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Richard David Precht: "Hegel war ein lausiger Stilist"

Sein Philosophie-Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" steht an der Spitze der Bestsellerlisten. Klar, dass so jemand sofort als "Zeitgeistphilosoph" abgestempelt wird. Aber Richard David Precht möchte die breite Masse erreichen. Ein Gespräch über Natur und Geist, den lausigen Stil von Hegel und die Sanierung von Gedankengebäuden.

Knapp 300.000 verkaufte Exemplare. Für ein philosophisches Buch sind das unglaubliche Verkaufszahlen. Können Sie sich den Erfolg erklären?

Das Interesse an dem Buch ist langsam gewachsen - und das hat natürlich auch mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun. Richtig aufwärts ging es, nachdem das Buch in Elke Heidenreichs Sendung "Lesen!" positiv erwähnt wurde.

Aber Sie sind zudem ja auch eine recht telegene Erscheinung...

...was nicht unbedingt ein Vorteil ist. Bloß weil ich nicht so aussehe, wie man sich einen Philosophen vorstellt, heißt es dann schnell "Zeitgeistphilosoph". Aber das sind alles Bilder und Begriffe, die einem vom Medienbetrieb übergestülpt werden. Ich sage nicht, dass es falsch ist, zu Kerner zu gehen. Nur wird dir dadurch klar, dass dir da jemand etwas überstülpt und damit Bilder produziert. Die einen sagen dann: "Der ist ja schlau". Und die anderen: "Was für'n Lackaffe. Der hat doch noch nicht mal habilitiert!" Aber ich selber habe nie behauptet, dass ich Deutschlands größter Philosoph bin. Diese ganze Maschinerie macht das mit dir.

Im Vergleich zu Frankreich beispielsweise, ist es in Deutschland ja schon eine Seltenheit, dass sich überhaupt jemand ins Fernsehen setzt und sagt: "Ich bin Philosoph. Ich kann wichtige Fragen stellen und auch beantworten."

Eine Zeitlang hatten wir Roger Willemsen als Experten für alle geisteswissenschaftlich-philosophischen Fragen. Oder Sloterdijk und Safranski. Alles keine reinen Hochschulgewächse. Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt der junge Sloterdijk sei. Sondern, dass das, was neben der Uni passiert, mehr wahrgenommen wird. Und ich finde es wichtig, dass auch philosophische Fragen auf einer breiteren Bühne diskutiert werden.

Wie würden Sie Ihr Buch beschreiben? Als eine Einführung in die Philosophie?

Ich würde sagen, es ist eine Orientierungshilfe im Dickicht der Wissenschaften, die sich heute um den Menschen kümmern. Der Versuch, eine Standortbeschreibung zu machen. Was wissen wir? Wo stehen wir? Und das große Thema, das sich unterschwellig durchzieht, ist immer die Frage: Emotion oder Verstand? Das ist eine philosophische Frage und eine Frage, mit der sich auch viele Hirnforscher beschäftigen. Die Philosophen haben seit Kant den Menschen traditionell über die Vernunft definiert. Die Hirnforscher definieren ihn über Gefühle. Damit sind sie zur Herausforderung geworden und haben in gewisser Weise die Deutungshoheit an sich gerissen. Mein Buch versucht, dazwischen die Balance zu halten. Frei nach Kant: Philosophie ohne Naturwissenschaften ist leer. Und Naturwissenschaften ohne Philosophie sind blind.

Eine seltene Haltung für einen Geisteswissenschaftler.

Ich hoffe, dass sie in 20 Jahren häufiger anzutreffen sein wird. Man kann zwar die Grundlagenforschung abtrennen. Aber in dem Moment, wo man Schlussfolgerungen über den Menschen zieht, müssen Natur- und Geisteswissenschaften zusammenkommen. Die heutige Evolutionsbiologie sagt: Wir können alles Verhalten erklären. Und versucht zum Beispiel Unterschiede von Mann und Frau biologisch zu erklären. Damit muss man sich auseinandersetzen. Die meisten Philosophen lehnen es ab, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Das wird sofort als "Naturalismus" abgestempelt. Naturwissenschaftler sagen umgekehrt: Philosophen haben sich 2000 Jahre Gedanken gemacht und es ist nichts dabei herausgekommen. Wir fangen jetzt an und beweisen Sachen objektiv. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte. Aber es gibt Bewegung. Die Philosophen nehmen die Dinge stärker auf, weil sie sich bedroht fühlen.

Und Angst haben, immer weniger Geld zu bekommen, wenn sie zu sehr im Elfenbeinturm verharren. Beschäftigt euch mit anderen Sachen, sonst kürzen wir euch den Etat - droht die Politik.

Und ich finde, auch zu Recht. Die Philosophie ist zu drei Vierteln Altbausanierung im Bereich des Geistes. Ein Viertel beschäftigt sich mit Gegenwartsfragen, wenn überhaupt. Ich würde dieses Verhältnis gern umdrehen. Ich halte die Altbausanierung durchaus für wichtig. Wir müssen philosophischen Denkmalschutz betreiben. Wir brauchen Leute, die ganz genau wissen, was bei Kant steht und in welchem Kontext. Sonst verlieren wir die Grundlage. Aber wir können nicht den Schwerpunkt des Faches rückwärts wenden. Und ich verstehe sehr gut jeden Minister, der sagt: Warum bezahlen wir eigentlich so viele Leute, die sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen? Wir haben doch Riesenprobleme: Was machen die neuen Medien mit uns? Die gentechnischen Herausforderungen? Da gibt es gewaltige Veränderungen. Auch Terrorismus, Datenschutz und so weiter. Das sind alles philosophische Fragen.

