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Filmtipp

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer": Lummerlander Heldenreise: Der Kinderklassiker kommt ins Kino

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" kommt nach langem Anlauf ins Kino. Gedreht mit viel Aufwand und viel Liebe.

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" neu im Kino

Henning Baum (r.), Solomon Gordon und Lokomotive Emma beim Dreh von "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" in Südafrika

Da war zum Beispiel die Sache mit der Lederhose. Die kommt weder im Roman vor noch auf den alten Hörspielkassetten, sondern nur im berühmten Lummerland-Lied der Augsburger Puppenkiste. In der vierten Strophe:

"Eine Insel mit zwei Bergen. Und der Laden von Frau Waas/Hustenbonbons, Alleskleber/ Regenschirme, Leberkas/Körbe, Hüte, Lampen, Bürsten/Blumenkohl und Fensterglas/Lederhosen, Kuckucksuhren/Und noch dies und dann noch das."

Jede "Jim Knopf"-Version ist fest verankert in den Fantasien

Der Szenenbildner Matthias Müsse, der den Krämerladen von Frau Waas entwerfen sollte, stellte die Lederhose zur Disposition: "Wer braucht die?" König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte trägt nur Bademantel, der etwas steife Herr Ärmel nur Anzüge, Lukas den Blaumann. "Und Touristen gibt es nicht auf Lummerland." Der Produzent Christian Becker aber wollte die Lederhose haben: "Für die deutschen Zuschauer ist das Thema unglaublich wichtig, weil der Song tief in uns verwurzelt ist." Also einigte man sich auf einen Kompromiss: "Wir zeigen im Laden keine Lederhosen", so Müsse, "aber auf einer der großen Schubladen klebt ein Schild mit der Aufschrift 'Lederhosen'." Um der Vorlage gerecht zu werden.

Eine Szene aus der Augsburger Puppenkiste aus den 1970er Jahren

Eine Szene aus der Augsburger Puppenkiste aus den 1970er Jahren

Der Vorlage gerecht werden. Ohnehin schon eine knifflige Angelegenheit, wenn Filmemacher die Visionen anderer mit den Gesetzen des Kinos in Einklang bringen müssen. 58 Jahre nach der Veröffentlichung von Michael Endes Roman, in dem "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von der Insel Lummerland aus ihre abenteuerliche Reise antreten, um die kaiserliche Prinzessin von Mandala aus den Fängen der fiesen Drachenlehrerin Frau Mahlzahn zu befreien, kommt nun die erste Realverfilmung in die Kinos.

Und es gibt mehr als nur eine Vorlage: zum einen den Roman mit den Illustrationen von Franz Josef Tripp, außerdem die von Michael Ende teilweise selbst produzierten und gesprochenen Kassetten und schließlich die Adaptionen der Augsburger Puppenkiste aus den Jahren 1961/62 (in Schwarz-Weiß) und 1976/77 (in Farbe).

Jede dieser "Jim Knopf"-Versionen ist fest verankert in den Fantasien, Träumen und Erinnerungen von Millionen Lesern, Hörern und Fernsehzuschauern. Über Generationen. Wir denken zurück an mummelige Nachmittage, die wir vor dem Fernseher mit zappeligen Marionetten verbrachten, die über Klarsichtfolien-Ozeane dümpelten. Wir denken an Urlaubsfahrten im Auto, bei denen wir gebannt lauschten, wie die Helden das Tal der Dämmerung überwanden. Und an Nächte, in denen wir nur noch das eine Kapitel unter der Bettdecke lesen wollten, um zu erfahren, ob der Halbdrache Nepomuk den Weg durch das Land der 1000 Vulkane kennt.

Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte

Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte

Jeder von uns hat seine ganz eigene Geschichte mit Jim Knopf. "Das sind unglaubliche Möglichkeiten", sagt Christian Becker. "Aber es ist auch eine irre Verantwortung, weil wir jeden dieser Menschen potenziell enttäuschen könnten. Deshalb haben wir versucht, eine Quintessenz aus dem kollektiven Gedächtnis aller zu erschaffen, keins der Werke widerspricht ja dem anderen. Das gehört alles zusammen." Das hat gedauert. Sehr lange gedauert.

"Es war wichtig, mit den Erben einen Schulterschluss zu finden"

"Das erste Mal um die Ecke kam er damit 2001", erzählt Regisseur Dennis Gansel, der mit Becker an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film studierte und damals mit ihm in einer WG wohnte. Gansel kam erst 2012 an Bord, verfolgte aber aus nächster Nähe die Genese des Projekts. "Als ich den ersten Drehbuchentwurf gelesen hatte", sagt er, "dachte ich: Toller Stoff, aber wie will er das hinkriegen? Lummerland? Mandala? Eine Drachenstadt? Das kostet ein Vermögen. Die Computertricktechnik war seinerzeit längst noch nicht so weit, um das zu realisieren."

Ein Abschiedskuss von Jim (Solomon Gordon) für Frau Waas (Annette Frier)

Ein Abschiedskuss von Jim (Solomon Gordon) für Frau Waas (Annette Frier)


Zunächst einmal musste Becker aber die Verfilmungsrechte bekommen. In Teamarbeit gestaltete er ein 150-seitiges Buch mit Texten, Illustrationen und Fotos und präsentierte seine Vision den Verwaltern von Endes Erbe, dem Testamentsvollstrecker Wolf-Dieter von Gronau sowie dem Erbenvertreter und langjährigen Lektor Roman Hocke. "Uns war es wichtig, mit den Erben einen frühen Schulterschluss zu finden", sagt Becker. "Wir wollten sichergehen, dass Michael Ende sich über das Ergebnis freuen würde." Im Gegensatz etwa zu Wolfgang Petersens Verfilmung der "Unendlichen Geschichte", die der Schriftsteller 1984 als "gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik" bezeichnete und gegen die er lange und letztlich erfolglos prozessiert hatte.

Milan Peschel als Scheinriese Tur Tur

Milan Peschel als Scheinriese Tur Tur

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" ist eine klassische Heldenreise, in der die beiden ausziehen, unerhörte Abenteuer erleben, neue und unerwartete Freunde finden und als geläuterte Menschen nach Hause zurückkehren. Zugleich ist die Geschichte zutiefst persönlich. Michael Ende, Jahrgang 1929 und Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende, ging unter den Nationalsozialisten zur Schule und musste miterleben, wie die Werke seines Vaters Mitte der 1930er Jahre von der NS-Reichskulturkammer als entartete Kunst verboten wurden und viele von dessen Freunden und Kollegen, unter ihnen auch Juden, deportiert wurden. Nach dem Krieg verbrachte Ende seine letzten Schuljahre auf der Freien Waldorfschule in Stuttgart, und die Anthroposophie, aber auch buddhistische, christliche und esoterische Lehren sollten seine Weltsicht und sein Werk prägen.

Lukas und Jim im Land der 1000 Vulkane

Lukas und Jim im Land der 1000 Vulkane


Für ihn war der Mensch ein fantasiebegabtes Wesen mit einem Recht auf eigene Träume. Anlässlich des 200. Geburtstags des Naturforschers Charles Darwin interpretierte die Historikerin Julia Voss 2009 seinen Roman neu als eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Vereinnahmung der Evolutionstheorie: "Jim Knopfs heimliches Abenteuer bestand darin, mit Wissen um eines der düstersten Kapitel deutscher Bildungsgeschichte eine Gegengeschichte zu erzählen, die Rassenideologie, die Atlantissage, den Schulunterricht umzuerzählen, ein neues Märchen zu schaffen für die nächste Generation. Es kam genau im richtigen Augenblick."

