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Tilda Swinton im Interview: Kein polyamouröses Bacchus-Gelage

Ist Tilda Swinton in einem Märchenschloss aufgewachsen? Lebt sie gar in einer Dreierbeziehung mit zwei Männern? Im Interview äußert sich die schottische Schauspielerin zu den illusteren Mythen, die um ihre Person kreisen.

Ihr Markenzeichen: das Alabastergesicht und die rotblonden Haare. Mit Filmen wie "Orlando" und "Female Perversions" stieg Tilda Swinton (49) zur Königin des Programm-Kinos auf, manchmal ist sie auch in Mainstream-Produktionen zu sehen. 2008 gewann sie mit "Michael Clayton" einen Oscar als beste Nebendarstellerin.

Ihr neuer Film "I Am Love" ("Ich bin die Liebe" - Regie: Luca Guadagnino) lief bereits 2009 auf dem Festival in Venedig und wirkt, als sei er der Schauspielerin auf den Leib geschneidert. Es geht um eine reiche Mailänder Modedynastie. Swinton spielt die Frau des Patriarchen, eine gebürtige Russin. Sie bricht aus ihrem goldenen Käfig aus und verliebt sich in einen jungen Koch.

Die Figuren im feinen Tuch erinnern an Dynastien wie die Agnellis (Automarke Fiat). Und vielleicht fragt sich der Zuschauer auch, wie viel Luxus Swinton als Spross einer schottischen Adelsfamilie selbst kennt. Doch beim Interview in Berlin stellt sie einige kursierende Swinton-Klischees richtig: Weder lebe sie in einer Dreierbeziehung mit zwei Männern, noch sei sie in einem Märchenschloss aufgewachsen.

Wie sehr sind Sie mit dieser Art von Familie vertraut, ist es wie bei Ihnen?

Swinton: "Weder ich noch (Regisseur) Luca haben Erfahrung mit dieser Welt. Als wir den Film vorbereiteten, haben wir uns mit einigen Ladys getroffen. Aber was mich betrifft, da gibt es diese Fantasie, dass ich in einem Märchenschloss aufgewachsen bin, auf goldenen Laken und Schwanenbrust essend. Aber tut mir leid, das zu sagen: Das ist wirklich nur Fantasie."

Und wie sind Sie aufgewachsen?

Swinton: "Für meine Familie ziemlich unexotisch, in einem alten, verwitterten Haus mit einer Gruppe Jungs, meinen Brüdern. Mein Vater war Soldat, meine Mutter die Ehefrau eines Soldaten. Also alles ziemlich bodenständig."

Was war ein typisches Familiengericht (im Film spielt eine Suppe eine wichtige Rolle)?

Swinton: "Was würde meine Mutter wollen, was ich sage? Eintopf. Und weil wir auf dem Land in Schottland lebten, viel Wild, Fasan, Moorhuhn im Sommer."

Ihre Rolle steht in der Tradition von Figuren wie Madame Bovary. Hat sich die Einstellung der Gesellschaft zu ehebrechenden Frauen oder Frauen, die sich in jüngere Männer verlieben, geändert?

Swinton: "Da können Sie mich seltsam finden, aber das ist mir nicht so aufgefallen wie der Aspekt der Schicht [im Film verliebt sie sich in einen Koch] (...) Lucas und meine Vorstellung war, dass es mehr um die Schicht geht als um Alter oder das, was Sie Ehebruch nennen."

Wie würden Sie Liebe definieren?

Swinton: "Liebe ist eine Aktivität. Es geht um absolute Ehrlichkeit und absolute Akzeptanz, ein klares Bekenntnis zueinander und eine bedingungslose Öffnung gegenüber dem anderen - wohlwissend, dass der andere das nicht ausnutzt oder dich davon abhält, du selbst zu sein. Der andere bekennt sich zu dir und begleitet dich. Im Kern der echten Liebe steckt auch, dass man die Einsamkeit anerkennt, dass wir tatsächlich ganz alleine sind. Es gibt ja diese romantische Fantasie der Vereinigung. Die ist ein Trugschluss und nicht hilfreich, sie kann bei den Menschen so viel Kummer verursachen, wenn sie sich inmitten einer Liebesgeschichte wieder ganz alleine fühlen."

Waren Sie selbst immer frei von Hemmungen oder mussten Sie das erst lernen (Swinton hat mit ihrem Ehemann John Byrne Zwillinge. Seit 2004 zeigt sie sich auch mit ihrem Liebhaber, dem deutschen Künstler Sandro Kopp, der zeitweise mit der Familie in Schottland lebt)?

Swinton: "Ich habe das seltsame Gefühl, dass Sie vielleicht einige Mythen über mich gehört haben. (...) Den Mythos, dass wir in einem polyamourösen Bacchus-Gelage leben, muss ich leider zerstören. Wir sind viel weniger exotisch. Was vielleicht exotischer, aber sicher wahr ist: Wir sind enge Freunde. Unexotischerweise habe ich mit einem Mann Kinder, mit einem anderen lebe ich."

Caroline Bock, DPA / DPA