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"Dick und Jane": Wohlstandssatire in Hollywood-Slapstick

Von Zweien, die vieles hatten und alles verloren: In "Dick und Jane" brillieren Jim Carrey und Téa Leoni als erfolgsverwöhnte Mittelständler, die nach ihrem Bankrott zu Bonnie und Clyde mutieren.

Von Kathrin Buchner

Amerikanische Vorstadtidylle im Jahr 2000: Der Roll-Rasen ist akkurat geschnitten und saftig-grün, vor der Garage steht ein BMW, das adrette Einfamilienhaus ist schick eingerichtet und gepflegt. Dick (Jim Carrey) und Jane (Téa Leoni) arbeiten hart, um ihre Wohlstands-Träume befriedigen zu können: Pool, Plasma-TV und Putzfrau. Sex genießen sie samstags nach Verabredung. Lediglich der Neid auf den Mercedes des Nachbarn mit mehr Elektronik-Schnickschnack plagt Dick. Doch der Aufstieg ist nicht fern: Nach 15 Jahren kleinen Angestellten-Daseins kommt der Tag, an dem er mit dem Aufzug ganz nach oben in die Machtzentrale des Konzerns einfährt.

Dick und Jane sind der Inbegriff der funktionierenden Mittelständler, deren Konsum-Bedürfnisse den "american way of life" charakterisieren, die wie Hamster im Laufrad agieren und ihren gesunden Menschenverstand an der Pforte des nächstgelegenen Einkaufsmegastores abgegeben haben. Als der skrupellose Boss das Unternehmen in den Blitzkonkurs treibt, und Dick seinen Job verliert, reagieren die Harpers mit stoischer Zuversicht. Erst als der Strom abgedreht und der Fernseher gepfändet wird, begleitet vom herzzerreißendem Gebrüll des Sohnes, mutiert das diabolische Dauer-Grinsen Jim Carreys zur Fratze.

Gesellschaftliche Realität als skurrile Krimi-Komödie

Es folgt ein chaotischer Hindernislauf auf der Jagd nach neuen Jobs durch Supermarktketten und Fitnessstudios, durch Botox-Test-Labors - in denen sich Jane eine dicke Lippe holt - und asoziale Slumgegenden, wo auch Dick im Konkurrenzkampf gegen illegale mexikanische Tagelöhner eins "auf die Fresse" bekommt. Zum Brüllen komisch wird völlig ohne Pathos und Sentimentalität die soziale Realität des kapitalistischen Amerikas vorgeführt, der schnelle Weg ins soziale Abseits ohne Arbeitslosenversicherung und Altersabsicherung. Beispiele dafür finden sich in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte der USA dutzendfach. Vor allem nach dem Zusammenbruch der New Economy oder die Pleite des Energiekonzerns Enron, bei denen habgierige Manager tatsächlich die Pensionsfonds der kleinen Angestellten veruntreuten und Familien in den Ruin trieben.

Gelungenes Remake eines Seventies-Hits

In dieser Hinsicht ist der Stoff noch viel brisanter als 1977. Aus diesem Jahr stammt der Original-Film, "Fun with Dick and Jane" mit Jane Fonda und George Segal, den Regisseur Dean Parisot als Vorbild für sein Remake verwendet hat. Als Dick und Jane schließlich- befreit von allen irdischen Gütern - im wahrsten Sinne des Wortes im Dreck der bereits ausgehobenen Baugrube für den Pool liegen, legt Regisseur Parisot einen noch schnelleren Gang ein, und die Komödie driftet endgültig in anarchischen Slapstick: Die Harpers entdecken ihre kriminelle Ader und überfallen in Bonnie-und-Clyde-Manier Banken. Nicht die Masken der Präsidenten wie in "Gefährliche Brandung", sondern Kostüme von Elvis, Sonny und Cher dienen als Tarnung. Die wilde Energie der Raubzüge belebt ganz nebenbei auch ihr Sexleben, und Dick tauscht den arg ramponierten Maßanzug gegen legere Hawaiihemden, im Mundwinkel eine dicke Zigarre.

Offensichtlich komisch und subtil bitterböse

Witziger kann Wohlstandssatire nicht sein, wenn einem das Lachen auch phasenweise im Halse stecken bleibt. Obwohl das Robin-Hood-mäßige Ende einen Hauch von Hollywoodkitsch verbreitet, wird damit der zwar locker verpackte aber doch eher schwer verdauliche Inhalt genießbar. Gerade die Stehaufmännchen-Mentalität, der verzweifelte Versuch den schönen Schein zu wahren wird von einer unerschüttlichen Téa Leoni und einem herrlich aufgedrehten Jim Carrey grandios durchgezogen, was die temporeiche Krimi-Komödie offensichtlich komisch und subtil böse macht.

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  • Kathrin Buchner