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Hitzewelle Dürre in Großbritannien: Eine Insel sitzt auf dem Trockenen

Großbritannien leidet unter extremer Dürre
Ein Ballon fliegt während der Bristol International Balloon Fiesta 2022 über Felder, die durch die lang anhaltende Trockenheit braun und ausgetrocknet sind
© Ben Birchall / PA Wire / DPA
Braune Felder und staubige Flussbetten: Die Dürre hat auch Großbritannien erreicht. In einen Regionen wird das Wasser rationiert. Weitere Gebiete und Maßnahmen könnten folgen. Die Konsequenzen sind schon jetzt dramatisch.

Großbritannien ist naturgemäß für sein eher feucht-kühles Klima, seine vielen Regentage und unwirtlichen Nebelschwaden bekannt. Umso überraschender der Anblick, der sich jetzt bietet. Statt satt-grüner Wiesen und Ackerflächen leuchten zahlreiche Landstriche auf der Insel in den verschidensten Braun- und Gelbtönen. Ein Blick auf die Dürrekarte des britischen Centre for Ecology and Hydrology zeigt: Vor allem die Grafschaften Sussex, Essex, Kent und Thames im Süd-Osten sind von starker bis extremer Trockenheit betroffen. Ähnliches gilt für einige Regionen Cornwalls. Weniger dramatisch sind die Auswirkungen im Norden, doch selbst dort können nur wenige Regionen ansatzweise als feucht bezeichnet werden.

"Wir erleben derzeit eine zweite Hitzewelle nach dem für Teile des Landes trockensten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Regierung und andere Partner, einschließlich der Umweltbehörde, ergreifen bereits Maßnahmen, um die Auswirkungen zu bewältigen", sagte Wasserminister Steve Double nach einem Treffen mit Umweltvertretern und Wasserunternehmen. Nach offiziellen Angaben durchlebt Großbritannien aktuell den trockensten Juli seit 1935. Zudem zählen die Monate seit November letzten Jahres zu den niederschlagsärmsten seit 1976. Die letzte Dürre fand 2018 statt.

In den vergangenen Wochen und Monaten spitzte sich die Lage immer weiter zu, wie der wöchentliche Regenfall- und Fluss-Bericht der britischen Umweltagentur zeigt. Bereits Anfang bis Mitte Juni hat es auf der gesamten Insel kaum geregnet. Schon vor einem Monat leuchteten die Wetterkarten rot, jetzt tun sie es schon wieder. Aus diesem Grund trafen sich am Freitagmorgen Vertreter der National Drought Group, der Umweltagentur und Wasserunternehmen mit Minister Double, um über die aktuelle Lage zu beraten. Ergebnis: Für Teile Großbritanniens wurde der Dürrestatus ausgerufen. 14 Regionen und Grafschaften im Süden und Zentrum Großbritanniens sind davon betroffen. Weitere Regionen sollen im August folgen, wie der "Guardian" unter Berufung auf geleakte Dokumente berichtet.

Dürre trocknet Flussbetten und Wasserreservoirs aus

Für die Bewohner in den betroffenen Gebieten bedeutet das nun, dass das Wasser rationiert wird. Gärten zu gießen, Autos zu putzen, Gartenschläuche zu benutzen oder den Rasensprenger anzuwerfen, sind nun erst einmal verboten. Auch private Swimmingpools und Planschbecken dürfen nicht mehr befüllt werden. Laut einem Bericht der BBC sind von dem Verbot etwa 1,4 Millionen Haushalte betroffen. Ausgenommen sind unter anderem der gewerbliche Anbau von Pflanzen, die Bewässerung von Sportanlagen sowie der Betrieb von Autowaschanlagen.

Bereits am Dienstag hatte der britische Wetterdienst (MET) für den Süd-Osten Großbritanniens und Teile von Wales eine Warnung wegen extremer Hitze herausgegeben. Sie soll nicht vor Sonntag zurückgenommen werden. Die Höchsttemperaturen von über 30 Grad werden für Freitag und Samstag erwartet. Mit der ausgesprochenen Wetterwarnung ermahnte die Behörde die Bevölkerung insbesondere in Essex und Sussex, Wasser zu sparen. Grund ist unter anderem das Hanningfield Reservoir. Dort, wo vor einem Jahr blau schimmernde Weite in der Sonne glitzerte, sind heute weißer Sandstrand, grüne Algenteppiche und blaue Pfützen übriggeblieben. Das eigentlich bis zu 25.500 Millionen Liter umfassende Pumpspeicherreservoir ist auf ein Minimum zusammengschrumpft.

