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Zum 75. von Urs Widmer Weltenzauberer und Wortakrobat


Sein Debüt vor 45 Jahren war ein Knalleffekt. Und zugleich das große Versprechen, noch viel Bedeutsames zur deutschsprachigen Literatur beizutragen. Nun wird Urs Widmer 75. Er hat Wort gehalten.

Die Autobiografie von Urs Widmer beginnt mit einem Augenzwinkern: "Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiografie." Ist er bei Trost? War es je? Anfänger unter den Lesern des Schweizers fragen sich das gelegentlich. Fortgeschrittene hingegen genießen seine Fabulierkunst, seine Gedankensprünge und -gebäude, seine Tiefe, seine Wunderwelten.

Wenn Urs Widmer, der am Dienstag 75 wird, seine fast ebenso alt anmutende elektrische Schreibmaschine bearbeitet, ist ein großer Wortzauberer am Werk. Dann erinnert sein Gartenhäuschen im Zürcher Stadtteil Hottingen an das "Laboratorium eines Alchimisten". So empfand es die Schweizer Literaturkritikerin Beatrice von Matt. "Welten werden hier erzeugt, erkundet, verwandelt", schrieb sie im Nachwort der "Gesammelten Erzählungen", die Widmers Hausverlag Diogenes in einer Schmuckausgabe zu seinem Geburtstag herausgebracht hat.

"Reise an den Rand des Universums" hat der Schweizer, dessen Werke nicht selten in einem Atemzug mit jenen von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt genannt werden, seine Autobiografie genannt. Sie hat etwas Besonderes. Wie eigentlich alles von Widmer seit "Alois". Mit diesem Debüt - einer durchaus verwirrenden Mischung von unter anderem Comic, Action, Philosophie und Fantasie ohne wirkliche Handlung - griff er 1968 den traditionellen Literaturbegriff an. "Alois" war so konsequent Popkunst, wie bis dahin nichts Geschriebenes in deutscher Sprache. Und Widmers wuscheliger Lockenkopf (der inzwischen freilich einer Halbglatze gewichen ist) passte allerbestens zu seiner Schreib-Art.

Am Ende seiner Kunst?

Nun also die Autobiografie. Sie erscheint Ende August und enthält eine Warnung. Eine Autobiografie sei "das letzte Buch". Danach komme nichts mehr. "Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr."

Das wird wohl ein Bluff sein. Widmers Autobiografie schreit geradezu nach mehr: Sie hört dort auf, wo jene anderer Autoren erst richtig in Fahrt kommen. Mit seinem 30. Lebensjahr nämlich. Jenem Jahr, in dem "Alois" die literarischen Debattierrunden erreichte. Sie beginnt mit Ursens Zeugung an einem einsamen Nachmittag in einer Ferienbude im Lötschental. Anschließend kochte die Mutter Spaghetti, gekauft in einem Dorfladen, über dessen Tür "Handlung" stand.

Tod des Vaters als Initialzündung

Sein Vater, Walter Widmer, ein angesehener Kritiker, Übersetzer und Gymnasiallehrer in Basel, befreundet mit Heinrich Böll, wollte immer einen Roman schreiben und tat es doch nicht. Solange er lebte, traute sich auch der Sohn nicht. Als Verlagslektor förderte Urs Widmer - in Basel geboren und dort 1966 promoviert mit einer Arbeit über die deutsche Nachkriegsprosa - die Schreibkunst von Anderen.

Doch als der Vater mit 62 Jahren starb, "verwandelte ich mich, fast auf der Stelle, in einen Schriftsteller", berichtete Widmer. Er stehe "auf den Schultern des Vaters". Aber ebenso wichtig, sagte er kürzlich der "Basler Zeitung", sei für ihn 1967 der Wegzug aus der Schweiz nach Frankfurt am Main gewesen. 17 Jahre lebte und schrieb Widmer in Deutschland. "Da kam ich erst richtig auf die Welt und lernte, was Geschichte bedeutet."

45 Jahre liegen zwischen "Alois" und "Reise an den Rand des Universums". Und rund 30 Prosabände, ein gutes Dutzend Theaterstücke, weit mehr Hörspiele, einige große Essays. Oft sind seine Geschichten komisch, manchmal erscheinen sie aberwitzig, zuweilen stimmen sie tieftraurig. Die Möglichkeiten, die künstlerische Freiheit bietet, schöpft Widmer so weitgreifend aus, wie kaum ein anderer Autor.

"Top Dog" unter den Schriftstellern

Etliche Literaturpreise weisen ihn spätestens seit Ende der 80er Jahre als Schriftsteller von Rang aus. Seinen Stil zeichne "der Wechsel der Töne aus: Ironie und Satire stehen neben surrealer und realistischer Präzision", urteilte die Jury, die Widmer 2007 den Friedrich-Hölderlin-Preis zuerkannte.

Gewürdigt wurde damit auch sein wohl bekanntestes Werk, die autobiografisch gefärbte Trilogie "Der Geliebte der Mutter" (2000), "Das Buch des Vaters" (2004) und "Ein Leben als Zwerg" (2006). Darin, wie in vielen anderen seine Arbeiten, verknüpfte Widmer individuelle Schicksale mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Einen Riesenerfolg als Dramatiker erlebte er 1997 mit "Top Dogs". Das Stück über den Absturz von Spitzenmanagern erscheint in der Finanzkrise brandaktuell. Daran knüpft er mit "Das Ende vom Geld" an. In dem Drama, das im Januar in St. Gallen Premiere hatte, lässt Widmer die Mächtigen der Finanzwelt zu Tieren werden. Es ist ein Text voller Wut. Doch seine Literatur soll kein politisches Bekenntnis sein. Vielmehr "ein implizites Plädoyer gegen jede Ideologie".

Thomas Burmeister, DPA DPA

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