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SACHBUCH: Allein unter Frauen

Wie lebt sich's eigentlich im Harem? Die Engländerin Phyllis Ellis, Ex-Gouvernante am Hof eines Saudi-Prinzen, gibt Einblicke in eine verschlossene Welt.

Streng genommen ist ihr Auftreten einer britischen Lady nicht angemessen. Ihr Lachen zu schrill. Ihr Gesichtsausdruck zu keck. Ihr Redefluss zu ungestüm. Beim Flanieren durch das arabische Viertel in London dreht sie Pirouetten, hüpft wie ein Teenager. Eine quirlige Dame mit dem Körper einer Tänzerin, schlank und biegsam, auch noch mit 62. Phyllis Ellis scheint für ein ruhiges Leben nicht geschaffen. Der Typ Frau, der zur Malaria-Prophylaxe lieber Gin Tonic trinkt als Pillen schluckt. Was soll schon passieren?

Ihr bisher größtes Abenteuer beginnt 1996 mit der Lektüre einer Londoner Tageszeitung. In einer Stellenanzeige steht: Englische Gouvernante für einen Prinzen und zwei Prinzessinnen der saudischen Königsfamilie gesucht. »Mein Mann John war ganz plötzlich gestorben«, erinnert sich Miss Ellis. »Meine beiden Söhne waren erwachsen, ich fühlte mich leer, einsam und traurig. Außerdem hatte John eine kostspielige Leidenschaft für Segelboote, was dazu führte, dass ich auch noch mit seinem Schuldenberg fertig werden musste.«

Die Lady aus Leigh-on-Sea in Essex bewirbt sich um den Posten, die Kinder Seiner Königlichen Hoheit Prinz Mukrin Ibn Abd Al Asis in englischer Grammatik und Konversation unterrichten zu dürfen. Prinz Mukrin ist ein Bruder von König Fahd und Sohn des Staatsgründers Ibn Saud. Der Palast der Familie liegt in Ha'il nahe der irakischen Grenze, einem Wüstenstädtchen, das aus einem Supermarkt, einer Pizza-Hut-Filiale und mehr als hundert Moscheen besteht.

Phyllis, nicht nur Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin, sondern auch Englischlehrerin für Ausländer, denkt nicht an Schleier und Religionspolizei, Zensur und Ausgehverbote, sondern an die 25.000 Pfund Jahresgehalt - und, in einem Anflug von Romantik, an die legendäre Anna Leonowens, die einst als königliche Gouvernante nach Siam reiste und den Stoff lieferte für das Musical »Der König und ich«.

Im Januar 1997 sitzt sie auf gepackten Koffern. Wegen des Alkoholverbots im Heiligen Land des Islam muss sie auf einen Vorrat ihrer geliebten Likörpralinen verzichten. Und sie erfährt, dass ihre Vorgängerin gefeuert wurde, weil sie rauchte und in kurzen Hosen um den Palast joggte. Ansonsten sind ihre Erwartungen vage.

Zwei Jahre dauert der Ausflug in die Welt des Fundamentalismus - »die man als Westeuropäerin nie wirklich begreift«. Nun hat sie über ihren Kulturschock ein humorvolles, kritisches Buch geschrieben: »Die Frauen des Wüstenpalastes« gibt Einblicke in die hermetisch abgeriegelte Welt saudischer Frauen und erzählt vom Balanceakt eines privilegierten Alltags zwischen Mittelalter und Moderne.

So darf Ellis' Arbeitgeberin, die Prinzessin, zwar nicht ohne Burka und Männerbegleitung in die Stadt fahren, gibt für die hochherrschaftlichen Bankette des Gatten ihre Anweisungen aber per Handy. So fliegt die ganze Sippe im Privatjet - mit vergoldeten Sicherheitsgurten! - von einer Residenz zur nächsten, aber wenn die Gouvernante beim Einkaufen den Schleier lüpft und die Brille ansetzt, um das Preisschild lesen zu können, fürchten ihre arabischen Aufpasser den Untergang des Morgenlandes. »Noch nie«, schreibt Phyllis Ellis vergrätzt, »bin ich derartig von Männern abhängig gewesen.«

Ohne Erlaubnis der Hausherrin, Prinzessin Abtah, darf die Engländerin weder mit ihrer Familie telefonieren noch den Palast oder gar das Land verlassen. Sie darf nie mit ausgestreckten Beinen sitzen, damit die Fußsohlen nicht zu sehen sind, sie darf nicht mit dem Finger deuten - und nicht laut lachen. Eine echte Herausforderung für eine, die genau das am liebsten tut. »Ich wohnte in einem Palast aus rosa Marmor, schlief in einem Himmelbett so groß wie ein Fußballfeld, aber ich hatte mein eigenes Leben nicht mehr unter Kontrolle.« Und ständig die Angst im Nacken, »dass irgendjemand mich beim Aufzeichnen meiner Gedanken erwischt«.

