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Abenteuerfotografie: Surfing USA – als blinde Passagierin mit dem Güterzug durch das Herz Amerikas

Zehntausend Kilometer auf Güterzügen, illegal, ganz auf sich allein gestellt: Die Fotografin Tamina-Florentine Zuch trampte als blinde Passagierin in der Tradition amerikanischer Vagabunden quer durch die USA. Jeder Tag, sagt sie, war ein Abenteuer.

Von Tamina-Florentine Zuch

Zuch sitzt in einem Deepwell-Güterzuganhänger. Neben den geladenen Containern finden sich ein paar Meter Platz um es sich gemütlich zu machen und unbemerkt mitzufahren.

Zuch sitzt in einem Deepwell-Güterzuganhänger. Neben den geladenen Containern finden sich ein paar Meter Platz um es sich gemütlich zu machen und unbemerkt mitzufahren.

Scotty trägt seinen Rucksack bereits geschultert, lässig, als hätte er kein Gewicht. Als ich mich vorbeuge, um meine Stiefel zu schnüren, fällt mein Blick auf seine Füße. Sie stehen nackt und schmutzig in Sandalen. Er bückt sich kurz, um den Klettverschluss ganz festzuziehen. Der wird sich noch alle Knochen brechen, denke ich.

16 Stunden haben wir auf dem Güterzug verbracht. 16 Stunden Hitze, Lärm und Adrenalin. Vor ein paar Tagen habe ich Ben und Scotty kennengelernt. Beste Freunde, die in den Sommermonaten ihr Land auf Güterzügen bereisen. Ich bin bereits seit fünf Wochen unterwegs. Einmal quer durch die Vereinigten Staaten, von New York bis San Francisco.

Zack, reißt es mir die Beine weg

In Oregon haben wir einen "Grainer" erwischt, einen Getreidewaggon, der an beiden Enden nach unten hin schmaler wird und dort ein paar Meter Platz zum Sitzen bietet. Der Boden ist durchgängig – nur wenige Löcher –, und die Seitenwände sind so hoch, dass man im Liegen unentdeckt bleibt. Wie eine überdachte Badewanne.

Der Güterbahnhof von Roseville, unserem Zielort, ist einer der größten der Westküste. Dutzende Gleise reihen sich nebeneinander, der Bahnhof wird gut bewacht. Ihn ungesehen zu verlassen scheint unmöglich. Wir müssen unbedingt vom Zug springen, bevor wir das Bahnhofsgelände erreichen. In der Ferne können wir bereits den Wachturm erkennen, davor eine Brücke. Doch wir sind noch zu schnell, um abzuspringen.

Ich sehe Bens Augen, die weit aufgerissen versuchen, den Boden zu fokussieren. Der Schotter rauscht unter dem Waggon davon. Mein Herz beginnt zu rasen. Scotty schwingt sich über die Kupplung auf den nächsten Zuganhänger, hangelt sich an der Seite die Sprossen hinab, hält kurz inne und lässt los. Wir sehen ihn in riesigen Schritten den Schotterhang hinabstürzen; sehen, wie es seinen Körper nach vorn zieht und er mit den Beinen kaum hinterherkommt. Dann ist er außer Sicht. Auch Ben klettert die Leiter hinab, hängt für ein paar Sekunden in der Luft, lässt los und verschwindet aus meinem Sichtfeld.

Mit Tomatensauce und Orangenschalen werfen Hobos während der Railroad Days in Dunsmuir, Kalifornien, aus einem abfahrenden Zug

Mit Tomatensauce und Orangenschalen werfen Hobos während der Railroad Days in Dunsmuir, Kalifornien, aus einem abfahrenden Zug

Ich bin allein.

Der Zug rast weiter. Das ist mir zu schnell, doch die Brücke kommt immer näher. Ich blicke hinunter auf die Gleise. Rattatata. Ich kann den Boden nicht erkennen. Werd endlich langsamer! Ein kurzes kräftiges Rucken, das irgendeine Veränderung ankündigt. Der Drache wird nicht langsamer, sondern schneller! Ich muss hier weg. Jetzt oder nie! Mein Gehirn setzt aus. Los los los! Die Dauerschleife in meinem Kopf synchronisiert sich mit dem Rattatata des Zuges. Mit schwitzenden Händen klammere ich mich an die Sprossen und schwinge mich an die Seite des Containers. Das ist zu schnell. Viel zu schnell. Der Fahrtwind drückt gegen meinen Rucksack und zieht mich nach unten. Ich streife die Arme aus den Schultergurten und werfe ihn, so weit es geht, von mir ab. Der Rucksack prallt auf den Schotter, überschlägt sich und wirbelt Staub auf, bevor er reglos liegen bleibt.

Ich lasse mein rechtes Bein hinunter und halte mich mit beiden Händen an der Leiter fest. Dann das linke Bein. Der Fahrtwind weht meinen Körper nach hinten. Nur kurz lasse ich meine Füße den Schotter berühren.