Dürre in Großbritannien
Die Wasserstände am Hanningfield Reservoir in Essex zum Vergleich: Links vom 28.05.2020 und rechts vom 10.08.2022
© Nicholas.T.Ansell / Dominic Lipins / PA Wire / DPA

Ähnliches berichten Touristen, die in den süd-westlich gelegenen Cotswolds an der Quelle der Themse wandern wollen. "Wir haben unseren Urlaub mit einem Spaziergang an der Themse begonnen. Heute Morgen sind wir an der Quelle gestartet, aber wir haben die Themse nicht gefunden", berichtet Michael Sanders dem "Standard". In dem Örtchen Ashton-Keenes ist das Flussbett komplett ausgetrocknet. Übriggeblieben ist brauner bröckelnder Flussboden, über dem Insekten kreisen.

Trockenheit gefährdet Versorgung

Das hat Folgen für die Lebensmittelversorgung. Die Hälfte der Kartoffelernte könnte der Dürre zum Opfer fallen, weil die Felder nicht bewässert werden können. Selbst der Mais, der eher resistent gegen Trockenheit ist, wird in diesem Jahr Schaden nehmen. Weil sich die Stauseen landesweit schnell leeren, werden Verluste zwischen 10 und 50 Prozent für Feldfrüchte wie Karotten, Zwiebeln, Zuckerrüben, Äpfel und Hopfen erwartet. Zudem gefährden Waldbrände große Flächen von Ackerland. Und selbst bei der Milchproduktion könnte es knapp werden, denn für die Kühe gibt es kaum noch ausreichend Futter.

Sollte sich die Lage weiter verschärfen, könnten Wasserversorger die britische Regierung um eine Dürrenotverfügung bitten. So können sie die Wasserversorgung von Haushalten und Unternehmen zu bestimmten Tageszeiten rationieren. Kunden müssten ihren Wasserbedarf dann über Zapfstellen oder mobile Wassertanks beziehen. Wegen erhöhter Brandgefahr könnte die staatliche Naturschutzbehörde zudem Zugangsverbote über bestimmte Gebiete verhängen.

Dass sich die Lage im Herbst wieder beruhigt, gilt als unwahrscheinlich. Während trockene Sommer in den vergangenen Jahren durch nasse Herbste ausgeglichen wurden, soll die Trockenphase laut britischer Umweltagentur bis Oktober anhalten. Grund hierfür seien überdurchschnittlich warme Meeresströmungen und der Klimawandel. Für den Süd-Osten bedeutet das vor allem eines: weiterhin unterdurchschnittlich niedrige Wasserpegel in den Flussbetten. Schlechte Nachrichten für Landwirte. Nach Einschätzung von Klima- und Naturforschern werden sie ihre Saat in diesem Herbst nicht so aussäen können, wie in den Jahren zuvor – wiederum mit drastischen Folgen für die Versorgung im kommenden Jahr.

Keine Besserung in Sicht

Klimaforscher überrascht das alles kaum. Mike Ravington vom James Hutton Institute in Schottland sagte dem "Guardian": "Das Ausmaß der Hitzewellen und Dürren, die wir derzeit erleben, wird seit vielen Jahren von der Klimaforschung prognostiziert. Was wir sehen, ist ein klares Signal dafür, wie die Zukunft aussehen wird." Manche Umweltexperten befürchten, dass sich einige Flüsse und Wasserreservoirs sich schon jetzt nicht mehr von der Dürre erholen werden.

Wenig hoffnungsvolle Aussichten bieten auch die aktuellen Wetterprognosen. Zwar sollen die Temperaturen wieder sinken und auch der ein oder andere Regenschauer über das Land ziehen. Weil der Boden stellenweise aber so ausgetrocknet ist, dass er heftigen Regenfälle nicht abfangen und das Wasser speichern kann, könnte es nach Einschätzung von Meteorologen zu Sturzfluten kommen.

Quellen: UK Centre for Ecology & Hydrology, MET Office, Governement UK, Essex Live, "The Guardian", CNN


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