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Sprachkritik: Ist "Unwort" ein "Unwort"?

Viele halten das Unwort selbst für eins - und liegen damit nach Meinung der Jury falsch.

Viele halten das Unwort selbst für eins - und liegen damit nach Meinung der Jury falsch. Schon im Wörterbuch der Brüder Grimm sei ein "Unwort" als "böses, beleidigendes Wort" beschrieben, berichtet Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser, der Sprecher des Gremiums, das mit "Gotteskrieger" zum elften Mal ein "Unwort" des Jahres gewählt hat. Doch die Auswahl der gebrandmarkten Begriffe polarisiert.

Unsensibel und diskriminierend

Als die Jury 1993 den Ausspruch von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) vom "kollektiven Freizeitpark" zwar nicht zum "Unwort" wählte, aber als sprachlichen Missgriff rügte, reagierte das Kanzleramt empört. Altenhilfeorganisationen kritisierten 1996, die Jury habe mit ihrer Entscheidung den diskriminierenden und inhumanen Begriff "Rentnerschwemme" überhaupt erst bekannt gemacht. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe, die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie sowie das Deutsche Zentrum für Altersfragen bewerteten die Entscheidung in einer gemeinsamen Erklärung als "unsensibel", "altersdiskriminierend" und "unreflektiert".

"Kulturpessimistische Instanz"

Nach der Kür des Begriffs "Wohlstandsmüll" (1997) hielt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt), Christian Meier, der Jury vor, zunehmend in die Rolle einer kulturpessimistischen Instanz zu geraten. Nestlé-Chef Helmut Maucher hatte arbeitsunwillige, -unfähige und kranke Menschen als "Wohlstandsmüll" bezeichnet. Der Begriff sei ein "hoffentlich letzter Gipfel in der zynischen Bewertung von Menschen ausschließlich nach ihrem 'Marktwert'", hatte Schlosser die Wahl begründet.

Kritik am Sprachgebrauch der Gesellschaft

Meier und manch anderen Fachmann für Sprache überzeugte das nicht. Die jüngsten »Unwörter« seien keine Sprachkritik, sondern eine Kritik am Sprachgebrauch der Gesellschaft, argumentierte Meier. Der Direktor des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache, Prof. Gerhard Stickel, war der Auffassung, ein nützliches und unproblematisches Wort sei getadelt worden.

"Wörter an sich sind nicht böse"

»Es gibt keine per se 'bösen Wörter'«, hielt Schlosser dagegen. »Aber es gibt Einstellungen, Absichten und Situationen, die ein Wort belasten. Wer die Sprache kritisiert und die Sprecher schont, schlägt ebenfalls nur den Sack anstelle des Esels.« Es sei die Haltung, die ein »Unwort« hervorbringe. Dieses »zeichnet sich durch grobe Verzeichnung der Realität und darin womöglich noch durch Verletzung der Menschenwürde aus«.

Schließlich will die jährliche »Unwort«-Wahl laut Satzung nicht zensieren, sondern »für mehr sachliche Angemessenheit und Humanität im öffentlichen Sprachgebrauch werben«. Die Jury wolle die Gesellschaft anregen, über ihre Wortwahl nachzudenken. »Jeder kann anderer Meinung sein«, betont Schlosser. »Unser Erfolg besteht darin, dass diskutiert wird.«

Ira Schaible / DPA
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