Zack, reißt es mir die Beine weg. Erst wenn ich bereits in der Luft zu rennen beginne, kann ich meine Schritte einigermaßen kontrollieren. Meine Beine werden wie Windräder nach oben gepeitscht, ich ziehe sie nach vorn und strecke sie wieder hinunter, während ich mich mit aller Kraft an die Leiter klammere. Drei, vier, fünf Mal ziehe ich meine Beine wieder nach vorn.

Dann lasse ich los.

Der Mythos der ewigen Weite

Der Zug rauscht an mir vorbei, der Boden verschwimmt unter mir. Ich schleudere meine Füße nach vorn, meinem Körper hinterher, der im Sog des Zuges gefangen ist. Hin und wieder berührt einer meiner Füße den Boden, knickt ein, wird weitergezogen. Ich renne weiter und weiter, bis ich endlich die Kontrolle über meine Beine wiederbekomme. Der Hang wird zur Ebene und der Schotter zu festem Sand. Ich könnte jetzt stehen bleiben, aber ich renne weiter. Weiter, weil ich kann.

Weil ich meine Beine wieder spüre und nicht gestürzt bin. Weil ich lebe und mich lebendig fühle. "Wohohooooo!"

Irgendwann kann ich nicht mehr laufen, ich sinke hin auf die Erde. Mein Herz rast, meine Lunge schmerzt, und alle Muskeln zucken.

"Ha!" Ich muss lachen über den Drachen und meinen Sieg über ihn. Ich lache über mich selbst, über das Leben. Über die Freiheit, die ich mir nehmen kann. Ich lache über die Reise, die Schwierigkeiten, die Verzweiflung, die Freude, das Glück. Irgendwann weiß ich nicht mehr, ob ich lache oder weine, und liege auf dem staubigen Boden, bis der Zug vorbeigerast ist.

Die beiden Freunde genießen das Bad in einem Fluss in Roseville. Unterwegs gibt es wenig Gelegenheit, sich ausgiebig zu waschen

Die beiden Freunde genießen das Bad in einem Fluss in Roseville. Unterwegs gibt es wenig Gelegenheit, sich ausgiebig zu waschen

Als ich mich aufrichte, sehe ich Ben und Scotty aus der Ferne auf mich zulaufen. "Das war komplett irre!", höre ich Ben jubeln.

Sechs Wochen reiste ich durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Von der Ost- zur Westküste, per Anhalter, Bus und Güterzug. Sechs Wochen, in denen ich Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten begegnete. Menschen, die mich zum Lachen und Weinen brachten, mich beeindruckten, zur Verzweiflung brachten, von denen ich lernen konnte. Mit manchen verbrachte ich mehrere Tage, mit anderen nur wenige Stunden. Die meisten traf ich auf der Straße, und wir teilten unser Essen und unsere Schlafplätze.

In den Vereinigten Staaten hat sich eine Kultur um das Reisen etabliert, die weltweit einzigartig ist. Der Mythos um den Aufbruch und das Unterwegssein, die ewige Weite, on the road, die ultimative Freiheit.

Die Begegnungen während und die Gedanken zu ihrer Reise hat Tamina Florentine Zuch aufgeschrieben: "Supertramp – Als blinde Passagierin mit dem Güterzug durch das Herz Amerikas", Riva, 352 Seiten, 14,99 Euro

Die Begegnungen während und die Gedanken zu ihrer Reise hat Tamina Florentine Zuch aufgeschrieben: "Supertramp – Als blinde Passagierin mit dem Güterzug durch das Herz Amerikas", Riva, 352 Seiten, 14,99 Euro

Diesen Mythos verbinden viele Amerikaner mit den Hobos: Reisende, die etwa während der großen Wirtschaftsdepression der 1930er Jahre auf der Suche nach Arbeit zu Zigtausenden auf Güterzügen das Land durchquerten. Heute gibt es nur noch wenige von ihnen.

Auf der Suche nach den Hobos traf ich Reisende anderer Art. Reisende, die ihr Leben auf der Straße verbringen. Die sich dem System nicht beugen und nicht einordnen wollen. Junge Vagabunden, die gegen den Alltag rebellieren, in dem sie funktionieren müssen.

Der Lärm, das Rauschen, der Tod

Aus manchem Vagabunden kann jedoch schnell ein Obdachloser werden, einer, der nicht mehr weiterzieht. Der aufgegeben hat und der aufgegeben wurde. Auf den nächtlichen Straßen kreuzen sich die Wege von Hobos und Obdachlosen. Manchmal fällt es schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Manchmal ist es eindeutig.

Mit der Zeit fühlte es sich so an, als hätte ich zusätzliche Antennen bekommen, die mich auf Menschen aufmerksam machten, an denen ich sonst vorbeiging. Diese Menschen, ob Hobo oder Obdachloser, erzählten mir ihre Geschichten. Die Gründe, warum sie auf der Straße leben, ob nun freiwillig oder nicht.

Einige Wochen bevor ich mit Ben und Scotty in Kalifornien vom Güterzug springe, sehe ich in New Orleans so zum Beispiel eine Frau in einem Rollstuhl im Eingang eines geschlossenen Geschäftes sitzen. Sie ist so breit, dass man den Rollstuhl fast suchen muss unter ihr. Sie hat ein pinkfarbenes Bettlaken über sich ausgebreitet, unter dem sie ein Patientennachthemd trägt.