Ihre Schüler sind mäßig motiviert: Der 17-jährige Prinz Bander interessiert sich mehr für Fußball und Falkenjagd, seine beiden Schwestern, neun und 14, sind zu faul zum Englischunterricht; bis 1960 gab es in Saudi-Arabien überhaupt keine Schulbildung für Mädchen, was sollen sie da diese komische Sprache lernen, die im ganzen Palast kein Mensch versteht. Das Lernziel für Bander hingegen ist ganz klar formuliert: Er soll mindestens genug Wörter beherrschen, um ein Konto bei einer englischen Bank eröffnen zu können.

Rund 60 Frauen leben im Wüstenpalast - Kaffeekocherinnen, Köchinnen, Kindermädchen und Ehefrauen der Palastangestellten. Man versammelt sich von zehn bis zum Mittagessen im Tageswohnzimmer der Hausherrin. Abtahs Sofa steht in der Mitte des Halbkreises aus Sitzgelegenheiten vor einem riesigen Fernseher, auf dem Unterhaltungsprogramme aus dem Libanon dudeln. Es wird hauptsächlich geklatscht - über Ehemänner, Schwiegermütter, Diäten -, die Palastfrauen haben Sitzfleisch. »Mich hat dieses Rumhocken ganz kribbelig gemacht«, seufzt Phyllis.

Nach einer langen Siesta trifft sich die Damenriege dann jeden Abend erneut zum Empfang in der Diwanijja, dem Abendsalon. Man küsst sich auf die Wangen - und auf die Nase, die als besonders edles Teil des Gesichts gilt. Das Abend-Outfit reicht vom Kaftan bis zum hochgeschlitzten Designerkleid. Nur frei liegende Achselhöhlen sind verpönt. Bei einem dieser Palaver erfährt Phyllis, »dass sich männliche Reinigungskräfte darüber beschwert haben, dass ich im Bad Unterwäsche zum Trocknen aufgehängt habe«.

Gegen zehn wird das Abendessen serviert. Noch gut erinnert sich Phyllis Ellis an ihr erstes Festmahl: »Ich ließ mich im Schneidersitz nieder und blickte in die starren Augen eines Schafs, das in Gänze gebraten mitten in einem Reisbett thronte. Meine Nachbarin brach ein Stück des Magens ab und reichte es mir. Ich schlang es schnell hinunter und spülte mit Cola nach. Nicht nur Augen, Hirn und Zunge, auch die Füße wurden gegessen. Sie sind ziemlich glibbrig und nicht ganz das, was man in einem Modellkleid gerne isst.«

Nach dem Essen wird getanzt, zu den ohrenbetäubenden Klängen einer mit Handtrommeln ausgestatteten Damenband. Sehr sexy bewegen sich die Ladys, sehr ausgelassen - »aber wozu das alles, kein Mann weit und breit!«.

Nur zweimal begegnet Phyllis Ellis dem Hausherrn allein, einem gebildeten Mann mit Augen wie Omar Sharif. Sie schwärmt wie ein Schulmädchen von ihm. Der Alltag in seinem Heim ist dennoch zum Kraftakt für sie geworden. Sie hat das Leben im Harem manchmal genossen, nie kapiert. Die Hochzeit ihres ältesten Sohnes beschert ihr schließlich das begehrte Ausreisevisum und ein Rückflugticket.

Phyllis Ellis lebt wieder in ihrem kleinen Haus an der Küste von Essex. Sie ist Kolumnistin der lokalen Zeitung, schreibt und hält Vorträge vor Schülern und Studenten über ihr reales Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Und dieses hat, wie alle, eine Moral: dass man meist mehr bereut, was man nicht getan hat. Da kann Miss Ellis nur lachen. Laut.

Irmgard Hochreither

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