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"Das Parfum": Betörende Opulenz

"Unverfilmbar" hieß es über den Weltbestseller "Das Parfum". Dabei lassen sich Gerüche genauso wenig in Worte pressen wie in Bilder. Entscheidend ist es, die Stimmung und Grundaussage in einen bewegenden Film zu packen.

Von Kathrin Buchner

Ein Anflug von Erschöpfung liege über dem Film, schreibt der eine Kritiker. Der andere bemängelt, dass immerzu die Nase des Heldens zu sehen sei und ein dritter wiederum beklagt, Tykwer operiere auf der "Molekularebene des Visuellen". Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Hätte er ganz klassisch stringent die Geschichte eines Mörders in klassischem Popcorn-Format erzählt, wäre ihm mangelnde Experimentierfreude vorgeworfen worden, hätte er sich auf digitale Effekthascherei und Dekonstruktion verlegt, hätte man ihm womöglich mangelndes erzählerisches Talent bescheinigt.

So hat Tykwer das einzig Richtige gemacht: Wie ein guter Duftkreateur nimmt er die besten Essenzen, die ihm zur Verfügung stehen, und mischt sie zusammen. Auch wenn der eine oder andere Bestandteil allein nicht herausragt, in der Kombination entsteht ein einzigartiges Gesamtwerk. Denn "Das Parfüm" lebt auch von den Nuancen und den Brüchen.

Düstere Paris-Stimmung trotz clownesker Spielerei

Die Geschichte des Waisenkinds Grenouille, der ohne eigenen Geruch auf die Welt gekommen ist, und auf der Suche nach dem perfekten Duft Jungfrauen ermordet und destilliert, beginnt beinahe wie eine Dokumentation. Begleitet von der sonoren Stimme Ottos Sanders wird Grenouilles Jugend gezeigt: die Geburt auf dem Pariser Fischmarkt, wo sich die Kamera über faulende Fische, Gedärme, Innereien arbeitet und einem schon vom Zusehen schlecht wird. Die düstere Jugend im Waisenhaus, das so andersartige Kind - Tykwer gelingt es, viele Seiten des Buches in einem Bild zusammenzufassen. Neben den vielen subtilen Zwischentönen bleibt die düstere Stimmung über der ganzen Paris-Sequenz erhalten. Trotz des wunderbar tuntigen Dustin Hoffman als Parfümeur Baldini, der mit seinem clownesken Spiel für diverse Lacher sorgt.

Umso erfrischender fürs Auge ist der Ortswechsel. Die Kamera schwenkt über Lavendelfelder, Nelkenblüten und Rosengärten: Genuss pur für das Auge. Die Optik steht in spannendem Kontrast zu der schwarzen Seele Grenouilles, die sich in der pittoresken Idylle der Provence erst richtig entfaltet. Allerdings wird man an diverse Spots für "Martini" oder "Amicelli" erinnert, wenn das Objekt Grenouilles Begierde in perfekter Werbefilmästhetik den Balkon des Villenparks betritt. Doch erst in dem malerischen Städtchen Grasse entwickelt die als Krimi angelegte Erzählung ihren Fluss.

Anmutung eines esoterischen Entspannungsvideos

Gelegentlich betreibt Tykwer Effekthascherei: Wenn Grenouille, von seinen Geruchserlebnissen überwältigt, die Natur erschnuppert, die Kamera plakativ im Makromodus auf Steinen, Holz und Gräsern zoomt, hat man das Gefühl, einen esoterischen Entspannungs-Video zur Schärfung der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit vorgeführt zu bekommen.

Den gegenteiligen Effekt, nämlich nervenaufreibend statt entspannend, haben allerdings die Musiksequenzen, die Tykwer allzu oft als Duft-Akkorde einsetzt. Phasenweise allzu pathetisch, schwülstig und viel zu bombastisch ist der Soundtrack, der von den Berliner Symphonikern unter der Leitung von Simon Rattle eingespielt wurde.

Beeindruckende Darstellung von Ben Whishaw

Herausragend ist Hauptdarsteller Ben Whishaw. Wie er sich bewegt, wie er seinen geschundenen Körper trägt, wie er das Animalische in seine Mimik legt und ein Gesicht völlig ohne menschliche Regungen darstellt, ist beeindruckend.

Das flüchtige Reich der Gerüche in beständige Bilder zu packen, ist Tykwer definitiv gelungen. Er experimentiert, reizt aus, versucht sich in Kunstformen, verkünstelt sich, reißt bei all dem aber mit, leidenschaftlich und gewagt. Der Wagemut vor allem ist es, der Tykwers Werk auszeichnet. Und wer angesichts der geballten Sinnlichkeit der opulenten Bilder keine Geruchsexplosion im Kopf hat, sondern Erschöpfung verspürt, bei dem ist auch jeder Tropfen echtes Parfum vergeudet.

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