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SPRACHEN: Briten haben keine »angst« vor »rollmop«

Wenn Sprachschützer über den Einfluss des Englischen auf das Deutsche klagen, vergessen sie gern, dass es andersrum genauso ist. Auf der Insel sind deutsche Worte sogar schwer angesagt.

Seit den Terroranschlägen in den USA sind viele Briten »angst-ridden«, Angst-geplagt. Die Romanheldin Bridget Jones findet neue Trends »zeitgeisty«. Und Tony Blairs Berater Peter Mandelson wird von seinen Gegnern als »spin-meister« kritisiert, als Meister der PR-Intrige. An manchen Tagen könnte man beim Lesen britischer Zeitungen meinen, so mancher Journalist hätte Germanistik studiert. Deutsche Wörter, oft in Zusammensetzung mit englischen, sind »ober-in«.

»Ober« ist stärker als »over«

Um bei »ober-« zu bleiben: Dieser Vorsatz tauchte erst 1993 zum ersten Mal auf und ist seitdem zum Modewort geworden, das in zahllosen Zusammensetzungen verwendet wird: obercharming, obercool, oberblond. Bill Gates wird als »obernerd« tituliert, als Ober-Streber, die USA sind »oberpowerful« (übermächtig). »Man könnte stattdessen oft auch das englische 'over' verwenden, aber 'ober' klingt in unseren Ohren noch stärker«, sagt Jeremy Butterfield, Direktor der Wörterbuch-Sparte des Verlags HarperCollins in Glasgow.

Ganz neu: der »Meister«

Eine Neuentdeckung für die Briten ist auch das altdeutsche Wort »Meister«. Inzwischen gibt es auf der Insel rock meister, culture meister, gag meister, horror meister und puzzle meister. »Das greift um sich«, sagt Butterfield. »Meist sind es Journalisten, die diese Wortschöpfungen als Erste benutzen, weil sie interessant schreiben wollen.« Butterfield hat für die Deutsche Presse-Agentur in Zusammenarbeit mit der Datenbank der englischen Sprache auch herausgefunden, was die am meisten verwendeten deutschen Wörter sind: An erster Stelle steht »Diesel«, gefolgt von »Blitz«, »Alzheimer« und »Angst«.

»Angst« wurde 1849 erstmals von der englischen Schriftstellerin George Eliot benutzt. »Fear« (Furcht) haben die Briten heute vor dem Fliegen oder dem Zahnarzt, »Angst ist existenzieller, dunkler«, erläutert Michael Clark vom Wörterbuch-Verlag Oxford University Press. 1852 fand das Wort »Schadenfreude« Eingang in die englische Sprache. Inzwischen ist es so weit verbreitet, dass es sogar in der US-Zeichentrickserie »Die Simpsons« vorkommt. »In diesem Fall ist das recht einfach zu erklären«, sagt Butterfield. »Wir haben dafür einfach keine Entsprechung im Englischen.«

»Hausfrau« ist nicht »house wife«

Das gleiche gilt für »glockenspiel«, »rollmop« (Rollmops), »kohlrabi«, »dirndl«, »flak«, »doberman«, »rucksack« und »wunderkind«. Andere Begriffe sind einfach wörtlich übersetzt worden, etwa »foreword« (Vorwort) und »G-spot« (G-Punkt). Dagegen ist die »hausfrau« nicht das gleiche wie eine »house wife«; die erste ist ein biederes Heimchen am Herd.

Fallstricke zwischen »leitmotiv« und »götterdämmerung«

Einen intellektuellen Einschlag gibt man sich mit Begriffen wie »leitmotiv«, »hinterland«, »kulturkampf«, »realpolitik«, »putsch«, »weltanschauung« und »götterdämmerung«. »Oft wirken Leute, die solche Wörter benutzen, allerdings eher anmaßend als gescheit«, meint Michael Clark. »Ich habe zum Beispiel mal eine Rede gehört, in der der Referent ständig das deutsche Wort 'Gesellschaft' benutzte. Das Problem war: In Wirklichkeit meinte er 'Gemeinschaft'.«

Christoph Driessen, dpa