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Stella Rimington: Streng vertraulich

Früher schrieb sie für den Premierminister, jetzt für Sie: Stella Rimington leitete den britischen Geheimdienst, bevor sie Thriller-Autorin wurde.

Was ist echt, und was ist Krimi? Erstens: Die britische Geheimdienstchefin steht vorm Premierminister und muss sagen: "Zwei islamistische Terroristen sind unerkannt nach England eingereist. Wir wissen nur, dass sie einen großen Anschlag planen. Wo und wann, wissen wir nicht." Zweitens: Die Geheimdienstchefin steht vorm Premierminister und muss sagen: "Die IRA will eine Lastwagen-Bombe in der Londoner City zünden. Wo und wann, wissen wir nicht."

Zweitens: Die Geheimdienstchefin steht vorm Premierminister und muss sagen: "Die IRA will eine Lastwagen-Bombe in der Londoner City zünden. Wo und wann, wissen wir nicht."

Hört sich beides realistisch an. Das muss daran liegen, dass Stella Rimington bis 1996 Chefin des britischen Inlands-Geheimdiensts MI5 war und die IRA-Geschichte erlebte, bevor sie Autorin wurde - und Version eins erfand. Die natürlich noch ein bisschen komplizierter ist: Nur einer der Terroristen ist Araber, seine Komplizin eine bislang unbescholtene junge Britin, zu allem entschlossen, der Polizei unbekannt - und deshalb doppelt gefährlich.

Na, los, Frau Rimington, jetzt mal aus dem Nähkästchen, haben Sie so was erlebt als Spionin? "Hmmmm", sagt sie, dann schaut sie durchdringend, und es fällt auf, dass sie in ihrem privaten Büro in einem cremefarbenen Kostüm vor einer cremefarbenen Wand sitzt. Man bekommt das Gefühl, die 70-Jährige sei mit der Wand verschmolzen, aus der jetzt nur noch ihre besonnenen Augen schauen. "Nein", sagt sie, "habe ich nicht erlebt. Selbst wenn, würde ich es nicht erzählen. Ich habe über 30 Jahre im Geheimdienst gearbeitet."

Noch nicht mal ihren Töchtern durfte sie von ihrem Job erzählen: "War gar nicht schwer, für die beiden habe ich bei irgendeiner Behörde gearbeitet. Nur dass Mama immer vorm Fernseher jubelte, wenn ein russischer Agent ausgewiesen wurde, fanden sie ein bisschen komisch." Ohnehin, die alten Zeiten, sie waren besser: "Damals wusste man ja, wo man angreifen musste: Die Spione saßen in osteuropäischen Botschaften und die IRA auf einer Insel. Islamistische Terroristen sind wirklich fast unsichtbar."

Aber auch keine Bestien,

jedenfalls nicht in ihrem Thriller "Stille Gefahr", der als Hase-und-Igel-Spiel beginnt: Die Terroristen auf dem Weg zum Tatort, der britische Geheimdienst verzweifelt bemüht, sie abzufangen. Doch dann stattet Rimington ihre Bösewichter mit einem Motiv aus, das sie in jedem Hollywood-Film zu Helden werden ließe und aus diesem bislang ordentlichen Thriller einen herausragenden macht: Der arabische Kämpfer nämlich hat seine Familie durch eine amerikanische Rakete verloren - und handelt weniger im Namen Gottes als im Zeichen der Rache. Steckt dahinter eine Botschaft, Frau Rimington?

"Ich bin ja im Ruhestand und darf mich jetzt politisch äußern", sagt sie fast genüsslich, "und deshalb auch sagen, dass der Irak-Krieg ungefähr die dümmste Methode ist, mit dieser Bedrohung umzugehen. Unsere Regierung sollte wissen, dass man Radikal-Islamisten nur dadurch das Wasser abgräbt, dass man die Lebensbedingungen ihrer Landsleute verbessert. Ich bin wirklich erstaunt, dass die Regierung bei diesem Feldzug mitgemacht hat." Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass Stella Rimington auch eine gute Premierministerin wäre. Ach ja, Premierminister. Was hat John Major, seinerzeit Regierungschef, eigentlich damals zum Lastwagen gesagt, der IRA und der Bombe? Rimington lacht, sehr britisch und maliziös: "Ich muss vorausschicken: Wir haben die Bombe gefunden. Und John Major hat gesagt: 'Tun Sie Ihr Bestes.' Und damit hat er uns natürlich sehr geholfen."

Stephan Draf / print