Neue Bücher "Dr. Sex" und "Echolot"


Großen Namen wie Updike, Enquist oder Kempowski, aber auch hoffnungsvolle Debütanten: Der literarische Frühling verspricht unterhaltsam zu werden. Im Trend liegen Romane aus orientalischen Ländern.

Mit einem breit gefächerten Angebot, großen Namen und einigen viel versprechenden Debüts warten die Buchverlage in diesem Frühjahr auf. In der Unterhaltungsliteratur beherrschen vor allem Krimis das Bild, während historische Romane eher in den Hintergrund gedrängt sind. Auffallend ist auch die steigende Zahl an Romanen aus orientalischen Ländern, seien es türkische Familiengeschichten oder historische Romane aus fernöstlichen Kaiserreichen. In der deutschen Literatur melden sich Altmeister wie Christoph Hein und Walter Kempowski ebenso zu Wort wie jüngere, zum Teil kontrovers diskutierte Kollegen. Die Fans des Brasilianers Paulo Coelho können sich ebenso auf ein neues Werk freuen wie die Liebhaber der Romane des nobelpreisverdächtigen Schweden Per Olov Enquist oder des amerikanischen Romanciers John Updike.

Kempowski hat mit "Echolot. Abgesang '45" seinen Collagen-Zyklus aus Briefen, Tagebüchern, Bildern und Aufzeichnungen fortgesetzt und mit dem Jahr des Kriegsendes den Schlusspunkt unter dieses zehn Bände umfassenden Projekts gesetzt. Ähnlich dem Film "Der Untergang" ruft Kempowski die letzten Tage Hitler-Deutschlands in die Erinnerung zurück und legt in dieser Apokalypse Zeugnis ab von politischer Verblendung, Fanatismus, Verzweiflung und Todesangst. Christoph Hein wendet sich hingegen mit dem Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" der Geschichte der Bundesrepublik zu: Ein Vater versucht die Wahrheit über den Tod seines Sohnes zu ergründen, der als Terrorist bei einem Schlusswechsel mit dem Bundesgrenzschutz zu Tode gekommen ist. Die Spurensuche entpuppt sich letzten Endes als Reise in die eigene Vergangenheit.

Zu ihrem 70. Geburtstag im April erscheinen "Sämtliche Gedichte" von Sarah Kirsch. Die Lyrikerin gilt heute bereits als Klassikerin und zählt sicher zu den wichtigsten Dichterinnen der Gegenwart. Auch der Schweizer Adolf Muschg hat einen neuen Roman geschrieben. "Eikan, du bist spät" ist die weise Geschichte eines Mannes in der Krise, die zu überwinden er erst schafft, als er bereit ist, sich aus den Zwängen seiner Herkunft zu befreien. Der Österreicher Gerhard Roth siedelt die Figuren seines neuen Romans "Das Labyrinth" in dem Krisengebiet zwischen Wahn und Wirklichkeit an. Er habe, so sagte er jüngst, ein Buch über Könige, Geisteskranke, Künstler schreiben wollen - "und nicht zuletzt über mich selbst". Eine Krankheit namens Jugend steht auch im dritten Roman des hoch gelobten Andreas Maier im Mittelpunkt. In teils komischen, teils bedrückenden Sequenzen schickt Maier in "Kirillow" eine Gruppe junger Menschen auf die Suche nach Sinn, Glück und Lebenszielen.

Neues vom Nobelpreisträger

In seinem neuen Werk "Das Buch von Blanche und Marie" schreibt Enquist von zwei Frauen und der todbringenden Wirkung ihrer Liebe. Der Schwede versetzt uns in das zu Ende gehende 19. Jahrhundert, als Marie Curie das Radium entdeckte, während an der Pariser Salpetriere Blanche Wittman als "Königin der Somnambulen" präsentiert wurde, bis sich die beiden Frauen begegnen. Coelho lässt seinem "Alchimisten" den "Zahir" folgen, die Geschichte eines Mannes, dessen Frau verschwindet und der sich und die Liebe wiederfindet. Updike lässt in "Sucht mein Angesicht" zwei Frauen 300 Seiten lang miteinander reden und ruft dabei das bewegte Leben der älteren, der Malerin und Malerwitwe Hope Chafetz, noch einmal wach. In dem ebenfalls anspruchsvollen Roman "Magische Saat" beschreibt der in Trinidad geborene Nobelpreisträger V. S. Naipaul das inständige Ringen eines Mannes um Identität. Ein Inder kehrt zurück in seine Heimat und schließt sich einer revolutionären Gruppe an, um am Ende doch zu erkennen, dass deren Kampf nicht der seine ist.

