HOME

Filmtipp "Free Solo": Ohne Seil und Haken: So kletterte Alex Honnold den Berg El Capitan hoch

Lange hat ein Filmteam den Kletterer Alex Honnold begleitet. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm "Free Solo". Es ist, als würde einem als Zuschauer der Boden unter den Füßen weggezogen werden.

Von Oliver Creutz

"Free Solo" Alex Honnold

Die Zeitungsmeldung im Juni 2017 lautete schlicht: "Freikletterer bezwingt El Capitan ohne Sicherung." Da las man kurz drüber, blätterte weiter. Wenn man jetzt im Kino sitzt und den Film zur Meldung sieht, ist es, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen, als hinge man selbst in einer alptraumhaften Höhe, ein falscher Griff, und alles ist vorbei.

Der Kletterer heißt Alex Honnold, der Berg El Capitan steht im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien; seine Südwestwand ragt 1000 Meter in den Himmel. Honnold hat diese teilweise überhängende Wand ohne Seil und Haken gemeistert. Einen Felsen, der stellenweise so glatt scheint wie Marmor. Wo soll man sich da festhalten?

Dokumentarfilm "Free Solo": Wie Bruce Lee als Hochseilartist

Der Fachbegriff dafür lautet "Free Solo", und so heißt auch der Film, der über Honnolds Abenteuer gedreht und der mit einem Oscar als "Bester Dokumentarfilm" ausgezeichnet wurde. Wobei der Preis eigentlich dem Hauptdarsteller gebührt, denn das, was Honnold da leistet, ist so lebensmüde wie einzigartig, ein Kunstwerk des Klettersports.

Lange begleitet das Filmteam den Athleten bei seinen Vorbereitungen. Immer wieder nähert er sich dem Felsriesen, noch gesichert, und probiert Griffe und Tritte aus. Wir sehen, wie er seinen mit Kreidepulver panierten Daumen in eine winzige Mulde presst, wie er dann zum Karate-Kick ansetzt, um eine Spalte im Granit zu überwinden. Wie Bruce Lee als Hochseilartist. Wir lernen Honnolds Mutter und seine Freundin kennen, die um sein Leben bangen, die aber auch wissen, dass sie ihren Alex losziehen lassen müssen. Denn nur so, allein im Felsen und mit sehr viel Luft unter den Füßen, ist er glücklich.

Der Höhepunkt: die Besteigung

Und dann beginnt der Höhepunkt: die Besteigung, gefilmt von mehreren Kameras; einige von ihnen wurden vorher entlang der Route im Felsen montiert. Honnold scheint seinen Körper programmiert zu haben: Jeder Griff, jeder Tritt ist abgespeichert, und nun ruft er sie ab, er jagt die Wand förmlich hoch. Er lächelt dabei. Es sind die unglaublichsten Minuten des Kinojahres, packender als jeder Actionfilm.

Honnold brauchte weniger als vier Stunden für die Route. "Die Mondlandung des Free Solo", sagte später ein Kletter-Kollege dazu. Es gibt übrigens auch einen Wanderweg, der zum Gipfel des El Capitan führt. Er gilt als einfach.

"Free Solo", USA 2018, von Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, 100 Minuten, ab Donnerstag im Kino.

Freeclimb in 450 Metern Höhe: An dieser Steilwand muss jeder Griff sitzen