. Glauben Sie's mir.

print

Mehr zum Thema