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Thomas Mann: "Das zweite Leben"

Lange galt er als Ikone der deutschen Literatur, als legitimer Nachfolger Goethes und Repräsentant des deutschen Bürgertums: Zum 50. Todestag zeigt eine Ausstellung in Lübeck den Menschen Thomas Mann.

An Selbstbewusstsein hat es Thomas Mann wahrlich nicht gemangelt. "Wo ich bin, ist deutsche Kultur", hat er 1938 bei seiner Emigration in die USA von sich gesagt.

Zu seinem 50. Todestag will seine Heimatstadt Lübeck zeigen, dass Thomas Mann auch ganz anders war. Am Freitag wird dort die Ausstellung "Das zweite Leben - Thomas Mann 1955-2005" eröffnet. Der doppeldeutige Titel ist bewusst gewählt: "Das Bild, das wir von Thomas Mann haben, hat sich in den vergangenen 50 Jahren gründlich gewandelt", sagt der Leiter des Lübecker Buddenbrookhauses, Hans Wißkirchen. "Bis 1975 galt er als großer Deutscher, herausragender Schriftsteller und Vertreter bürgerlicher Werte. Zum 100. Geburtstag entzündete sich heftige Kritik an Thomas Mann und seiner devoten Glorifizierung. Mit dem Erscheinen seiner Tagebücher ab 1978 bekam der große Dichter menschliche Züge", sagt er.

Auch der Schriftsteller selbst führte ein zweites Leben, das er geschickt in seinen Werken versteckte. Die sehr private Seite Thomas Manns, seine Unsicherheit, sein problematisches Verhältnis zu seinen Kindern und seine lebenslang verborgene Bisexualität drangen erst Ende der 70er Jahre ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. "Thomas Mann war ein Meister der Selbstinszenierung", sagt Wißkirchen, "er hat das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm haben sollte, geschickt gelenkt." Dazu gehört auch seine Anordnung, seine Tagebücher erst 20 Jahre nach seinem Tod zu veröffentlichen. Die Welt sollte alles über ihn erfahren, aber im sicheren Abstand.

Mann habe immer fürs Publikum geschrieben und immer über Themen, die ihm wichtig waren, sagt Wißkirchen. 1897 schreibt Thomas Mann seinem Freund Otto Grautoff: "Seit dem 'Kleinen Herrn Friedemann' vermag ich plötzlich die diskreteren Formen und Masken zu finden, in denen ich mit meinen Erlebnissen unter die Leute gehen kann."

Symbolträchtig ist das Datum der Ausstellungseröffnung im Lübecker Rathaus, der 20. Mai. Auf den Tag genau 50 Jahre zuvor hat Thomas Mann an gleicher Stelle die Ehrenbürgerwürde der Hansestadt erhalten. Ebenso beziehungsreich ist der Ort der Ausstellung. In der Katharinenkirche werden noch heute die Abiturienten des Katharineums verabschiedet, jenes Gymnasiums, durch das sich Thomas mehr schlecht als recht gequält hat.

150 laufende Meter Thomas-Mann-Zitate

Die Ausstellung, gestaltet vom Hamburger Studio Andreas Heller, will den Wandel in der Sichtweise im Wortsinn begreifbar machen. 150 laufende Meter Thomas-Mann-Zitate leiten Besucher durch den Raum. An Hörsäulen ist zu vernehmen, was andere Schriftsteller seit 1955 über ihren Kollegen gesagt und geschrieben haben. Ganz am Ende des Raumes sind Szenen aus dem Breloer-Dreiteiler über die Familie Mann zu sehen. Denn auch das ist ein Phänomen: 50 Jahre nach seinem Tod gehört Thomas Mann nicht mehr nur den Germanisten, er und seine Familie sind populäre Personen geworden.

Doch auch 2005 ist für Wißkirchen das Ende noch nicht erreicht. "Thomas Mann und sein Werk bieten noch Potenzial für viele Diskussionen", sagt er. "Vielleicht wird die Wissenschaft ihn zukünftig noch deutlicher als Repräsentanten einer literarischen Epoche sehen und von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der 'Thomas Mann-Zeit' sprechen."

Eva-Maria Mester/DPA / DPA
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