"Gomorrha" Die Fratze der Mafia


Mit der Mafia-Romantik von "Der Pate" und "Goodfellas" hat Matteo Garrones Spielfilm "Gomorrha" nichts zu tun. Dieses Porträt einer komplett von der Mafia kontrollierten Stadt zeigt drastisch den Alltag einer Gesellschaft, die alles andere als ehrenwert ist. Hier regiert der Verrat und passiert täglich ein Mord.
Von Sophie Albers

Mafia und Kino, das ist eine lange Geschichte, die immer wieder gerne in einem großen Missverständnis endet: Während das Kino meint, die Realität zu spiegeln, spiegeln Mafiosi - und vor allem die, die es gerne wären - das Kino. In den USA wurden Mobster wie John Gotti zuerst zu Filmhelden, und nach seinem Tod im Jahr 2002 hat seine Familie den "Mafia-Ruhm" sogar in einer Dokusoap namens "Growing up Gotti" ausgeschlachten können.

Die doppelte Spiegelung erfährt das Phänomen schließlich, wenn die fiktionale Figur Tony Soprano als postmoderner Mafioso in der erfolgreichen TV-Serie "Sopranos" vor einem Bild von Frank Sinatra seine Geschäfte erledigt. Dem Star, dem immer Verbindungen zur Mafia nachgesagt wurden, der später in "Der Pate" verewigt wird und mittlerweile als Referenz für die Verbindung von Mafia und Glamour völlig ausreicht.

Nachwuchs im "Scarface"-T-Shirt

Während Kleinkriminelle "Scarface"-T-Shirts anziehen, lassen italienische Clan-Bosse ihre Wohnzimmer dem von Tony Montana nachbauen. Mafia-Opfer verbluten jämmerlich, weil der mörderische Nachwuchs aus dem Kino das schräge Halten der Waffe übernommen hat und so nicht mehr genau trifft. Jüngster Akt im Tanz der Fakten mit der Fiktion ist die Verhaftung eines Mafioso, der in einem Film über die Mafia mitspielte, von Gefängnisinsassen erkannt wurde und nun selbst im Gefängnis sitzt. Der Film, der ihn die Freiheit kostete, heißt "Gomorrha" - und ist anders als die anderen.

"Gomorrha" kommt ohne den üblichen Mobster-Kino-Weichzeichner aus. Regisseur Matteo Garrone erzählt vom Alltag in Scampia, einem Vorort Neapels, wo die Camorra ganz real und völlig unkontrolliert herrscht. Die Geschichte ist zwar fiktional, doch bleibt Garrone hart an den Fakten. Offiziell leben hier 50.000, inoffiziell rund 80.000 Menschen. Die Stadt mit ihren Betonwohnsilos gilt als größter offener Drogenumschlagplatz der Welt. Bis zu 500.000 Euro Tagesumsatz macht jeder einzelne Clan. Jeden Tag passiert hier mindestens ein Mord.

Keine ehrenwerte Gesellschaft

Für den Glamour des organisierten Verbrechens hat "Gomorrha" keine Zeit. In Scampia ist das Leben so armselig wie das Geld dreckig. Bestes Bild dafür ist die andere Geldmaschine der Mafia neben den Drogen: das Müllverklappen. Würde man den Müll, den die Camorra-Familien illegal entsorgen, stapeln, entstünde ein Berg fast doppelt so hoch wie der Mount Everest. Dieser Film ist das Porträt einer Gesellschaft innerhalb einer Gesellschaft, die nach eigenen Gesetzen und Werten lebt. Ehrenwert ist sie definitiv nicht

Der Mann der das alles aufgeschrieben hat und dessen Bestseller "Gomorrha" Vorlage für Garrones Film war, heißt Roberto Saviano. Sein Buch über die Strukturen und Machenschaften der Camorra ist ein Bestseller. Der Autor ist nach Morddrohungen komplett abgetaucht. Das ist die Realität.


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