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Stephen King: "Puls": Der Horror der Handys

Mit "Puls" legt Stephen King seinen neuesten Roman des Schreckens vor. Dieses Mal wird er aber nicht von Monstern aus dem All, irre gewordenen Bernhardinern oder lebendigen Autos verbreitet, sondern von Handys.

Vor 20 Jahren habe ich meinen ersten Stephen King im Buchladen gekauft und dann sofort verschlungen. Seitdem bin ich süchtig und King gilt uneingeschränkt als mein Lieblingsautor per se. Ich habe "Carrie" von Anfang an gehasst, konnte dafür beim irren Hotelschocker "Shining", dem besessenen Auto "Christine" und beim verrückten Bernhardiner "Cujo" nicht mehr von den Buchseiten lassen. Ich liebe die dicken Wälzer, vor allem die ungekürzten Versionen von "Es" und "The Stand: Das letzte Gefecht".

Auch die neuen Bücher sind zum Teil wirklich irre. "Sara" war einer der besten romantischen Spukromane, die je auf dieser Erde geschrieben wurden. "Das Mädchen" über ein kleines Mädchen, das sich in einem nie enden wollenden Wald verirrt, war eine wirkliche Offenbarung - und das ganz ohne Monster, Mumien und Mutationen. Und "Duddits", das ist einer der besten Splatterromane, die ich bislang gelesen habe.

Stephen King ist ein Autor, der es wie kein anderer schafft, wunderbar authentische Charaktere zu erschaffen und dazu auch noch perfekte, ungestelzte Dialoge zu schreiben. Der Horror in allen Büchern war stets nur vorgeschoben, um über ganz alltägliche Sachen zu schreiben - über die Ängste der Pubertät, über die bedingungslose Freundschaft unter Kindern oder um die Probleme zwischen Ehepartnern. Der "Friedhof der Kuscheltiere" gilt als perfekter Schocker der Untoten, ist aber eigentlich eine zarte Parabel auf die tiefe Trauer einer Familie, die ein Kind verloren hat.

Und dann kam der Puls

Wenn man drei Meter King-Romane im Schrank zu stehen hat, ist jeder weitere Roman ein echtes Versprechen. Ein Versprechen darauf, so gut unterhalten zu werden wie bei den vorhergegangenen Büchern. Doch "Puls" ist da ganz anders. Kings Idee: Plötzlich strahlen alle Handys einen geheimnisvollen Puls aus. Jeder Amerikaner, der mit dem Handy telefoniert, verwandelt sich sofort in einen aggressiven Zombie, der blutrünstig über alles herfällt, das ihm da dummerweise in den Weg stolpert. Natürlich gibt es im modernen Amerika mehr Handys als Menschen. So dauert es nicht lange, bis die ganze Zivilisation den Bach runtergeht. Wie in Kings Buch "The Stand" ziehen ein paar handverlesene Überlebende los, um irgendwo im Chaos einen guten Platz zum Weitermachen zu suchen. Der sympathische Comiczeichner Clayton Riddell sammelt einen mutigen Single und ein junges Mädchen um sich. Gemeinsam machen sie sich auf, um Claytons Sohn zu finden.

"Puls" liest sich sehr gut weg. Das ist verständlich, denn Stephen King ist ein äußerst routinierter Erzähler, der sich spannende Szenen und solide Figuren aus dem Ärmel schütteln, aus den Rippen schneiden und aus den Fingern saugen kann. "Puls" wirkt aber uninspiriert und fast so, als hätte King ein halbes Jahr lang jeden Tag zu seiner Frau gesagt: "Tabby, ich geh mal eben in mein Büro, einfach mal so ein bisschen drauflos schreiben, mal sehen, wo ich lande. Und nebenbei verdiene ich noch ein, zwei Milliönchen."

Schwaches Ende

Die Phonies, wie King seine Handy-Psychos nennt, verändern sich in dem Roman langsam. Sie finden sich zu Schwärmen zusammen, entwickeln ein Gemeinschaftsbewusstsein und können am Ende sogar über den Boden schweben. Was für ein Schwachsinn, denkt sich der Leser mit etwas Abstand. Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn und wirkt völlig an den Haaren herbeigezogen. Selbst das offene Ende erweckt den Eindruck, als wäre dem Meister zum Schluss nichts Richtiges mehr eingefallen - und als sei es ihm auch ganz egal.

Bislang war es immer so, dass Kings Romane einen vordergründigen Horror boten - und darunter steckte dann ein zutiefst humanistisches Epos über die menschliche Seele. Dieser Part wurde in den Hollywood-Filmen bislang meist völlig unterschlagen oder verhunzt, sodass nur ein miserabler B-Schocker übrig blieb - von "Shining" und "The Green Mile" einmal abgesehen. Bei "Puls" gibt es nichts zu verhunzen: Der Film, der passend zum Buch bereits fest eingeplant ist, wird bestimmt eine Zombie-Szene an die andere reihen. Dafür hat King das perfekte Drehbuch geschrieben. Schade.

Carsten Scheibe, Redaktionsbüro Typemania

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