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Stephanie Gräfin von Pfuel: Ausgeschlafenes Power-Dornröschen

Einem Millionenpublikum ist Stephanie Gräfin von Pfuel als Kaffeetrinkende Edelfrau aus einem Werbespot bekannt. Das wahre Leben der toughen Aristokratin ist aber alles andere als prinzessinnenlike. Davon berichtet sie in ihrer neuen Autobiografie "Wenn schon, denn schon". Ein Besuch bei der Schlossherrin.

Von Irmgard Hochreither

Der Eingang zum Schloss liegt mitten im Dorf. Gleich neben dem Rathaus, schräg gegenüber von Manu's Frisierstube, der Schlecker-Drogerie und Rollläden Gratzl. Tüssling in Niederbayern ist ein verschlafenes Landidyll mit rund 3.000 Einwohnern, einem SPD-Bürgermeister - und einer Schlossherrin, die weiß, dass man ordentlich auf den Putz hauen muss, wenn man was erreichen will.

"Die Chefin kommt gleich", sagt ein freundliches Wesen in weißer Kittelschürze, bittet in einen Raum von imposanten Ausmaßen und serviert Kaffee und Plätzchen. "Die Chefin"! Das klingt überraschenderweise nicht nach verordneter Servilität. Eher nett, nach liebevoller Anerkennung. Die zwei wuchtigen weißen Designer-Sofas, flankiert von poppig-bunten Leuchttischchen, der Schreibtisch im Turmerker und eine Art postmoderne Chaiselongue in Form eines Boxhandschuhs geben dem Arbeitszimmer eine extravagante Note. Würde man von der Ausstattung dieses Büros auf die Persönlichkeit der Benutzerin schließen, könnte man zu dem Schluss kommen: In diesem Märchenschloss waltet ein ziemlich ausgeschlafenes Dornröschen mit Sinn für Stilbrüche. Noch bevor die Hausherrin auf der Bildfläche erscheint, ist sie zu hören. Ein fester, raumgreifender Schritt. So gehen Leute, die ihre Ziele genau im Visier und keine Zeit zu verlieren haben.

Die Chefin passt wunderbar in diesen hohen Büro-Saal. Stephanie Gräfin Bruges von Pfuel ist 45 Jahre alt, misst 1,85 Meter und scheint hauptsächlich aus wohlgeformten Beinen zu bestehen. Eine hübsche Riesin mit zart gebräunter Haut, blonden Haaren und kornblumenblauen Augen. Auch wenn die Röhrenjeans die schlanke Figur vortrefflich betont, die Schlossherrin gehört zu jenen Geschöpfen, die auch in einem Kartoffelsack ein "Eye-Catcher" wären. Millionen TV-Zuschauern ist Frau von Pfuel allerdings in eleganter roter Abendrobe in Erinnerung, als "Gala"-trinkende Edelfrau aus dem Eduscho-Werbespot, die inmitten einer Kinderschar durch einen barocken Prachtsaal wirbelt. Danach erhielt die "Kaffee"-Gräfin massenhaft TV-Angebote für allerlei "Benimm"- und "Deutschland sucht die Superhausfrau-Supermutti"-Soaps. Und erst kürzlich kam eine Offerte, für die Serie "Frauentausch" in einen Plattenbau zu ziehen. Aber es interessiert sie nicht die Bohne, sich derart zu produzieren. Ein bisschen Niveau möchte schon sein.

Gräfliches Leben auf einer Baustelle

Im Alltag "der Chefin" bündeln sich ohnehin so viele Aufgaben und Verpflichtungen, dass dem unbedarften Betrachter leicht etwas schwindelig werden kann. Also der Reihe nach. Die adlige Dame ist alleinerziehende Mutter von sechs Kindern zwischen fünf und 17 aus zwei Ehen, wurde gerade zum dritten Mal geschieden und führt derzeit eine Wochenend-Beziehung mit einem Kunstbuch-Verleger aus Düsseldorf. Als Alleinerbin wohnt sie mit ihren vier Töchtern, zwei Söhnen, einem neuseeländischen Kindermädchen, zwei Jack-Russel-Terriern, fünf Pferden und etwa 70 unter Artenschutz stehenden Fledermäusen im Tüsslinger Schloss. Eine Sekretärin, eine Buchhalterin, eine Pferdepflegerin, eine Köchin und zwei Zugehfrauen komplettieren die effiziente Weiberwirtschaft.

