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Miranda Julys "Zehn Wahrheiten": Schneewittchens wilde Welt

Kullerblaue Augen, unschuldiger Blick und ein abgedrehter Kosmos: Die amerikanische Underground-Ikone Miranda July hat ein aufregendes Debüt geschrieben. Der Kurzgeschichtenband "Zehn Wahrheiten" erzählt von Figuren à la Woody Allen, die irgendwie mit dem Leben zurechtkommen müssen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Hat denn einer hier Langeweile? Das muss nicht sein, denn das Leben kann tatsächlich aufregend sein, wenn man sich nur zu beschäftigen weiß. Anleitung dazu gibt der soeben erschienene Debüt-Kurzgeschichtenband "Zehn Wahrheiten" der amerikanischen Underground-Ikone Miranda July. Beispiel Eins: man trommle drei 80-Jährige zusammen und bringe ihnen das Schwimmen bei - im eigenen Schlafzimmer wohlgemerkt! Weil es bekanntlich nur wenige Schlafzimmer mit Swimming-Pool gibt, nehme man drei Schüsseln mit warmem Wasser und los geht's. Damit die Senioren-Mannschaft auch ordentlich was lernt, sollte man sie entsprechend antreiben, zur Armarbeit ermahnen und den "Schmetterling" fordern. Damit kann man locker ein paar Wochen zubringen. Oder, nächstes Beispiel: man setze sich mit vierzig Frauen in einen Raum und binde sich Stoffservietten um die Augen. Was das bringt? Man wird erfahren, dass es Romantik gar nicht gibt, dass sie ebenso wenig real ist, wie die Welt unter der Stoffserviette. Eine niederschmetternde Erkenntnis - aber hey, das Leben ist kein Spaziergang.

Multitalent mit komischem Kosmos

Doch keine Sorge, Miranda July, Jahrgang 1974, gehört nicht zur lust- und lebensfeindlichen Fraktion. Ihre Hommage an das Leben findet sich in allem, was die kullerblauäugige Amerikanerin auf die Beine stellt. Unter anderem in ihrem seit 2002 laufendem Internetprojekt "learningtoloveyoumore.com". Dort verteilt sie an die User ungewöhnliche Aufgaben. Wer mag, kann sie erfüllen und darüber berichten. Hier eine Auswahl: "Mache eine Kunstausstellung im Haus deiner Eltern" Oder: "Schreibe ein Telefonat auf, das du gern führen würdest." Oder: "Bürste jemandem die Haare." Oder: "Fertige aus einem Kinder-Outfit ein Erwachsenen-Outfit." Also: spricht hier immer noch einer von Langeweile?

Wie Miranda July ihren Tag in 24 Stunden packt, scheint ein Rätsel. Sie ist Performance-Künstlerin, Schauspielerin, Regisseurin, Musikerin und Schriftstellerin. Bis jetzt. Denn in ihrem Leben gibt es keinen Stillstand. Mit 16 Jahren führte sie ihr erstes Theaterstück in einem Punkclub auf, mit 20 konnte sie von ihrer Kunst leben. Im Episodenfilm "Ich und du und alle, die wir kennen" führte sie Regie, spielte die Hauptrolle und schrieb das Drehbuch. Und wenn sie eine Internetseite zu ihrem Buch ins Netz stellt, dann ist das nicht irgendeine Seite, sondern eine Seite aus dem Miranda-July-Kosmos. Und der ist absurd, surreal oder einfach auch "abgedreht". In Amerika erschien ihr Kurzgeschichtenband unter dem Titel "No One Belongs Here More Than You". In zwei verschiedenen Covers: gelb und pinkfarben. Miranda July rät dazu: "Trägt man Gelb, lässt sich das mit dem gelben Buch kombinieren. Trägt man pink, sollte man das pinkfarbene Buch wählen." Und: "Wer eine andere Farbe trägt, muss andere Bücher lesen." Etwas später kommt Miranda July dann doch ins Grübeln: "Vielleicht ist es auch eine blöde Idee. Kein ernsthafter Autor würde das vorschlagen"

Größenunterschied kann sexy sein

Unbestritten, die Frau mit der Schneewittchen-Haut und dem unschuldigen Blick hat Humor. Und ihre sechzehn Stories aus "Zehn Wahrheiten" - in Amerika mit dem höchstdotierten Kurzgeschichtenpreis ausgezeichnet - muss man auch komisch finden. Allein schon wegen der slapstickhaften Elemente und der skurrilen, weltfremden Protagonisten, die wirken, als seien sie aus einem Woody-Allen-Film gepurzelt. Oder weil alles zu absurd ist, um wahr zu sein. Wer muss sich schon die Terrasse mit einem koreanischen Art Director und dessen Frau teilen, obwohl man mit diesen Menschen nicht mal zusammen wohnt? Man muss Miranda July auch einfach lieben für ihre Art, die Dinge zu betrachten. Etwa: "Die Gleichgroßen bleiben lieber unter sich, das schont die Nackenmuskeln. Außer es sind romantische Gefühle im Spiel, da ist der Größenunterschied sexy. Dann bedeutet er: Für dich ist mir kein Weg zu weit." Bisweilen ist die Schreiberin unverschämt, manchmal beängstigend, manchmal grotesk, aber immer auf ihre Art poetisch: "Stühle sind für Personen gemacht, und du bist dir auf einmal nicht sicher, ob du dich dazuzählen kannst."

Auf der Suche nach der Wahrheit darf die Sprache nicht im Wege stehen. Verbales Unkraut reißt Miranda July schon vorher aus oder lässt es gar nicht erst sprießen. In ihrem sprachminimalistischen Stil lesen sich die Geschichten wie E-Mails einer guten Freundin. Nach dem Motto: Komm vorbei, ich brüh schon mal den Kaffee auf und lass uns über das Leben plaudern. Denn das Leben ist, verdammt noch mal, ziemlich aufregend.

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  • Sylvie-Sophie Schindler