Tamina-Florentine Zuch fotografiert ihre Füße, während sie auf das Dach des Getreidewaggons steigt. Der Schotter unter ihr verschwimmt

Tamina-Florentine Zuch fotografiert ihre Füße, während sie auf das Dach des Getreidewaggons steigt. Der Schotter unter ihr verschwimmt

Neben ihr kauert ein magerer Mann mit dünnem Haar und schmutzigen dicken Brillengläsern. Er zeichnet mit seinem Finger etwas auf die beschlagene Scheibe, und ich sehe ihm dabei zu. Er nimmt sich für jeden einzelnen Strich die Zeit, die er braucht.

Als ich mich zu ihnen setze, ist es meist die Frau, die erzählt, nur wenn ihr ein Name oder eine Jahreszahl nicht einfällt, hilft er aus. Sam und Sandy sind seit 42 Jahren verheiratet. Sie haben sich beide ein Herz mit ihren Namen darin auf den linken Unterarm tätowieren lassen. "Sam & Sandy" steht da in schnörkeliger Schrift.

An einem Montagmorgen im Sommer 2005 saßen beide in der Küche ihres kleinen Hauses, als sie das Radio vor einem Hurrikan warnte. Erst dachten sie, es wäre ein schlechter Scherz, dann hörten sie Lärm auf der Straße, gefolgt von einem lauten Krachen und einem lang anhaltenden Rauschen.

Jeder gegen jeden

Als sie die Türe öffneten, strömte braunes Wasser über ihre Beine: überall Wasser und schreiende Menschen. Tote Körper trieben zwischen Ästen und Autos. Die beiden flohen nach Mobile, Alabama, und landeten auf der Straße. Sandy hat geschwollene Beine, die fest sind wie Stein und übersät mit offenen Wunden. Als sie mir ihre Beine zeigt, klettert eine Kakerlake über ihre Brust. Sie bemerkt sie nicht.

Die Ärzte in Mobile rieten Sam und Sandy, nach New Orleans zurückzukehren und Hilfe zu fordern, allerdings hatten sie kein Auto und kein Geld für ein Busticket. Also schob Sam seine Frau im Rollstuhl den ganzen Weg nach New Orleans, durch drei Staaten.

Während sie erzählt, kommen Sandy immer wieder die Tränen. Dann legt Sam seine knochige Hand auf ihren breiten Arm, sie stöhnt, "Gott im Himmel", und fächelt sich Luft zu. Hinter Sams Kopf verläuft langsam die Zeichnung, die er so sorgfältig an die Scheibe gemalt hat. Ein Strichmännchen mit Hut und breitem Lächeln. "My sun", steht in kindlicher Schrift daneben. Meine Sonne.

Draußen zieht die Landschaft vorbei, im Waggon sitzen Red (r.) und Scotty (l.). Red ist inzwischen sesshaft, mit dem Güterzug fährt er nur noch selten

Draußen zieht die Landschaft vorbei, im Waggon sitzen Red (r.) und Scotty (l.). Red ist inzwischen sesshaft, mit dem Güterzug fährt er nur noch selten

"Ich mag deine Zeichnung", sage ich und zeige auf die Scheibe. Sam dreht sich stolz zu seiner Frau, die ihn anlächelt und sagt: "So ist er, mein Mann. Immer will er mich zum Lachen bringen."

Während ich mit Sam und Sandy auf der Straße sitze, laufen Menschen vorbei, die uns ignorieren oder anstarren, manche rufen uns Beleidigungen zu, andere lachen uns aus. Doch niemand bleibt stehen.

Sandy erzählt, wie sehr sich New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" verändert hat. Es sei auch vorher nicht die sicherste Stadt gewesen, aber seit der Katastrophe hätten die Leute keine Skrupel mehr. Jeden Tag hört man von Überfällen, Messerstechereien und Morden. Noch nicht einmal die Obdachlosen hielten zusammen. Jeder gegen jeden. Sandy ist im Schlaf sogar die Brille vom Kopf geklaut worden. Sie bekommt Angst, sobald Sam sie nur für wenige Minuten allein lässt, etwa um einzukaufen oder auf die Toilette zu gehen.

Angst

Angst war ein Thema, das mich während meiner Reise immer wieder beschäftigte. So oft wurde ich gefragt, ob ich keine Angst hätte, so ganz allein, als Frau. Natürlich hatte ich Angst, vor allem zu Beginn der Reise. Angst vor der Fremde, der Dunkelheit, den Zügen. Doch mit jedem Tag, der verging, wurde die Angst kleiner und mein Selbstvertrauen größer.

Es sei die Angst gewesen, die die Amerikaner dazu gebracht habe, Donald Trump zu ihrem Präsidenten zu wählen, sagte mir jemand.

Doch schließlich ist es das Unbekannte, das wir fürchten und das weder mit Waffen noch mit Mauern erschlossen werden kann.

Da helfen nur Augen und Ohren und Zeit.

Der Artikel über die Reise mit dem Güterzug als blinde Passagierin ist dem aktuellen stern entnommen:




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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo