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"Dresden": "Selbst meine Kinder kannten die Geschichte nicht"

Für den TV-Zweiteiler "Dresden" musste sich Felicitas Woll dem Grauen der Bombennacht 1945 stellen, das ihre Großtante als junge Frau erlebt hat. Mit dem stern sprachen beide nun über den Krieg - und das Verdrängen.

Frau von Berlepsch, als Mädchen haben Sie Dresden im Feuersturm erlebt. Mit welchen Gefühlen sind Sie nach mehr als sechzig Jahren hierher zurückgekehrt?

Rosemarie von Berlepsch: Die ganze Zugfahrt über war ich sehr ruhig - bis Dresden-Neustadt. Dann haben mich die Erinnerungen übermannt, und ich war froh, dass ich allein war im Abteil. Die Wunde war wieder aufgerissen, aber ich spürte: Jetzt schließt sich der Kreis.

Wenn Felicitas nicht die Hauptrolle in "Dresden" übernommen hätte ...

VON BERLEPSCH: ... wäre ich nie mehr hierher gekommen. Es waren Erinnerungen, die ich weit von mir geschoben hatte. Ich war damals 17, meine kleine Schwester, also Felicitas' Großmutter, war zehn. Wir haben über diese Zeit nie geredet.

Dabei hat die Geschichte ein glückliches Ende: Ihre Familie hat den Krieg unbeschadet überlebt.

VON BERLEPSCH: Wir wollten die Vergangenheit nicht in unser neues Leben mitnehmen.

Felicitas, haben Sie Tante Rose oder Ihre Großmutter nie gefragt, wie sie den Krieg erlebt haben?

WOLL: Nein, auch wenn das schwer zu verstehen ist. In der Schule haben wir den Zweiten Weltkrieg nur angeschnitten. Ich hatte nie einen Bezug zu dieser Zeit.
VON BERLEPSCH: Du wusstest nur, dass wir fliehen mussten ...
WOLL: ... und mehr nicht. Keiner in der Familie wusste mehr. Vielleicht haben wir gespürt, dass das ein wunder Punkt ist. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Tante Rose mich bei den Dreharbeiten besucht hat. Großmutter ist zu solchen Reisen leider nicht mehr in der Lage.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 griffen 800 britische Bomber an, sie warfen 400 000 Brand- und 4500 Sprengbomben ab. Frau von Berlepsch, wie haben Sie dieses Inferno erlebt?

VON BERLEPSCH: Am Abend waren wir in Dresden unterwegs. Wir waren ja vor den Russen aus Schlesien geflohen und wohnten bei Verwandten. Plötzlich heulten die Sirenen, ganz schnell hintereinander. Wir suchten Schutz in einem Keller. Das war der erste Angriff: Brandbomben zum Lichtmachen. Wir hörten sie zischen. Eine nach der andern, systematisch abgeworfen. Dann kam Entwarnung, wir gingen auf die Straße, wollten zu Freunden, die ein Haus an den Bahngleisen hatten. So weit kamen wir nicht. Das Feuer versperrte uns den Weg. Wir rannten zurück zu unseren Verwandten, doch deren Haus brannte schon. Wir flüchteten ins Haus gegenüber, ins Souterrain. Da begann der zweite Angriff: die Sprengbomben. Wir hatten Todesangst, aber wir waren ganz ruhig. Schreien und Weinen hilft in so einer Lage nicht, man muss sich seinem Schicksal ergeben. Als der Angriff vorbei war, ist meine Mutter mit uns Mädchen raus auf die Straße. Dresden brannte. Wir mussten raus aus der Stadt. Da wir uns nicht auskannten, sind wir flüchtenden Pferden gefolgt, die hatten mehr Ortskenntnis.
WOLL: Euer Vater saß noch unten im Souterrain.
VON BERLEPSCH: Eine Mauer war eingestürzt und hatte ihn an der Stirn verletzt. Er konnte sich nicht bewegen. Aber wir mussten doch weg! Ein Soldat, der auch in dem Keller war, sagte: "Gehen Sie, ich kümmere mich um ihn." Wir haben unseren Vater zurückgelassen. Das war bitter.
WOLL: Aber es hat ihn gerettet.
VON BERLEPSCH: Später erfuhren wir, dass er einen Gehirntumor hatte. Hätte man ihn transportiert, wäre er gestorben. So saß er neun Tage und Nächte in diesem Keller, bis die Männer kamen, die mit ihren Autos die Leichen einsammeln. Die hatten erst gar nicht gemerkt, dass er noch lebt. Er kam nach Kipsdorf im Erzgebirge und wurde operiert. Der Arzt sagte zu ihm: "Bohn? Sie heißen Bohn? Bei mir war vor ein paar Tagen eine Familie Bohn." Das waren wir. Nach der Bombennacht hatte uns ein Lastwagen vom Roten Kreuz aufgesammelt und nach Kipsdorf gebracht, wo wir zunächst in einer Turnhalle untergebracht worden waren und dann bei dem Arzt Obdach gefunden hatten. Er wusste, dass wir nach Bad Wildungen weitergezogen waren. Und eines Tages kam unser Vater angelaufen. Das war der glücklichste Tag in unserem Leben.

