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Philosophie im Alltag: Little Shop of Lebensweisheiten

Große Liebe, Lebenskrise oder Kündigung - wie findet man Orientierung in einer unüberschaubaren Welt? In einem Londoner Laden gibt es Antworten auf existenzielle Fragen - dort hat eine 33-jährige Kunsthistorikerin die Schule des Lebens eröffnet.

Von Cornelia Fuchs, London

Wie kann man mit der Philosophie des griechischen Denkers Platon heute Geld verdienen? Die Antwort auf diese und auf ziemlich viele andere Fragen findet man seit September in einem kleinen oliv-grünen Ladenlokal im Londoner Stadtteil Bloomsbury mit dem selbstbewussten Namen "The School of Life", die Schule des Lebens.

Inhaberin ist die 33-jährige Sophie Howarth, eine Frau mit roten, kurzen Haaren und einer überbordenden Energie. Howarth hat Medizin und Kunstgeschichte studiert und dann sieben Jahre im London Museum Tate Modern die Idee der Kunsterziehung neu erfunden, bis ihr das alles zu langweilig wurde.

Jetzt ist sie Einzelhändlerin, Spezialgebiet Gedankengut der vergangenen Jahrtausende. Wie in einem Museum hat sie in ihrem Geschäft auf Regalbrettern sorgfältig ausgewählte Bücher gruppiert, nie mehr als 52 an der Zahl und niemals nach dem Alphabet geordnet. Stattdessen verkünden Schilder den Sinn hinter der eklektischen Auswahl: "Für die, die sich unerwartet und plötzlich verliebt haben", zum Beispiel. Oder: "Für diejenigen auf der Suche nach sich selbst".

Verrückt-vernünftiges Geschäftskonzept

Es ist eine Art Bonbonladen der Ideen, den Howarth hier aufgemacht hat, eine moderne Akademie der Philosophie nach dem Vorbild Platons, wie sie erklärt: "Ich wollte einen Raum für wichtige Gedanken über Leben und Sterben schaffen." Und schiebt sofort hinterher: "Ich weiß, das klingt verrückt - aber es ist verrückterweise sehr vernünftig!"

Howarth glaubt, dass Londoner schon lange auf so einen Service des Sichtens und Sammelns von Wissen gewartet hat. Vor einem Jahr begann sie, Briefe an die großen Denker unserer Zeit zu schreiben. Den Essayisten und Philosophen Alain de Botton überzeugte sie sofort von der Verkaufs-Idee gebündelter Weisheiten. Wie auch den Fotografen Martin Parr und über 100 weitere Experten – Naturwissenschaftler, Journalisten, Gärtner, den Redenschreiber eines jordanischen Prinzen, Künstler und sogar Fahrrad-Mechaniker.

Lebenssinn in Geschenkkisten gepackt

Kunden können in Howarths Schule Einzelberatungen buchen zu Themen wie "Aphorismen", "Transport" oder "Trauer". Es gibt Seminare zu Arbeit, Leben, Familie, Liebe und Politik - und fürs Nachlesen zu Hause stehen Geschenkkisten bereit, gepackt für die Weltreise durch die Philosophie oder zur literarischen Begleitung einer großen Liebe.

Doch warum geben Menschen fast 100 Euro aus für eine Kiste mit der Anleitung, wie man vom Ohrensessel seinen Horizont erweitert? Oder fast 400 Euro für einen sechsstündigen Abend-Kurs, der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie man glücklicher arbeiten kann? "Weil die 'School of Life' die Probleme von heute mit den großartigsten Geistesblitzen der Denker aller Jahrhunderte angeht", sagt Howarth.

Schwierige Entscheidungen mit den richtigen Fragen bewältigen

Und die werden gebündelt von Menschen wie Alain de Botton, der seit Jahren versucht, Alltag und Philosophie wieder so nahe zu bringen, wie sie es im platonischen Idealzustand einmal waren. Das wird im Seminar zum Thema "Arbeit" zwar niemandem die Entscheidung abnehmen, ob er nun kündigen soll oder nicht. Aber es hilft, die richtige Frage zur eigenen Zukunft zu stellen – zum Beispiel was größer ist: die Angst vor der Niederlage oder vor der Reue, etwas Neues nie ausprobiert zu haben?

Und damit es nicht langweilig wird in ihrem Trödelladen der Philosophie, tauscht Howarth regelmäßig die Schilder vor ihren Regalen aus. Den Kursteilnehmern des Arbeits-Seminars gibt sie am letzten Abend Bücher "für die, deren Arbeit zu klein ist für ihren Geist.“"Darunter findet sich die „Anleitung zum Müßiggang“ von Tom Hodgkinson. Und ein Buch von Friedrich Nietzsche: "Wie man wird, was man ist."

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