"Der unglaubliche Hulk" Grüne Gefahr reloaded


Neuer Hulk, neues Glück: Weil der erste Film über das grüne Monster finanziell floppte, setzt man jetzt auf mehr Action und weniger Anspruch - ein Mix, aus dem Sommerhits gemacht sind.
Von Olaf Schneekloth

Hulk ist anders als andere Superhelden. Weil er eigentlich gar keiner ist, sondern ein mutierter Giftriese, der aus Wut alles zu Brei schlägt. Nicht gerade heldenhaft. Louis de Funès in grün, groß und muskulös. Hat er sich wieder beruhigt, verwandelt er sich zurück in Bruce Banner (und der computeranimierte Koloss in den Schauspieler Edward Norton). Dr. Banner hat mit dem Hulk verständlicherweise ein echtes Problem und denkt: Normal sein wäre super. Dann geht auch nicht soviel kaputt.

Genau das wollen die Zuschauer ja und deshalb konnte bei der ersten Hulk-Verfilmung aus dem Jahr 2003 von einem grünen Dollarregen auch keine Rede sein. Der Film floppte. Dabei sah er verdammt gut aus, scheiterte aber letztlich an den Ambitionen seines Regisseurs Ang Lee. Hulk steckte voller ödipaler Konflikte, war tiefgründig und problembeladen. Zu viel Anspruch, zu wenig Action. Da blieb der Comic-Fan zuhause und blätterte lieber in seinen Alben.

Damit das nicht wieder passiert, hat "Der unglaubliche Hulk", der am 10. Juli in die Kinos kommt und die Geschichte nun weitererzählt, mit seinem zerknirschten Vorgänger nichts mehr gemein. Weg mit dem Freud'schen Psychoballast, weg mit Ang Lee, weg mit dem Hauptdarsteller. Abgang Eric Bana, Auftritt Edward Norton. Der sucht als Bruce Banner zwar immer noch verzweifelt ein Gegenmittel, das ihn von seinen Wutausbrüchen kuriert. Und er trauert immer noch um seine unerfüllte Liebe zu Betty Ross (Liv Tyler), die er verließ, um sie nicht zu gefährden. Aber letztlich fügt er sich in sein Schicksal und macht das Beste daraus: Er kanalisiert die Aggressionen und setzt sie gezielt gegen die Bösen ein. Also irgendwie doch ein Hulk mit Hirn. Nur beim Film hat man eben weitgehend darauf verzichtet. Was jedoch in Ordnung ist, denn dafür hat er Schmackes und setzt in erster Linie auf die brachiale Durchschlagskraft des grünen Hünen.

Ein Tröpfchen Wutblut

Hulk macht kaputt, was ihn kaputt macht - und das ist das Militär. Wie er sich als Panzerknacker betätigt, gegen neuartige Ultraschall-Waffen ankämpft, Hubschrauber zerschmettert und mit Hummer-Kampfwagen Diskuswerfen spielt, regt nicht gerade zum Nachdenken an, ist aber mitreißend inszeniert. Besonders zwei Männer stehen für das außer Kontrolle geratene Machtinstrument: Hulks Erzfeind General Ross (William Hurt) - ja, Bettys Vater! - will mit Hulks Genen unbesiegbare Kampfmaschinen klonen und jagt ihn deshalb auf der ganzen Welt.

Sein Handlanger, Super-Soldat Emil Blonsky (Tim Roth), hegt eigenen Größenwahn. Er lässt sich von einem allzu fortschrittsgeilen Wissenschaftler (Tim Blake Nelson) ein Tröpfchen des Wutbluts injizieren und mutiert zu Supermonster Abomination. Hulk hoch zehn, eine bizarre Kreatur mit noch mehr Wut im Bauch. Da wird selbst Ross blass.

Ein Showdown zwischen den beiden Mutanten ist unvermeidlich. Doch da übertreibt Regisseur Louis Leterrier, der vorher mit den beiden "Transporter"-Filmen ein Händchen für sinnlose, aber ungemein unterhaltsame Actionkracher bewiesen hat. Der Schlusskampf zwischen Abomination und Hulk, die einen ganzen Straßenzug in Schutt und Asche legen, gerät zur seelenlosen und überladenen Materialschlacht aus dem Computer, bei der weniger mehr gewesen wäre.

Doppelt hält besser

"Der unglaubliche Hulk" ist die zweite Produktion, die die Marvel Studios (der Kinoableger des Comic-Verlags) ohne Beteiligung eines großes Hollywoodstudios stemmten. Künftig werden sie ihren unerschöpflichen Fundus an Superhelden, zu dem u. a. auch Spider-Man, die X-Men und die Fantastic Four gehören, im Alleingang auswerten. Dass sie wissen, wie es geht, haben sie mit "Iron Man" gerade erst bewiesen. Wer Robert Downey jr. als fliegenden Ritter in schimmernder Rüstung liebte, dürfte von "Hulk" allerdings enttäuscht sein. "Iron Man" ist leichtfüßiger, stylischer und punktet mit Selbstironie und scharfzüngigen Dialogen, wo "Hulk" eine bierernste, konventionelle Angelegenheit bleibt und ausschließlich auf Action setzt. Allenfalls in einer Szene in den Favelas von Rio de Janeiro, wo sich Banner am Anfang des Films versteckt hält, gibt es den Anflug leisen Humors. Nämlich wenn er sich vorsorglich Hosen kauft, die ihm - eigentlich - viele Nummern zu groß sind.

Die Grundidee des aktuelllen Films - Dr. Banner auf der Flucht - orientiert sich an der TV-Serie "Der unglaubliche Hulk" aus den 70er/80er Jahren mit Bill Bixby als Banner und Bodybuilder Lou Ferrigno als Hulk. Denn die kam bei Fans wegen ihrer ausgewogenen Mischung aus Drama und Action besser an als Ang Lees spätere Kino-Vision. Ferrigno hat, wie schon 2003, denn auch wieder eine charmanten Kurzauftritt, diesmal als pizzafressender Sicherheitsbeamter. Und Stan Lee, in Ehren ergrauter Erfinder der meisten Marvelhelden, bekommt ebenfalls seine obligatorische Minirolle. Hulk, eine moderne "Dr. Jekyll & Mr. Hyde"-Version in grün, die Lee zusammen mit Zeichner Jack Kirby 1962 schuf, gehört zu den beliebtesten Marvelfiguren überhaupt. Jetzt muss er nur endlich Blockbuster-Qualitäten beweisen. Sonst wird er nicht nur grün vor Wut, sondern auch vor Neid auf die erfolgreicheren Super-Kollegen aus dem Hause Marvel.


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