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Patricia Duncker: Inzest-Geschichte als schwer verdaulicher Genre-Mix

In ihrem neuen Roman "Der tödliche Zwischenraum" erzählt Patricia Duncker die Geschichte um das inzestuöse Verhältnis zwischen dem 18-jährigen Toby und seiner nur 15 Jahre älteren Mutter.

Patricia Duncker will in ihrem neuen Buch viel - zu viel vielleicht. So greift die englische Autorin in ihrem Roman «Der tödliche Zwischenraum» das Ödipus-Motiv auf und stellt dem Werk die Frage voran «Geht denn nicht jede Erzählung auf Ödipus zurück?». Doch die Geschichte um das inzestuöse Verhältnis zwischen dem 18-jährigen Toby und seiner nur 15 Jahre älteren Mutter will noch mehr sein als eine verbotene Liebesgeschichte. Duncker, seit 1997 bekannt durch ihren Roman «Die Germanistin» um den Philosophen Foucault, spielt mit verschiedenen Genres, bedient sich der Elemente des Mystery- Thrillers, des Liebesromans, des Krimis und der Horrorgeschichte.

Dazu streut die Autorin in ihr Buch Zitate aus Mary Shelleys «Frankenstein»-Roman ein und spricht die dunkelsten Seiten der menschlichen Natur an. Das wirkt ambitioniert und ist leider arg überfrachtet. Erzählt wird diese eher unglaubwürdige Geschichte aus der Sicht Tobys. «Sie roch nach Zigaretten, wenn sie nach Hause kam. Sie rauchte nicht. Also saß sie entweder in Lokalen rum, in denen viel geraucht wurde, oder sie war mit jemandem zusammen, der rauchte», heißt es an einer Stelle, an der der Sohn Mutmaßungen über ein Verhältnis seiner Mutter anstellt.

Bald erkennt Toby, dass es um den geheimnisvollen Roehm geht, einen Hünen von Mann, unheimlich und nie richtig zu fassen. Er drängt sich in die behütete Welt des Sohnes, zu der neben seiner Mutter die schräge Tante Lucie und deren Geliebte Liberty gehören. Zunächst steht er dem neuen Liebhaber feindselig gegenüber, muss sehen, wie sich die Mutter ihm immer mehr entzieht. Doch Toby kämpft nicht nur um die Zuneigung der sich ihm Entfremdenden, sondern mehr und mehr um Roehm selbst, zu dem er sich körperlich hingezogen fühlt.

Die Figur dieses Mannes bleibt das ganze Buch über mysteriös, seine Motive im Dunkeln. Er bemüht sich um Mutter und Sohn, doch auch seine, wie es scheint, sorgsam ausgewählten Weihnachtsgeschenke entpuppen sich als bedrohlich. Tobys freut sich zunächst über den neuen Computer, doch als er ihn das erste Mal benutzt, findet er auf der Festplatte alle seine eigenen geheimen Dateien wieder. Die Fäden des Geschehens entwirren sich nur langsam, doch die von Roehm ausgehende Gefahr nimmt zu. Am Ende aber dreht sich plötzlich das Blatt, die Rollen von Jäger und Gejagtem werden vertauscht.

Patricia Duncker: Der tödliche Zwischenraum. Roman
Berlin Verlag, Berlin, 295 Seiten, 19,90 Euro

Susanna Gilbert-Sättele / DPA
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