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Per Olov Enquist: "Lewis Reise": Die Geschichte der Pfingstbewegung

In seinem neuen Roman "Lewis Reise" erzählt der schwedische Autor Per Olov Enquist die Geschichte der Pfingstbewegung, die sich von einer kleinen schwedischen Freikirche zu einer weltweit aktiven Religion mit mehr als 250 Millionen Angehörigen entwickelte.

Leser von Per Olov Enquists Bestseller «Der Besuch des Leibarztes» müssen sich beim neuen Roman des Schweden ein bisschen umstellen. Nach der vom Umfang her schmalen, höchst kompaktgeschilderten und von Beginn an fesselnden Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Aufklärer Struensee und der dänischen Königin Caroline Mathilde legt der Autor mit dem Buch «Lewis Reise» einen dicken Wälzer über die schwedische Pfingstbewegung vor.

Vom Aufstieg einer Freikirche

Langsam nur kommt die Geschichte ihres Gründers Lewi Pethrus (1884-1974) und seines Partners Sven Lidmann (1881-1960) in Gang, und nicht jeden mag der Aufstieg einer kleiner schwedischen Freikirche zu einer weltweit aktiven Bewegung mit mehr als 250 Millionen Angehörigen als Thema so unmittelbar in seinen Bann ziehen wie eine tragisch und tödlich endende Liebesgeschichte am Kopenhagener Hof des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Enquist schreibt auch seine eigene Geschichte

Enquist ist als Kind einer freikirchlich frommen Mutter im nordschwedischen Västerbotten aufgewachsen, kennt Erweckungsrituale und andere Ausdrucksformen des religiösen Fundamentalismus aus eigener Erfahrung. Mit der Geschichte des erstaunlichen Erstarkens der Pfingstbewegung zwischen 1913 und den 70er Jahren wollte er auch der eigenen Geschichte nachgehen.

Kräftig in den Vordergrund arbeitet er dabei die Verbindung zwischen religiöser Extase wie beim «Zungenreden» und verdrängter Sexualität. Mit der ihm eigenen milden Selbstironie meint Enquist über die Prägung durch frömmelnde Freikirchler: «Ich habe es überlebt und bin ein ziemlich normaler Mensch geworden, pflege ich mir einzureden.»

Lennon und McCartney der Pfingsbewegung

Sehr hübsch schrieb ein schwedischer Rezensent, Enquists Hauptfiguren Lewi und Lidmann seien der «John Lennon und der Paul McCartney der Pfingstbewegung» gewesen. Ein dankbarer Stoff also für den begnadeten Geschichtenerzähler. Aus der anfänglich engen Partnerschaft zwischen dem Arbeitersohn und genialen Organisator Lewi mit dem früheren Bohéme-Dichter Lidman wird nach 20 erfolgreichen gemeinsamen Jahren bittere Feindschaft, die 1948 zu Lidmans Niederlage und Ausschluss aus der Pfingstbewegung führt.

Der Autor bewegt sich in seinem Roman wie schon im «Besuch des Leibarztes» sehr locker zwischen historisch korrekter Darstellung und Fiktion. Dabei hat er sich viel vorgenommen. Das Spannungsverhältnis zwischen einer von Vernunft und Aufklärung geprägten Weltsicht mit irrationaler Sehnsucht nach bedingungsloser Hingabe interessiert ihn ebenso wie die Frage, warum und wie Ideen zu Massenbewegungen führen können.

Gesellschaftlicher Wandel

Wenn man die «Folkrörelser», die Volksbewegungen von der Arbeiterbewegung über die Sportbewegung, die enorm starke Abstinenzlerbewegung bis eben hin zur Pfingstbewegung nicht verstehe, könne man auch den radikalen Wandel Schwedens «vom ärmsten und zurückgebliebensten Land Europas zu einer hochindustrialisierten High-Tech-Gesellschaft» nicht begreifen.

Mitunter ermüdender Erzählstil

Einheimische Kritiker haben Enquist bei seinem neuen Buch einen allzu breiten und mitunter ermüdenden Erzählstil vorgeworfen. Das mag für deutsche Leser ohne jede Vorkenntnis schwedischer Geschichte noch stärker ins Gewicht fallen. Die Stockholmer Rezensenten haben aber einhellig und zu Recht auch den ganz besonderen Ton des Erzählers Enquist hervorgehoben, bei dem sich Mitgefühl und Distanz mit dem Versuch zum Verstehen einer Person zu einer sehr speziellen und dann doch noch packenden Mischung vereinen.

Per Olov Enquist: Lewis Reise
Hanser Verlag, München
576 Seiten, 24,90 Euro

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