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"Being Julia": Das Leben ist Theater

Julia Lambert (Annette Bening) ist Englands bekannteste Theaterschauspielerin. Die Diva spielt zahlreiche Rollen - und das nicht nur auf der Bühne.

Die exzentrische Julia Lambert (Annette Bening) ist erfolgreich, gut aussehend und die beliebteste Theater-Darstellerin Großbritanniens. Wenn sie spielt, sind die Aufführungen ausverkauft. Sie hat eine Haushälterin, einen Chauffeur und einen charmanten Gatten (Jeremy Irons). Das Haus ist groß und prächtig, der Freundeskreis gehört zur Spitze der Gesellschaft und Julia steht stets im Mittelpunkt. Mit Mitte 40 hat sie alles erreicht - und ist dennoch unzufrieden. Julia starrt immer wieder in den Spiegel und sieht sich beim Altern zu. Horcht ängstlich nach jeder Vorstellung, ob das Publikum leiser und weniger applaudiert als gestern. Auch ihrer Ehe fehlt der Reiz.

Sie gibt das Biest, die Wohltäterin, die Schauspielerin. Jede ihrer Rollen füllt Julia Lambert perfekt aus. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und in der realen Welt spielt sie den Leuten etwas vor. In Wirklichkeit ist sie die Gelangweilte. Julia plant heimlich ihr Karriereende, doch dann stellt Ehemann Michael ihr einen jungen Amerikaner vor.

Eine Affäre gegen die Midlife-Crisis

Der attraktive Tom (Shaun Evans) besucht London, um alles über das Theater zu lernen. Von ihm lernt Julia, wie schön, wie leicht das Leben sein kann. Mit dem viel jüngeren Tom, der kaum älter ist als ihr Sohn Roger, beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre. Sie gewinnt die Lebensfreude zurück und ist wie ausgewechselt. Über ihre beginnende Midlife-Crisis tröstet sie die Affäre hinweg. Vergessen ist die Furcht vor Falten und das sinkende Selbstwertgefühl. Auf der Bühne wird sie immer besser. Ihr Ehemann, der Theaterintendant Michael, kann nur staunen. Doch als Julia entdeckt, dass Tom nicht sie, sondern ihren Einfluss liebt, bricht ihre Scheinwelt zusammen.

Sie entflieht dem Trubel Londons, dem Geschwätz und dem Stress des Theaters. Julia kehrt auf die Insel zurück, auf der sie aufwuchs und lässt sich von Verwandten umsorgen. Währenddessen plant Michael das neue Stück und Tom sorgt dafür, dass seine Freundin Avice (Lucy Punch) eine große Rolle bekommt. Julia legt derweil ihr weinerliches Selbstmitleid ab und tut das, was sie am besten kann: sie spielt Theater. Das Leben wird Theater und Theater wird Leben. Julia wäre nicht Julia, wenn sie sich nicht auf der Bühne an Tom, Avice und Michael rächen würde. Ihr Plan ist so genial wie gemein.

Glanzrolle für Annette Bening

Annette Bening glänzt als liebenswerte und zugleich egomanische Diva. Für ihre Rolle in "Being Julia" wurde sie mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Die groß aufspielende Bening hat in ihrem Filmgatten einen genialen Partner gefunden. Jeremy Irons liefert ebenfalls grandiose Schauspielkunst ab, allein wegen dieses Paares wäre "Being Julia" schon sehenswert, hinzu kommen die amüsante Geschichte und der brillante Soundtrack.

Regisseur István Szabó bietet leichte Unterhaltung mit dennoch geistreichen Humor. Mit der Verfilmung des Romans "Theater" von William Sommerset Maugham ist ihm eine kleine Kinoperle gelungen, die allerdings nicht ganz an seinen Oscar-prämierten Films "Mephisto" heranreicht. Dafür lässt der Regie-Altmeister das Publikum hinter die Theaterwelt blicken. Mit "Being Julia", dem fließenden Wechsel zwischen Schauspielerei und Leben, hält er der eigenen Branche schmunzelnd einen Spiegel vor.

Hauke Friederichs
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