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"Ein ganz gewöhnlicher Jude": "Den Juden gibt es nicht"

Der Ein-Personen-Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude" mit Ben Becker in der Hauptrolle läuft diese Woche in den Kinos an. stern.de sprach mit dem Schweizer Drehbuchautor Charles Lewinsky über das Jude-Sein.

Ist "Ein ganz gewöhnlicher Jude" eigentlich auch als Buch erschienen?

Nein. Der Verlag hat es, nachdem der Film abgedreht war, als Buch herausgegeben. Aber es war von Anfang an ein Drehbuch, eine Auftragsarbeit für den Produzenten Hubertus Meyer-Burckhardt, der wollte diesen Film haben. Ich hätte den Film nie angeboten. Im Gegenteil, ich habe mich heftig gewehrt. Ich wusste, das geht ans Eingemachte, das tut auch weh. Es ist ja auch mehr ein Pamphlet geworden.

Woher wusste Herr Meyer-Burckhardt denn von ihrer Affinität zu dem Thema?

Er kannte mich als Drehbuchautor, es war nicht unsere erste Zusammenarbeit. Manchmal sind Produzenten klüger als Autoren.

Ist die Befindlichkeit eines Schweizer Juden anders als die eines deutschen Juden?

Ich habe ein paar Jahre in Deutschland gelebt und war geschockt angesichts der Verkrampftheit des Verhältnisses, das war ich nicht gewohnt. "Jaja, einer meiner besten Freunde ist Jude", so einen Ausspruch kannte ich nicht, es sagt ja auch keiner "jaja, einer meiner besten Freunde ist evangelisch". Dieses Verkrampfte, das ist eine typisch deutsche Eigenschaft. Das ist durch die Geschichte so gekommen und wird wohl auch so bleiben.

Wie würden Sie Ihren Protagonisten, Emanuel Goldfarb, beschreiben?

Er ist jemand, der sich danach sehnt, nichts Besonders zu sein, was er aber durch seine Herkunft und seine Geschichte nie erreichen wird, jemand, der versucht, sein Verhältnis zur Gesellschaft als Selbstverständlichkeit zu leben, aber es weder von außen noch von innen schafft. Mit dem Täter-Opfer-Schema allein kommt man auch nicht weiter.

Ist Goldfarb ein Zyniker?

Er wäre gerne einer, aber er schafft es nicht. Dazu ist er viel zu verletzt, um ein Zyniker zu sein.

Nachdem er versucht hatte, seinen jüdischen Glauben zu ignorieren, flüchte sich Goldfarb für kurze Zeit in die "Superorthodoxie", wie Sie es nennen, um dann den Gebetsriemen wieder in einer Kiste zu verstauen. Mesusah und der Leuchter bleiben aber. Warum?

Das sind Familienerbstücke. Und die Mesusah, eine Art Amulett, ein winziger Behälter an der Eingangstür, in dem sich ein kleines Stück Pergament befindet, gibt es in jedem jüdischen Haushalt, das ist Tradition. Wie man in jedem deutschen Haushalt einen Christbaum finden wird, auch wenn die Leute nicht bekennende Christen sind.

Hatten Sie ein Mitspracherecht bei der Wahl des Darstellers?

Ich habe irgendwann mal gesagt, könnte das nicht Ben Becker machen. Dann kam die Reaktion: Kann der einen Juden spielen? Aber genau darum geht es ja, nicht das Klischee zu bedienen, sondern es musste vor allem ein guter Schauspieler sein, der lange Texte bewältigen kann.

Sind Sie mit seiner Leistung zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Waren Sie bei den Dreharbeiten dabei?

Ich bin mal zu Besuch gekommen. Autoren sind beim Dreh sehr unnütz. Man hat ja nichts zu tun. Was ich allerdings toll fand: Ich hatte noch nie den Fall, dass sich die Macher so exakt an das Drehbuch halten, das ist selten.

Gab es schon Reaktionen deutscher Juden auf ihr Drehbuch?

Das Echo war interessant. Es gab zwei Arten: Die einen sagen, warum schreibst du einen Film darüber, so ist es halt. Die anderen sagen, jaja, das hast du verharmlost und nett gemacht. So sind die häufigsten Reaktionen. Ich hatte auch den Fall, – was mich sehr beeindruckt hat -, dass mir einer sagte, woher weißt du das, du hast mich doch gar nicht gekannt. An den Reaktionen glaube ich, dass ich eine echt vorhandene Befindlichkeit getroffen habe.

Goldfarb ist Mitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg. Ist die Stadt bewusst gewählt?

Das kommt, weil der NDR den Film gedreht hat. Es hätte genauso gut München oder jede andere Stadt in Deutschland sein können.

Gab es schon offizielle Reaktionen?

Nein, die Gemeinden reagieren auch nicht offiziell. Der Film ist ja auch noch nicht gelaufen. Bisher kommen nur Reaktionen von Menschen, die ich privat kenne und denen ich die VHS-Kassette gezeigt habe. Aber ich glaube, wenn noch eine Reaktion dazu kommt, ist es die "Risches-Reaktion", die ich auch im Buch beschreibe...

...die Haltung von Goldfarbs Mutter...

Ja, dieser Mutter-Haltung, bloß nicht daran rühren, das bringt nur Schwierigkeiten.

Kann der Film etwas bewirken?

Was ich mir erhoffe, ist, dass die Leute, die den Film sehen, ein bisschen von den Klischees in ihren Köpfen Abstand nehmen, indem sie es persönlicher sehen und feststellen, dass es den Juden genauso wenig gibt wie den Deutschen.

Im Februar erscheint im Verlag Nagel & Kimche der neue Roman von Charles Lewinsky. In "Melnitz" beschäftigt sich der Autor mit Juden in der Schweiz.

Interview: Kathrin Buchner
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