Neben berühmten Autoren meldet sich aber auch eine Reihe erfolgreicher Nachwuchsschriftsteller zurück: Else Buschheuer etwa erzählt in "Venus" eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Erwin Koch wagt mit seiner originellen neuen Geschichte vom "Flambeur" ein Spiel mit dem Feuer. Markus Orths zeichnet in einer Romanbiografie aus dem 17. Jahrhundert das aufregende Leben der "Catalina" nach. Kerstin Hensel spiegelt in ihrem Werk "Falscher Hase" ein Stück deutscher Geschichte im mörderischen Leben zweier Biedermänner. Und Gernot Wolfram schickt seinem Erfolg "Der Fremdländer" die leicht surreal anmutende Chronik von "Samuels Reise" hinterher.

Die Starautoren T. C. Boyle und Nick Hornby gehen ebenfalls mit neuen Werken ins Rennen um die Gunst der Wähler: Boyle nimmt in "Dr. Sex" die Prüderie der Amerikaner in den 40er und 50er Jahren aufs Korn, während Hornby in "A Long Way Down" wieder eine Kostprobe seines schwarzen britischen Humors zum Besten gibt. "I did it my way", gesteht der israelische Kultautor Yoram Kaniuk in seinen in Romanform gefassten Erinnerungen an sein New York der 50er Jahre. Gespannt darf man auch auf den neuen Roman von Philippe Besson "Sein Bruder" sein, nachdem der Franzose mit seiner "Italienischen Liebe" Leser wie Kritiker begeistert hat. Sein Landsmann Pierre Péju wird mit seiner "Kleinen Kartäuserin" nach dem französischen sicher ebenfalls das deutsche Publikum überzeugen, auch wenn diese Hommage an die Literatur und die Buchhändler Melancholie weckt.

Die lange Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Türken und Griechen zentriert Louis de Berniéres in seinem Roman "Traum aus Stein und Federn" auf die Menschen eines kleinen anatolischen Dorfes. Hier wandelt sich im Kleinen das friedliche Miteinander plötzlich in mörderischen Hass, dem am Ende alles zum Opfer fällt. Zu den interessantesten Romanen aus der orientalischen Welt dürfte Abbas Maroufis Werk "Im Jahr des Aufruhrs" zählen, eine unglückliche Liebesgeschichte in den unruhigen Zeiten am Ende des Schah-Regimes im Iran.

Hoch gelobt: Damon Galgut

Unter den vielen neuen Kriminalromanen und Thrillern besticht besonders Arne Dahls neues Werk "Tiefer Schmerz" - und dies nicht wegen, sondern trotz seiner Bestialität. Im Bereich Fantasy werden große Erwartungen in Clive Woodalls "Vogelherz" gesetzt, eine märchenhafte Geschichte vom Kampf des Guten gegen das Böse. Als Nachfolger des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee wird Damon Galgut gehandelt, nachdem sein Roman "Der gute Doktor" in den englischsprachigen Ländern großes Echo fand und für den Man Booker Prize nominiert wurde.

Poesie mit Spannung verbindet Jon McGregor in seinem gefeierten Debüt "Nach dem Regen", der von der Kritik als "ein Traum von einem Roman" ("The Times") gelobt wurde. Zwanzig große Verlage hatten Matthew Sharpes "Amerikanische Familie" abgelehnt, dann landete ein Kleinverlag aus Brooklyn mit diesem Debüt einen Sensationserfolg. Mit viel Ironie schildert Sharpe die heiklen Bande zwischen Eltern und Kindern, und er legt am Beispiel einer modernen Familie die große Verunsicherung einer ganzen Nation frei. Ebenfalls ein Familienporträt, aber eines aus der amerikanischen Arbeiterklasse, hat Joseph Coulson in "Abnehmender Mond" gezeichnet. Eine überaus fesselnde Geschichte von Kindheit im Schatten eines Verbrechens erzählt Susan Fletcher in ihrem Erstlingswerk "Eve Green".

Susanna Gilbert-Sättele/DPA DPA

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