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"Gabrielle - Liebe meines Lebens": In der Ehehölle ist's eiskalt

Die Verlegergattin Gabrielle verlässt ihren Mann, um noch am selben Tag zu ihm zurückzukehren. In düster-kühlen Bildern seziert Regisseur Patrice Chéreau eine bürgerliche Ehe im Verfall - und geht dabei bis an die Schmerzgrenze.

Von Carsten Heidböhmer

Als der vermögende Pariser Jean Hervey (Pascal Greggory) eines Tages im Vorkriegsjahr 1912 in sein großbürgerliches Haus kommt, findet er anstatt seiner Frau nur einen Brief vor. In wenigen Zeilen teilt sie ihm darin mit, dass sie ihn für ihren Liebhaber verlassen hat. Innerhalb von Sekunden bricht Jeans geordnete Welt zusammen. Apathisch sitzt er im düsteren Zimmer und versucht, den Schock dieser Nachricht zu verarbeiten. Während er versucht, langsam wieder Halt unter den Füßen zu bekommen, kehrt Gabrielle (Isabelle Huppert) überraschend zurück. Nach nur wenigen Stunden in Freiheit. Den Grund für dieses seltsame Verhalten wird Jean nicht erfahren - und ebensowenig Zuschauer. Weder verrät die untreue Ehefrau, weshalb sie ihren Mann verließ, noch legt sie Rechenschaft ab, warum sie nun wieder da ist.

Mehr noch: Gabrielle weigert sich, über dieses Thema zu sprechen. Viel Zeit bleibt dem Ehepaar ohnehin nicht, ihre Beziehungsprobleme auszudiskutieren. Schließlich gilt es ja die Fassade zu wahren, den Schein der heilen Welt aufrecht zu erhalten. Zunächst einmal vor dem vielen Dienstpersonal, das bereits tuschelnd in den Gängen steht und gierig darauf lauert, Zuschauer eines saftigen Ehekrachs zu werden. Und schon gar nicht darf irgendetwas von den ungeheuerlichen Vorkommnissen nach Außen dringen. Schließlich will man ja den zahlreichen befreundeten Gästen auf den regelmäßigen Empfängen im Hause Hervey auch weiterhin die heile Fassade einer glücklichen Ehe vorgaukeln.

Im goldenen Käfig

Und so wird eben alles unter den Teppich gekehrt. Über Gefühle konnten die beiden ohnehin noch nie reden, sie haben in dieser Welt keinen Platz. Der Zuschauer wird Zeuge, wie zwei Menschen gute Miene zum bösen Spiel machen - und welche Anstrengung und Selbstüberwindung das kostet. "Gabrielle - Liebe meines Lebens" ist ein grausamer Film. Da ist ein Ehepaar, das nicht zusammen sein sollte, aber doch nicht die Kraft aufbringt, sich voneinander zu trennen. Weil man glaubt, aufeinander angewiesen zu sein. Weil man sich im goldenen Käfig so bequem eingerichtet hat.

Patrice Chéreau inszeniert die auf einer Erzählung Joseph Conrads basierende Geschichte als bedrückendes Kammerspiel. Die innere Kälte der Protagonisten transportiert er in düster-kühlen Bildern auf die Leinwand. Als Schauplatz wählt der Regisseur ein weiträumiges Haus, das mehr an ein Museum denn eine Wohnstätte erinnert. Die Gefühle, die das Paar füreinander hegt, sind so tot wie die antikisierten Büsten, die als Ausweis bürgerlicher Bildung ausgestellt sind.

Behagliche Wärme der Gesellschaften

Auf der anderen Seite liefert Chéreau opulente Bilder, wenn es darum geht, die Festgesellschaften zu beschreiben, zu denen die Herveys regelmäßig bedeutende Freunde und Bekannte in ihr Haus laden. Dann wechselt die dominante Farbgebung von dem kühlen Grau-Blau ins satte Gelb, das die behagliche Wärme veranschaulicht, die von diesen Gesellschaften ausgeht.

Isabelle Huppert brilliert in der Rolle der Ehefrau, die noch Wünsche und Träume hat, letztendlich aber nicht die Kraft aufbringt, sie durchzusetzen. Für diese Leistung wurde sie bei den Filmfestspielen in Venedig 2005 mit dem Spezialpreis der Jury geehrt. Zu Recht: Ihrem Spiel ist buchstäblich anzusehen, wie unter der der scheinbar perfekten Oberfläche Aggression und Frustration brodeln.

Für den Zuschauer ist es quälend, der Nicht-Kommunikation eines Ehepaares zuzusehen, das sich doch eigentlich so viel zu sagen hätte. So ist man dankbar, dass sich der Film mit 90 Minuten begnügt - viel länger ist dieser Beziehungsruine kaum zu ertragen. Denn für das Paar gibt es keine Hoffnung: "Wenn ich gewusst hätte, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekommen", bringt Gabrielle diesen Zustand mit einem paradoxen Satz auf den Punkt.

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