Felicitas, in dem ZDF-Zweiteiler spielen Sie Anna, eine junge Krankenschwester, eine Frau zwischen zwei Männern: Die Verlobungsfeier mit dem Oberarzt Alexander ist bereits geplant, als sie Robert kennen lernt, einen britischen Bomberpiloten.

WOLL: Robert wurde abgeschossen, konnte sich aber retten und schlägt sich im Feindesland durch. Er spricht Deutsch, doch weil sein Akzent ihn verraten würde, schweigt er. Er erreicht Dresden und versteckt sich im Keller des Krankenhauses, wo Anna ihn findet. Von da an geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf.

zwiti>Lenkt diese Liebesgeschichte nicht zu sehr vom historischen Geschehen ab? WOLL: Überhaupt nicht. Anna entscheidet sich für Robert, für den Feind. Was im Großen damals unmöglich war, geschieht im Kleinen: die Versöhnung der Völker.
VON BERLEPSCH: Da wächst eine Liebe zwischen zwei Menschen, ohne Rücksicht auf die politischen Verhältnisse. Das ist etwas Großes. Junge Menschen sollten sich diesen Film ansehen: Er schafft nicht nur Verständnis für das, was meine Generation durchlitten hat, er macht auch Hoffnung. Ich kann Anna gut verstehen: Ich habe auch ein Faible für Engländer.

Felicitas, haben Sie bei den Dreharbeiten an Ihre Großmutter und Tante Rose gedacht?

WOLL: Ich war den beiden in dieser Zeit sehr nah. Anna, ich, meine Großmutter, Tante Rose, das war plötzlich eins. Ich musste oft weinen bei der Vorstellung, was sie alles erlebt haben, und ich habe viel vom Krieg geträumt.
VON BERLEPSCH: Das kann ich nachvollziehen. Ich war einen Tag am Set dabei. Die Ruinen, die Frau mit dem Handwagen auf der Flucht, der Mann, der erschossen wird - das wirkte sehr echt.

Für die Brandszenen wurde eine Dresdner Straße in Köln nachgebaut.

VON BERLEPSCH: Den Feuersturm musste ich nicht noch einmal erleben, das wollte ich mir nicht antun.
WOLL: Wir hatten eine Komparsin, die den Angriff damals erlebt hat. Sie hatte Tränen in den Augen beim Anblick der brennenden Kulissen und war nicht imstande weiterzudrehen.

Frau von Berlepsch, haben Sie in Dresden vieles wiedererkannt?

VON BERLEPSCH: Ich habe nicht mal die Straße gefunden, in der wir untergekommen waren. Als wir damals Dresden verließen, war es Schutt und Asche.

Waren Sie bei der Einweihung der Frauenkirche dabei?

VON BERLEPSCH: Leider nicht. Aber die Frauenkirche ist das beeindruckendste Symbol für Versöhnung und Vergebung, das ich mir vorstellen kann.

Und nun haben Sie Ihrer Familie zum ersten Mal von Dresden erzählt.

VON BERLEPSCH: Selbst meine eigenen Kinder kannten die Geschichte nicht, und mein ältester Sohn ist schon über 50. Die ganze Familie hat um den Tisch herum gesessen, und alle waren sehr angerührt. Erst haben Sie mir Vorwürfe gemacht, weil ich so lange geschwiegen hatte. Aber unser Verhältnis ist seither noch enger.

Felicitas ist gerade Mutter geworden. Die Kleine wird die Erste sein, der Sie ganz selbstverständlich von Dresden erzählen werden.

WOLL: Wir werden ihr beide davon erzählen. Es ist jetzt ja auch meine Geschichte.

Interview: Alexander Kühn

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