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"Julia": Tilda Swinton geht den harten Weg

Eigentlich geht es in dem Entführungsdrama "Julia" nur um eines: Tilda Swinton. Die britische Independentkino-Ikone und Oscar-Gewinnerin spielt sich als Alkoholikerin die Seele aus dem Leib. Den Film rettet das nur fast.

"Julia" sei ein "Markstein" ihrer schauspielerischen Laufbahn, sagt Tilda Swinton, die in diesem Jahr gerade erst mit dem Oscar für die beste weibliche Nebenrolle für ihre Leistung in "Michael Clayton" ausgezeichnet wurde. "Es war großartig für mich, mit voller Wucht einen komplizierten Charakter an der Grenze fern der Grenzen üblicher Biografien spielen zu dürfen."

Tatsächlich absolviert Swinton in dem frei nach John Cassavetes' legendärem Film-Melodram "Gloria" aus dem Jahr 1980 realisierten Thriller eine schauspielerische Tour de Force. Vehement verkörpert sie eine Alkoholikerin, die aus Geldnot zur Verbrecherin wird und verzweifelt versucht, einen von vornherein aussichtslos erscheinenden Kampf gegen ein ganzes Heer von Gangstern zu gewinnen.

Swinton ist Julia, eine Säuferin, Amateurnutte und notorische Lügnerin. Freunde hat die Mittvierzigerin kaum. Permanent steckt sie in finanziellen Nöten. Dann lernt sie bei einem ihr aufgezwungenen Treffen der Anonymen Alkoholiker Elena (Kate del Castello) kennen. Die Mexikanerin bittet Julia um Hilfe. Sie will ihren beim schwerreichen Großvater lebenden Sohn Tom (Aidan Gould) entführen. Das Lösegeld will sie mit Julia teilen.

Sturm der Gewalt

Wieder einmal verzweifelt auf der Jagd nach Dollars, zieht Julia den Coup schließlich allein durch. Sie will die gesamte Summe für sich. Doch mit der Verzweiflungstat entfesselt sie einen Sturm der Gewalt, der sich vor allem gegen sie selbst zu richten droht.

Uraufgeführt wurde der von Regisseur Eric Zonca rasant inszenierte Psychokrimi im Februar dieses Jahres im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Beim Berlinale-Publikum fand der Film ein geteiltes Echo. Die einen waren hingerissen von Tilda Swintons extrovertiertem Spiel, andere störten sich an ihrer mitunter fast exhibitionistisch anmutenden Darstellung, nannten sie überzogen.

Die Wirkung der Kidnapping-Geschichte auf den einzelnen Zuschauer hängt in der Tat davon ab, wie sehr er sich auf Swintons Performance einlassen kann. Auf jeden Fall Respekt einflößend ist wohl für alle der Mut der Britin zur Hässlichkeit. Derart schonungslos wurde der Verfall einer Frau durch Alkoholismus auch im Kino wohl noch nie gezeigt. Swinton beschönigt nichts, ob sie die Protagonistin nun betrunken zeigt oder beim schmierigen Sex.

Frau jenseits des Teenie-Alters

Vor allem aber gelingt es Swinton, die Gefühlskälte der Frau aufzudecken, ohne sie als Luder zu denunzieren. Julia wird auch als Opfer einer Gesellschaft gezeigt, in der nur noch die Stromlinienförmigen und Angepassten Aussicht auf dauerhaften Erfolg haben. Bedauerlich, dass die Handlung mitunter logische Fehler aufweist, die das Geschehen mehr und mehr unglaubwürdig erscheinen lassen und so die Spannung nehmen. Am Ende hat "Julia" deshalb mitunter ziemliche Längen.

Für die 1960 in Schottland geborene Swinton hat der Film neben der Erfüllung ihrer schauspielerischen Leidenschaft eine weitere wichtige Bedeutung: "Hier ist endlich wieder einmal ein Film entstanden, der beweist, dass eine Frau jenseits des Teenie-Alters die aufregende Hauptfigur in einem ernsthaften Spielfilm für das breite Publikum sein kann."

Von Peter Claus, DPA

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