MISSIONARS-STELLUNG Blaues vom Himmel


Bernhard Langer schwört drauf: Das Buch »Kraft zum Leben« soll weltweit das Heil Gottes verbreiten. Dahinter stecken christliche Hardliner aus den USA.

Es ist überall. Auf Plakatwänden, in Fernsehspots, in Zeitschriften. Ein blaues Buch, ein prägnanter Titel, drei Worte: »Kraft zum Leben«. Golfprofi Bernhard Langer lacht seinen Mitmenschen entgegen, Fußballer Paulo Sergio, auch der unverwüstliche Cliff Richard lacht. Weil sie Gott gefunden haben. Anbei eine Telefonnummer oder eine Bestellkarte. Für das blaue Buch. Kostenlos, garantiert unverbindlich, für ein erfüllteres Leben.

Wer verschenkt Millionen Bücher ohne Gegenleistung? Ein neuer Guru? Eine Sekte? Die Homepage www.kraftzumleben.de hilft nicht weiter. Nur ein kleiner Hinweis auf die »Arthur S. DeMoss Stiftung«.

Die sitzt in West Palm Beach, Florida, und erteilt Auskünfte nur höchst ungern. Keine Interviews, praktisch keine Stellungnahmen. Vor zwei Jahren immerhin ein paar dürre Worte über das blaue Buch: »Die Arthur S. DeMoss Stiftung lässt ihre Projekte für sich sprechen. «Kraft zum Leben» hat das Ziel, die Menschen damit vertraut zu machen, wie sie eine persönliche Beziehung zu Gott eingehen können.« Ende der Verlautbarung. Arthur S. DeMoss, Jahrgang 1926, hat sein Vermögen mit Versicherungen verdient. Seine Policen verkaufte er vorzugsweise an konservative Christen. Deren Lebenswandel war sauber und risikoarm - wovon die Versicherung profitierte. Fast die Hälfte seiner Einkünfte steckte DeMoss ab 1955 in eine eigene Stiftung. Sein Ziel: die Verbreitung des Wortes Gottes zu beflügeln. »Wir haben genug Missionare«, sagte er, »aber zu wenig Menschen, die den Missionaren große Summen zur Verfügung stellen.« Als DeMoss 1979 starb, verfügte seine Stiftung über mehr als 300 Millionen Dollar und beste Kontakte zum US-Senat.

Inzwischen leitet die Witwe Nancy DeMoss die Geschicke der Institution, die in Amerikas extrem rechten Kreisen einen ausgezeichneten Ruf genießt: Sie setzt sich gegen Abtreibung ein, kämpft gegen Pornografie und Homosexualität. Berühmt wurde die Stiftung durch TV-Spots gegen Abtreibung: Gezeigt wurde das Ultraschall-bild eines Embryos, dazu der Slogan: »Ich hoffe, dass ich im April geboren werde. Aber überall in diesem Land kann ich jetzt gerade abgetrieben werden.« Der PR-Feldzug kostete Millionen. Die politische Organisation von Newt Gingrich, ehemaliger republikanischer Sprecher des US-Abgeordnetenhauses, erhielt von Nancy DeMoss zwischen 1985 und 1993 für ihren Kampf gegen die Abtreibung 70000 Dollar.

Kraft zum Leben - die Kampagne in Deutschland ist die Fortsetzung eines Missionierungsfeldzuges, den die DeMoss-Stiftung seit Mitte der achtziger Jahre in der ganzen Welt führt. Das Buch wurde in 18 Ländern der Erde verschenkt - die Auflage liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Verfasst wurde das Werk 1984

von Jamie Buckingham aus Vero Beach, Florida, der 1992 im Alter von 59 an Leberkrebs starb. Der frühere Baptistenprediger hatte 1967 die »Tabernacle Church«, eine nicht konfessionsgebundene Religionsgemeinschaft, gegründet, der heute etwa 2000 Menschen angehören. Im selben Jahr begann Buckingham vom Heil Gottes zu schreiben - es folgten 47 Bücher, die sich angeblich 34 Millionen Mal verkauften. Buckinghams Witwe Jacqueline: »1984 versuchte die DeMoss-Stiftung, selbst ein religiöses Buch zu schreiben, aber Nancy DeMoss war mit dem Ergebnis unzufrieden. Sie bat meinen Mann um Hilfe, und er schrieb «Kraft zum Leben» in fünf Tagen.« Zentrale Aussage: Nur Gott kann dein Leben retten. Und die Werbung suggeriert: Gott hilft bei den schwierigsten Alltagsproblemen, kämpft gegen Schlaflosigkeit und Nikotinabhängigkeit, macht aus Verlierern Gewinner.

»Genau das finde ich problematisch«, sagt Psychologe Dr. Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. »In dem Buch fehlt der Gemeinschaftsbezug. Zwischen den Zeilen wird der Eindruck vermittelt: Jeder Einzelne hat sein Glück selbst in der Hand. Und wer nicht durch Gott glücklich und erfolgreich wird, der muss etwas falsch gemacht haben. In den falschen Händen richtet es mehr Schaden als Nutzen an.«

Bei Golfprofi Bernhard Langer hat das Werk aber offenbar wahre Wunder bewirkt, denn der Sportler schwärmt: »Ein positives und in jeder Lebensphase hilfreiches Buch. In vielen Zuschriften drückten Menschen ihre tiefe Dankbarkeit aus für die wertvollen Impulse, die sie auf diesem Wege für ihr Leben bekamen.« Amen.

Tobias Schmitz


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