Klingt super. Doch in Wahrheit ist das gräfliche Leben seit Jahren eine Baustelle. Die einzigen Männer im Haus sind drei polnische Handwerker, die sich seit Anfang der 90er Jahre dauerhaft in einem der Betriebsgebäude eingerichtet haben. Für Renovierung und Erhalt des Renaissance-Gemäuers aus dem Jahr 1567 hat die Eigentümerin bisher rund zwei Millionen Euro aus dem väterlichen Vermögen investiert. Ein Ende ist nicht in Sicht. Viele der etwa 90 Zimmer rotten immer noch im Rumpelkammer-Zustand vor sich hin. Derzeit konzentriert sich die Verjüngungskur auf das alte Sudhaus der ehemaligen Brauerei. Um die enormen Energiekosten zu senken, ließ die clevere Rechenkünstlerin die Öl- durch eine Holzschnitzelheizung ersetzen, in der sich sogar der Pferdemist verfeuern lässt, und die schlosseigene Turbine zur Stromerzeugung wieder herrichten.

Weiter gehören zum Familienbesitz ein weitläufiger Park, Felder und 1.100 Hektar Wald. Die studierte Forstwirtin managt nicht nur die Holz- und Landwirtschaft, nach jahrelanger Schloss-Renovierung ist sie mittlerweile auch Expertin in Sachen Biberschwanz-Dachziegel, historischer Sgraffito-Putztechnik und Freskenmalerei, kann T- von I-Trägern unterscheiden und weiß alles über Mauerinjektionen gegen Feuchtigkeit und über Kupferbänder gegen Moosbefall auf dem Dach. Um das Geld für die laufenden Kosten aufzutreiben, vermietet sie als Eventmanagerin die restaurierten Pracht-Säle für exklusive Partys und Hochzeiten, veranstaltet Freiluftkonzerte, eine Gartenmesse und einen Weihnachtsmarkt. In Planung für nächstes Jahr: Gourmet-Tage und eine Messe rund ums Kochen. Und weil Not ja bekanntlich erfinderisch macht, hat Gräfin Stephanie, um die renovierten Räumlichkeiten zu möblieren, einfach antike Tische, Stühle und Kommoden auseinander montiert und zu neuen Möbeln recycelt. "Es macht mir Spaß", sagt sie, "Echtes und Unechtes ein wenig durcheinander zu bringen." Bloß keine öde Harmonie, "das langweilt mich maßlos." Ach ja, dann sitzt sie noch für die CSU im Gemeinderat und mischt sich mit Leidenschaft in die Kommunalpolitik. Als wäre das alles nicht genug, erscheint nun Anfang September auch noch das Buch zum Schloss. Titel: "Wenn schon, denn schon".

Mischung aus Autobiografie und Adelsroman

"Das mit dem Buch, ist nicht auf meinem Mist gewachsen", sagt die Autorin und es klingt fast entschuldigend. "Ich habe mich wirklich gefragt, warum sich jemand für mich und mein Schloss interessieren sollte?" Aber eine Verlagslektorin, die mit eigenen Augen die renovierten Gemächer besichtigt hatte, war da ganz anderer Meinung. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Autobiografie, Adelsroman und Schlossrenovierungs-Krimi. Mit überraschenden, manchmal kuriosen Einblicken in das Leben von Blaublütern.

So erfahren die Leser, warum die damals 21-jährige Forstwirtschaftsstudentin in erster Ehe den gleichaltrigen ungarischen Grafen Benedikt von Batthany heiratet. Und wie sie sich mit den Eltern des Angetrauten aufmacht ins Burgenland, um im Schloss der Ahnen den Zustand der einbalsamierten Adels-Sippe zu inspizieren. Als die Deckel der Sarkophage geöffnet werden, fällt ihr Blick auf 300 Jahre alte mumifizierte Gestalten mit eingefallenen Gesichtern und verfilzten Zottelmähnen. Ehemalige Würdenträger in verblichenen Uniformen, Adelsfräulein in brüchigen Prachtroben. Was sich liest wie eine Neuauflage aus "Tanz der Vampire", war für die noblen Schwiegereltern ein ganz normales, heiteres Familien-Ritual.

Tollkühne Flugmanöver

Mit leichtem Grausen erinnert sich Gräfin von Pfuel auch an die tollkühnen Flugmanöver an der Seite ihres 1991 verstorbenen Vaters. "Mein Vater liebte die Gefahr", erzählt sie, "im Krieg war er Stukaflieger". Später schaffte er sich eine Do 27 an. Ein echtes Oldtimer-Fluggerät. Wenn sie als kleines Mädchen neben ihm saß, durfte sie weder Blitz noch Donner fürchten. "Ich war sein couragiertes Fienchen. Er flog waghalsige Loopings, raste im Sturzflug auf unser Schloss zu, schrappte ganz dicht an den Türmen vorbei oder schaltete den Motor aus, um die Segelfähigkeit zu testen. Zum Glück ist das Ding nach einigem Gurgeln und Spucken kurz vor der Landung immer wieder angesprungen."