Also sehen Sie Ihr Buch als angewendete Philosophie, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellt?

Ja. Ich kann über all diese Themen Fachaufsätze schreiben und habe das auch getan. Aber schon bei den alten Griechen gab es den Gedanken, dass Philosophie ein Teil des Alltags, ein Teil der Politik sein muss. Die Demokratie wurde ja von Philosophen erfunden. Und in der Zeit der Aufklärung - von Rousseau bis Hegel - hat die Philosophie in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft eine große Rolle gespielt. Sie hat eine Legitimationsgrundlage für das Bürgertum geschaffen gegenüber dem Adel. Und Ideen wie Gewaltenteilung und Rechtsstaat befördert. Aber wichtig war auch die Volksbildung. Man muss diese Gedanken aufgreifen und unter die Leute tragen als Philosoph. Und darum ist es völlig klar: Wenn ich ein populäres Sachbuch schreibe, kann ich etwas bewirken. Wenn 250.000 Leute das lesen und sich damit beschäftigen - das ist doch wunderbar. Das Problem in Deutschland ist dieses: Naturwissenschaften darf man popularisieren. Wenn bedeutende Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer, die beide auch eine Menge Ahnung von Philosophie haben, Bücher über das "Ich" und den "Willen" schreiben, dann haben die große Auflagen - trotzdem werden sie in der Fachwelt genauso anerkannt wie vorher, wenn nicht noch mehr. Macht man das als Geisteswissenschaftler, hat man verspielt. Schwanitz ist so ein Beispiel. Der Vorwurf: Das ist doch alles vergröbert und vereinfacht. Vergröbert und vereinfacht ist auch, was die Hirnforscher in ihren populärwissenschaftlichen Büchern schreiben. Ohne dass die Kollegen ihnen das vorwerfen.

Neigt der Geisteswissenschaftler zu Neid und Selbstzerfleischung?

Er neigt zum Dünkel und ist stolz auf seinen Jargon. Der Geisteswissenschaftler unterscheidet sich durch die Kompliziertheit seiner Sprache, die er sich mühsam an der Uni antrainiert hat. Und die von Generation zu Generation vererbt wird. Es gibt genug Kant-Experten, die schreiben heute noch wie Kant. Wobei der sich an der lateinischen Schulgrammatik der damaligen Zeit orientiert hat. Heute macht es überhaupt keinen Sinn mehr, so zu schreiben. Oder zum Beispiel Hegel. Der war ein lausiger Stilist. Also Hegel konnte wirklich nicht schreiben, das ist einer der Gründe, warum die Texte so schwierig sind. Das, was Hegel zu sagen hatte, könnte man deutlich einfacher sagen. Meine eigene Dissertation ist ein aufgeblasenes Zeug, das kann man heute nicht mehr lesen. Ich kann diesen Jargon schreiben. Aber ich bin froh, mich davon befreit zu haben.

Kam dieses Bedürfnis erst auf, als Ihnen klar war, dass Sie keine akademische Karriere machen wollen?

Nein. Ich habe mir schon während des Studiums immer gedacht: Es muss doch möglich sein, eine Sprache zu finden, die zwischen all diesen Inseln vermittelt. Müssen die einen Schach spielen und die anderen Mühle? Zum Teil konnten sich ja die Leute aus der gleichen Fachrichtung nicht mehr miteinander verständigen, je nachdem, welcher Schule sie anhingen. Was für den einen "Dispositive der Macht" waren, nannte der andere "System-Umwelt-Relationen".

Sie erwähnen in Ihrem Philosophie-Buch ja auch freimütig autobiographische Details. Und Sie haben ein autobiografisches Buch über Ihre 68er-Kindheit geschrieben - "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" - , aus dem nun sogar ein Dokumentarfilm entstand. Ist das nicht ein komisches Gefühl, seine Kindheit und Familie so öffentlich zu machen?

Doch. Aber ich erzähle ja auch Vieles nicht. Ich habe nur über meine politische Sozialisation geschrieben, das ist gemessen an dem, was ich erlebt habe, ja nur eine Fußnote. Normalerweise bin ich ein Mensch, der stundenlang mit sich allein ist und gar nicht redet. Und dieses In-der-Öffentlichkeit-Stehen, das ist mir sehr suspekt. Aber man muss dann eben mitspielen.

Aber so richtig schlimm finden Sie das offenbar ja nicht. Sie müssten es ja nicht machen.

Ich finde es gut zu wissen, wie das Ganze funktioniert und selber davon betroffen zu sein, gerade in Zusammenhang mit dem Film. Die Hälfte dessen, was darüber geschrieben wird, ist sachlich falsch, auch wenn die Kritiken positiv sind. Zum Beispiel wird behauptet, dass meine Eltern in der DKP waren - waren sie aber nicht. Selbst die DKP hat sich darüber aufgeregt. Aber die Zeitungen haben das alle voneinander abgeschrieben.

"Lenin kam nur bis Lüdenscheid" war ein Buch über Ihre Kindheit. Inwieweit ist 68er heute noch ein Thema für Sie?

Für ein Kind ist die eigene Kindheit ja immer ganz normal. Doch als die ersten Bücher von 68er-Kindern kamen, habe ich gedacht, man kann doch die Deutungshoheit über diese Zeit nicht denen überlassen, die sich im Fahrwasser der Generation Golf über Idealismus lustig machen. Da habe ich gedacht: höchste Zeit für ein Gegenbuch.

Interview: Andrea Ritter