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Stanley Kubrick: Es kommt auf die Größe an

Für Filmfans gehört er zu den letzten großen Mythen um das Kinogenie Stanley Kubrick: "Napoléon", der größte Film, der nie gedreht wurde. Zwei Jahre lang hat der Ausnahmeregisseur an dem Projekt gearbeitet, dann wurde es gekippt. Ein 8,6 Kilogramm schweres Buch haucht Kubricks Vision des französischen Herrschers Leben ein.

Von Sophie Albers

Man braucht viel Platz, einen großen Tisch, ein Sofa. Darauf hievt man die 8,6 Kilo Buch. Einen Napoléon-grünen Folianten mit goldenen Prägungen: Napoléonische Bienen, das Napoléonische Wappen, güldene Girlanden. Das Leder knarrt leise, wenn man den Deckel hebt, die marmorierte Innenseite freilegt und das glatte, edle Papier fühlt. Schon ist man drin im Stanley-Kubrick-Universum.

In festen klassischen Lettern, schwarz auf weiß, prangt der Name Napoléon, der für so vieles steht, dass die Fantasie schon ob des Namens durchdrehen könnte: siegreiche Schlachten und tödliche Feldzüge, geniale Machtpolitik und unbändige Liebe, Kalkül und Besessenheit. Napoléon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, ist eine der faszinierendsten Figuren der Weltgeschichte. Da ist es doch nur logisch, dass einer der größten Regisseure der Filmgeschichte dessen Leben und Schicksal verfilmen wollte. Doch kam es nie dazu. Und das ist eine Tragödie, die ein soeben erschienenes Buch zu lindern sucht: "Stanley Kubrick's 'Napoléon': The greatest movie never made". Allerdings muss es dazu offensichtlich so viel wiegen wie ein Kleinkind und so viel kosten wie ein Kleincomputer: 500 Euro.

Der eigene Kubrick-Film im Kopfkino

Zwei Jahre lang, 1969 bis 1970, zwischen "2001: A Space Odyssey" und "Clockwork Orange", hat Kubrick für seinen "Napoléon" recherchiert und gesammelt, was die Welt über den Feldherrn und dessen Epoche hergab. Mitarbeiter schwärmten in Europa aus und trugen knapp 17.000 Bilder zusammen, die zeigen, wie die Menschen in der Zeit von 1769 bis 1821 aussahen, wie sie tanzten, wohnten, sich kleideten, Kriege führten. 15.000 weitere Fotos dokumentieren mögliche Drehorte. Kubrick überließ in seinem Werk nichts dem Zufall, Ungenauigkeit war nicht vorgesehen. Schließlich ging es darum, das Leben und Wirken eines Menschen zu verstehen und verständlich zu machen.

In dem großen grünen Buch ist nach 16 Seiten Schluss mit dem klassischen Napoléon und der klassischen Erwartung an seine Geschichte. Dann werden die Buchseiten zu leeren Rahmen für die Bilder, die Kubrick nie inszenieren durfte, weil die Hollywoodstudios einen Rückzieher machten. Vielleicht weil Kubrick ihnen zu groß dachte, vielleicht weil Dino De Laurentiis Napoléon-Film "Waterloo" (1970) schneller fertig war. In dieser Buchhöhle, einem Freiraum der Imagination, liegen zehn weitere Schriften, dickere und dünnere Bücher, mal mit Papier-, mal mit Textileinband, kurz betitelt: "Drehbuch", "Kostüme", "Texte", "Bilder". Und während man sich durch detailgenaue Kostümentwürfe und deren Umsetzung - um Geld zu sparen, wollte Kubrick Soldaten für Massenszenen in papierne Uniformen stecken -, hunderte Bilder - von alten Musketen bis zum Schlafgemach der Joséphine de Beauharnais -, Briefe, Anmerkungen, Kladden, Interviews und natürlich das offizielle Drehbuch arbeitet, erschafft dieses Event-Buch im Kopf seines Lesers einen ganz eigenen Stanley-Kubrick-Film.

Die Macht der Gefühle

Bleibt die Frage, warum eigentlich Napoléon Bonaparte? Was hat Stanley Kubrick an dieser Figur so fasziniert, dass er in Schwermut verfiel, als das Projekt scheiterte, und er es in Kisten verpackte, die sein Haus bis zu seinem Tode 1999 nicht verließen? Allgemeingültigkeit, bringt Jan Harlan es auf den Punkt, Kubricks Schwager, der seit "Clockwork Orange" als Produzent mit ihm arbeitete. Kubrick habe an der Figur eines charismatischen Anführers die Macht und die Schwäche des Menschen zeigen wollen. "Wir werden alle von unseren Gefühlen geleitet", zitiert Harlan den Regisseur. "Der Glaube, dass unser Handeln von der Vernunft bestimmt sei, ist pure Einbildung." Deshalb ist Kubricks Film-Napoléon nicht nur ein brillanter Feldherr, sondern vor allem auch ein Mann der großen Gefühle. "Wissen, Bildung und Intelligenz haben der Macht von Liebe, Hass, Ehrgeiz und Eitelkeit nichts entgegenzusetzen", so Kubrick. Napoléon sei letztlich nicht gescheitert, weil die Aufgabe seine Genialität überstieg, sondern weil sein Charakter ihr nicht gewachsen war.

Stanley Kubrick habe darauf gebrannt, diesen Film zu drehen, sagt Harlan. Aus der großen Enttäuschung rettete ihn schließlich ein kleines Buch: Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", aus der 30 Jahre später endlich Kubricks Ode an die Liebe wurde: "Eyes Wide Shut". Sein letzter Film.

Kubricks Werke erzählen ihre Geschichten auf vielen Ebenen. In ihrem Kern arbeiten sie sich immer ab an der Komplexität des Menschseins an sich. Da scheint die Größe des Napoléon-Buches dem allumfassenden Anspruch Kubricks nur angemessen. 180 Minuten Zeit wollte der Filmemacher dem Schicksal des "aufgeklärten Despoten", wie er Napoléon nannte, geben. 50 bis 60 Millionen Dollar Budget waren vorgesehen. Was den Buchpreis von 500 Euro betrifft, verspricht der Taschen-Verlag eine günstigere wie handlichere Version des imposanten Werkes. Das werde allerdings noch etwas dauern. Kubrick-Fans haben immerhin 40 Jahre gewartet, um in das Napoléon-Universum eintauchen zu können. Denn auch zehn Jahre nach seinem Tod lebt Kubrick für viele Menschen in aller Welt weiter.

"Stanley Kubrick's 'Napoléon': The greatest movie never made", 2874 Seiten, 500 Euro, Taschen-Verlag

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