Dabei war das Verhältnis zu ihrem Vater höchst problematisch. "Er war ein autoritärer Machtmensch. Sein strafender Blick war für mich schlimmer als eine Ohrfeige meiner strengen Mutter. Unsere Beziehung war eng, intensiv und reich an Konflikten." Nur um ihm zu gefallen, studierte sie Waldbau statt Medizin. Doch als sie nach dem Studium im väterlichen Forstbetrieb mit der Arbeit begann, "ließ er mich ständig auflaufen, hatte für mich nichts übrig als Kritik, Belehrung und Spott. Er schaffte es einfach nicht, die Führungsrolle abzugeben."

Keine Liebe überlebte den Alltag der Powerfrau

Trotzdem: Kein anderer Mann hat die 45-Jährige so geprägt. Sie übernahm seine Liebe zur Natur, zum Wald, zum Landleben, seine Wertevorstellungen von Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Tatkraft. Wenn man etwas anfängt, muss man es auch zu Ende bringen. Dieser - seiner - Devise hat sie ihren Lebensstil angepasst. "Kann schon sein, dass ich einen Vaterkomplex mit mir herumschleppe", meint sie selbstkritisch. Die Wahl ihrer Ehepartner spräche dafür. Als Väter ihrer Kinder suchte sie sich Männer aus, die wesentlich älter waren. Zielsicher flog sie immer wieder auf den gleichen Typ Alpha-Männchen: selbstbewusst, weltgewandt, charmant, witzig - aber ohne Talent für ein ländliches Clan-Leben, in dem sie "die Chefin" ist. Die Liebe jedenfalls überlebte den Alltag an der Seite dieser Powerfrau nicht. "Dabei bin ich mit Leib und Seele Familienmensch", sagt sie und es hört sich ein bisschen traurig an.

Doch nicht einmal nach der dritten gescheiterten Ehe sei sie jemals auf die Idee gekommen, einen Verwalter einzusetzen und sich einem stressfreieren Dolce Vita zwischen München und Marbella hinzugeben. Das wäre auch nix für eine, die daran gewöhnt ist, jeden Morgen mit geschultem "Borkenkäferblick" durch den Forst zu düsen, dann mit ihrem Nachwuchspferd Lord für zukünftige Dressur-Prüfungen Traversaden zu üben, nachmittags die Hausaufgaben der siebenjährigen Milana zu überwachen, mit den Handwerkern über Fliesenqualitäten zu diskutieren, die Rosenbeete von Unkraut zu befreien - und vor allem, immer wieder neue Geldquellen zu erschließen, um all das bezahlen zu können. Doch auch für eine geschäftstüchtige Frau wie sie, gibt es Grenzen. Als im Jahr der Fußball-WM 40 zahlungskräftige Mexikaner mit Sack und Pack für sechs Wochen ins Schloss ziehen wollten, lehnte sie ab. Und ließ sich 100.000 Euro durch die Lappen gehen. "Ich hätte in der Zeit mit meinen Kindern ausziehen sollen", erklärt sie, "aber das hier ist mein Haus und kein Hotel."

Adel verpflichtet. Manchmal eben auch zu Verzicht. "Das Schloss hier", sagt sie energisch, "ist wie mein siebtes Kind. Es für die nachwachsende Generation zu erhalten, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe mich darauf getrimmt, ständig mit Scanner-Blick die Gebäude abzusuchen, damit ich sofort reagieren kann, wenn irgendwo ein paar Dachziegel undicht sind und Wasser eindringt."

Luxuriöses Prinzessinnen-Leben sieht anders aus

"Mein Tag beginnt morgens um 6.30 Uhr und meist falle ich abends um kurz nach acht in den Tiefschlaf." Luxuriöses Prinzessinnen-Leben sieht sicher anders aus. "Aber nichts und niemand", sagt Frau Gräfin, "werden mich je hier weglotsen." Und so lodern auch die Gefühle für den 54-jährigen Verleger Hendrik teNeues, Ex-Mann von Dschungelcamp-Insassin Caroline Beil, auf Distanz. Und das sei - bei aller Liebe - gut so. "Ganz ehrlich", sagt Stefanie von Pfuel, "ich brauche keinen Mann zum Glühbirnenauswechseln, zum Waschmaschine reparieren, zum Nagel in die Wand hauen. Das kann ich alles selber. Ich liebe Hendrik, aber ich brauche auch Zeit für mich - und die Kinder. Ich finde es wunderbar, wie es ist." Und dann ist sie schon wieder auf dem Sprung. Kunden warten auf eine Führung durch die Prachtsäle. Den Barocksaal vermietet die Chefin für 7500 Euro pro Tag. Ein exklusiver Spaß für die zahlungskräftigen Gäste. Aber es soll sich schließlich lohnen, sein Haus zur Partyzone zu machen. Wenn schon, denn schon.