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T.C. Boyle: Das Doppelleben des Dr. Sex

Der Sexualforscher Alfred Kinsey hat derzeit mächtig Konjunktur. Ein Kinofilm befasst sich mit seinem Leben, und auch Starautor T.C. Boyle fand an dem Sujet gefallen.

Gruppensex auf dem Dachboden der Professoren-Villa und Um-die-Wette-Onanieren vor laufender Kamera - für den Sexforscher Alfred Kinsey gehörte das ebenso zu seinem "Projekt" der sexuellen Befreiung wie das Sammeln und Auswerten zehntausender intimer Beichten als Datenbasis für seine wissenschaftlichen Arbeiten über "Das sexuelle Verhalten" von Männern und Frauen. Kinseys Leben zwischen Exzessen und Empirie schildert US-Autor T.C. Boyle in seinem Roman "Dr. Sex".

Kinseys Reports über die Häufigkeit außerehelichen Verkehrs oder durchschnittliche Penislängen waren eine gesellschaftliche Atombombe zu einer Zeit, als in Teilen der USA Homosexualität, Ehebruch oder Oralverkehr per Gesetz verboten waren. Die Bücher lösten im prüden Amerika der 40er Jahre ein Erdbeben aus, ohne das die Hippies der 60er und 70er ebenso undenkbar geblieben wären wie unser heute selbstverständlicher Umgang mit schwulen Politikern oder unverheirateten Paaren.

Zwischen Bewunderung und Bloßstellung

Nach dem Gesundheits-Apostel Kellog ("Willkommen in Wellville") hat sich Boyle erneut einen Mann mit missionarischem Eifer und despotischem Charakter vorgeknöpft. "Ich fühle mich zu solchen Figuren hingezogen", sagt Boyle, aber "ich kann Autorität nicht leiden". Diese zwiespältige Haltung prägt den Grundton des Romans, changierend zwischen Bewunderung und Bloßstellung.

Boyle schildert Kinsey und seinen Kreis aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters namens John Milk, der seinen Chef vorbehaltlos verehrt. Selbst seine kritischsten Bemerkungen gleichen einer Liebeserklärung: "Er widmete sich ganz und gar seiner Aufgabe. Vielleicht war er sogar ein wenig verbohrt. Aber das kann man praktisch von jedem großen Mann sagen."

Demagogischer Guru

Diese naive Erzählperspektive erweist sich als kluger Schachzug, denn als Durchschlag einer so unkritischen Schilderung erscheint auf der Rückseite des Papiers ganz von selbst eine negative Blaupause. So lernt der Leser den akribischen Wissenschaftler und überzeugenden Redner kennen, den gebildeten Professor und vorurteilslosen Freigeist. Doch daneben steht immer der Heuchler, der seine sado- masochistischen Neigungen geheim hält, der Kauz, der sonntags nur im Lendenschurz gärtnert, und der demagogische Guru, der von seinen Mitarbeitern absolute Hörigkeit erwartet - beruflich und sexuell.

Spannung erzeugt der Autor, indem er Geschichten kurz vor dem Höhepunkt abbricht und den Ausgang der Szene erst später wie beiläufig einflicht. Abgesehen von wenigen schönen Bildern ("Die Luft war hart vor Kälte und straff über den Abend gespannt") und einem unterkühlten Witz bleibt die Sprache bedauerlich banal.

Die emotionale Seite des Sex außer Acht gelassen

Dafür, dass es in dem Roman um Sex geht, kommt erstaunlich wenig Brisantes darin vor. Boyle scheint sich weniger für den Akt selbst zu interessieren als dafür, was er den Menschen bedeutet. Er holt damit nach, was Kinsey versäumt hat und seine Gegner ihm stets vorwarfen: Dass man der Liebe mit Maßband und Stechuhr nicht gerecht werden könne, dass er die emotionale und soziale Seite des Themas außer Acht ließ.

Boyle breitet fast schamhaft den Mantel des Schweigens über intime Details und beschränkt sich stattdessen auf einen Satz wie: "An jenem Abend ging ich erst sehr spät nach Hause." Die Arbeit der Sexforscher beschreibt er trocken als ermüdend: "Ebenso gut hätten wir Lachse zählen können." Kinseys realitätsferne Utopie der freien Liebe kontrastiert Boyle mit Milks Beschreibung der realen Qualen, als seine Frau ihn mit einem Kollegen betrügt.

Milk schildert das Leben seines Chefs als chronologischen Rückblick am Tag von dessen Beerdigung. Boyle rühmt sich, für "Dr. Sex" mehrere Monate lang recherchiert zu haben. Tatsächlich deckt sich die Romanfigur in weiten Teilen mit dem Bild, das die Kinsey-Biografen zeichnen. Der Verlag preist den Roman als "beißende Satire über emotionale Manipulation und wissenschaftliche Überheblichkeit", doch dafür ist das Buch zu nüchtern und auch zu wohlwollend. Eher trifft zu, wie der Autor selbst seinen Stil charakterisiert: als "mitfühlende Ironie".

Sandra Trauner/DPA / DPA