"Opium fürs Kind"

Die Literaturkritik im Nachkriegsdeutschland hingegen nahm nur Romane mit sozialkritischen Inhalten und politisch erzieherischer Wirkung ernst, fantastische Geschichten wurden als Eskapismus abgetan. Der Autor fabriziere "Opium fürs Kind", hieß es, "tünche eine bekanntlich schlimme Welt rosig", und die Zuversicht auf ein gutes Ende im Bösen bereite die Jugend nicht auf das wahre Leben vor. "Zum Phänomen Michael Ende äußere ich mich nicht", sagte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki später einmal. Der Verschmähte revanchierte sich 1989, indem er den Kritiker in dem Buch "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" mit der Figur des scheußlichen, nutzlosen "Büchernörgele" verspottete.

Die schwimmende Emma, noch ohne Wasser

Die schwimmende Emma, noch ohne Wasser

Die Kinder aber liebten seine Geschichten. Michael Ende, dessen Debüt "Jim Knopf" zunächst von zwölf Verlagen abgelehnt worden war, avancierte zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Seine Werke wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und über 30 Millionen Mal verkauft.

Ankunft der Helden in Mandalas Hauptstadt Ping

Ankunft der Helden in Mandalas Hauptstadt Ping

Die Erbverwalter von Gronau und Hocke waren begeistert von den Ideen des Produzenten Becker und setzten im September 2005 zusammen mit dem Thienemann Verlag ihre Namen unter einen Optionsvertrag. Eine mühselige, von zahlreichen Rückschlägen geprägte Suche nach Geldgebern und der richtigen Form für die Umsetzung folgte. Ursprünglich wollte Becker den Film als internationale Produktion auf Englisch drehen. Favoriten für die Lukas-Rolle waren John Goodman ("Die Flintstones") oder Kevin James ("Der Kaufhaus Cop"). Um Investoren zu ködern, flog der Regisseur Gansel 2012 nach Australien, um mit Oscar-Preisträgerin Shirley MacLaine die Szenen für Frau Mahlzahn einzusprechen. Der Drache sollte später am Computer animiert werden. Doch all die Mühen brachten wenig. "Jim Knopf ist auch im Ausland bekannt", sagt Gansel, "aber halt nicht so eine große Marke." Und eben eine originär deutsche Geschichte, die am besten beim Publikum ankommt, wenn sie größtenteils mit deutschen Schauspielern erzählt wird.

"Jim Knopf und die Wilde 13"

Nach der Entscheidung, im eigenen Land zu bleiben, ging es ganz schnell mit der Finanzierung. Mit rund 25 Millionen Euro ist "Jim Knopf" eine der teuersten Produktionen des deutschen Films. Gedreht wurde 65 Tage lang in Babelsberg, den Münchner Bavaria Studios und in Südafrika. Für die Lukas-Rolle wurde Henning Baum verpflichtet, der den Eisenbahner mit warmem Bud-Spencer-Charme spielt. Seinen Freund Jim Knopf verkörpert der elfjährige Engländer Solomon Gordon. Es ist noch Großes geplant, sollte der Film den erhofften Erfolg haben. Ein amerikanisches Remake ist angedacht sowie die Adaption des zweiten Teils, "Jim Knopf und die Wilde 13"; am Drehbuch wird bereits gearbeitet.

Im Studio spricht Regisseur Dennis Gansel mit Henning Baum und Solomon Gordon

Im Studio spricht Regisseur Dennis Gansel mit Henning Baum und Solomon Gordon

"Wir wollen, dass alle ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aus dem Kino tragen und sagen: Mensch, so ähnlich hätte ich es mir auch vorgestellt", wünscht sich Christian Becker. "Und wir hoffen, dass wir den heutigen und kommenden Generationen neue Erinnerungen bringen können." Inklusive Lederhose.

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" starten ihre wunderbare Reise am 29. März 2018 in den Kinos.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo