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Gesellschaft und Umwelt Klimaschutz vorantreiben: 15 Ideen für eine kühlere Zukunft

Ein begrüntes Wohnhaus
© picture alliance / Britta Peders
Manche klingen utopisch, viele vernünftig, andere leisten vielleicht nur einen winzigen Beitrag. Aber wichtig sind sie alle, um den Klimawandel zu bremsen.
Von Rüdiger Braun, Nicole Heißmann, Andreas Hoffmann, Nicola Kuhrt, Frank Ochmann und Doris Schneyink<br /><br />

1. Richtig Wind machen

Die Erfolge sind beeindruckend: 2019 war Windkraft erstmals die stärkste Quelle für Strom in Deutschland. Sie produzierte mehr als Kernenergie und übertraf acht Monate lang die Stromerzeugung aus Braunkohle. Insgesamt lag der Anteil erneuerbarer Energien am Strom, der aus unseren Steckdosen kommt, bei 42 Prozent. Doch nun stagniert der Ausbau. Der Grund: langwierige Genehmigungsverfahren und zahlreiche Klagen. Doch ohne mehr Windenergie wird die Energiewende nicht gelingen, davon ist die Mehrheit der Experten überzeugt.

2. Der Kohle das Geld entziehen

Leonardo DiCaprio ist ein prominenter Unterstützer der Idee, ebenso wie Tilda Swinton, Barack Obama, Prince Charles oder der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon: Sie alle glauben an die Macht des "Divestment". Vor zehn Jahren gründeten Studentinnen und Studenten des Swarthmore-College in den USA die gleichnamige Bewegung. Ihre Idee: Wenn Anleger konsequent Geld aus der Öl- und Kohleindustrie abziehen, trocknet die buchstäblich aus. Mittlerweile haben sich nach Angaben der Internetplattform gofossilfree.org weltweit über 1200 Banken, Unternehmen, Pensionsfonds und kirchliche Institutionen der Bewegung angeschlossen. Auch die Allianz-Group oder die AXA gehören dazu. Sie verpflichteten sich öffentlich, kein Geld oder nur noch einen geringen Anteil in die Öl- und Kohleindustrie zu stecken. Auf diese Weise wurden der fossilen Wirtschaft bislang 14 Billionen Dollar entzogen. Hinzu kommen rund fünf Milliarden durch Privatanleger.

3. Tiefen-Energie

Eine Geotherme
© mauritius images / Dominic Robin

Im mitteleuropäischen Durchschnitt nimmt die Erdtemperatur alle 100 Meter um drei Grad zu, wobei die ersten 100 Meter mit 10 Grad kühl sind. Wärme ist zwar eine Form von Energie und lässt sich technisch nutzen: direkt, für Heizung und Klima­tisierung. Indirekt für die Stromerzeugung. Aber die Ausbeute der "oberflächlichen Geothermie" bis 400 Meter ist nicht groß. Wer mehr will, muss tiefer bohren. Doch das ist teuer. Und birgt Risiken. Allerdings gibt es Gegenden, wo heißes Magma aus dem Erdinnern besonders hoch steigt. Das nutzt etwa der weltweit größte derartige Kraftwerkskomplex mit einer Kapazität von 1,5 Gigawatt, "The Geysers", über einer Magmakammer bei San Francisco. Zum Vergleich: Das größte deutsche Kraftwerk Grevenbroich-Neurath bringt es mit Kohle auf die dreifache Leistung. Bis 2050, so eine aktuelle wissenschaftliche Schätzung, könnten allenfalls vier bis sieben Prozent des europäischen Stroms aus Geothermie stammen. Doch als lokale Wärme- oder auf den ersten Metern auch Kältequelle kann sie attraktiv sein.

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4. Alles auf den Kompost

"Indem wir das Falsche perfekt machen, machen wir es nur perfekt falsch", sagt der deutsche Chemiker Michael Braungart. Perfekt falsch sind für ihn etwa Kühlschränke, die bloß weniger Strom fressen, oder Plastik, das weniger giftig ist, denn: "Unternehmen sollen Güter so produzieren, dass man sie bedenkenlos auf den Kompost werfen kann." Oder die sich dauerhaft wiederverwerten lassen. Das ist das Cradle-to-Cradle-Konzept, "von der Wiege zur Wiege", kurz C2C, das er mit dem US-Architekten William McDonough vor 20 Jahren entwickelte. Mittlerweile zertifiziert Braungart in Hamburg recycelbare Produkte – Styroporersatz aus Polymilchsäure; Teppichböden, deren Material sich wiederverwerten lässt und Feinstaub binden kann. Inzwischen gibt es über 2000 C2C-Produkte, die strengste Kriterien erfüllen – sogar schadstofffreie Gebäude wie der "Woodcube" in Hamburg und ein riesiges Containerschiff.

Woodcube
Ohne Treibhausgase: der Woodcube in Hamburg
© imago stock & people

5. Vom Klimagas zum Rohstoff

Was, wenn aus CO2 ein wertvoller Rohstoff würde? Wenn das Klimagas beispielsweise Öl in der Chemieindustrie ersetzen könnte? Statt die Erde aufzuheizen, könnte das CO2 aus dem Abgas von Kohlekraftwerken und Industrieanlagen herausgefiltert und als Wertstoff verarbeitet werden. Besser noch: Man holt es direkt aus der Luft. In Versuchsanlagen in Island, den USA und Kanada erwies sich das zwar noch nicht als wirtschaftlich. Dennoch arbeiten weltweit Unternehmen an der Rohstoffwende. Der Bayer-Tochter Covestro dient Kohlendioxid als Ausgangskomponente bei der Herstellung von Schaumstoff in Matratzen, von Sportböden und Textilfasern. Bis zu 20 Prozent Erdöl lassen sich so einsparen. Auch Mitarbeiter des BASF-Konzerns arbeiten an einem Plastik, das CO2 enthält und für Gehäuse von Elektrogeräten geeignet ist. Und der norwegischen Firma Nordic Blue Crude ist es gelungen, aus CO2, Wasser und erneuerbarer Energie synthetisches Rohöl zu produzieren.

6. Sauber rülpsen

Das Rind gilt als Verdauungskünstler: Im Gegensatz zum Menschen verwertet es selbst die zähesten Pflanzenfasern in seinen vier Mägen – mithilfe von Bakterien im Pansen, die Zellulose spalten können. Allerdings entstehen dabei täglich bis zu 500 Liter treibhauswirksames Methan, das die Kuh im Wesentlichen in Form von Rülpsern von sich gibt. Europäische Forscher haben daher Futterzusätze entwickelt, die zum Beispiel ein Enzym der Pansen-Mikroben blockieren und auf diese Weise die Methanproduktion drosseln. In Australien werden Milchkühe zu ähnlichen Zwecken mit rotem Seegras gefüttert: Es bindet im Kuhmagen Vitamin B12, das die Bakterien für die Methanbildung benötigen, und reduziert so ebenfalls die Gasbildung.

7. Pflegen statt pflügen

Heiße Sommer, Sturzregen und Dürren – der Klimawandel bedroht die Existenz vieler Bauern. Gleichzeitig gilt die Landwirtschaft als bedeutender Verursacher von Treibhausgasen. So wurden bis in die 1980er Jahre 98 Prozent der deutschen Moore trockengelegt, um beispielsweise Ackerflächen daraus zu machen. Moore sind Kohlenstoffspeicher – doch ohne Wasser kamen die Flächen plötzlich mit Sauerstoff in Kontakt. Bakterien zersetzten den Torf, CO2 entwich: Fünf Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen stammen aus heruntergewirtschafteten Moorböden. Um die Torfzersetzung zu stoppen, wurden inzwischen 70.000 Hektar Moor wiedervernässt, Landwirte werden dafür bezahlt, diese Landschaften zu pflegen, statt sie umzupflügen. Eine Möglichkeit ist die sogenannte Paludikultur (von lateinisch "palus": der Sumpf), bei der vernässte Flächen zum Schilfanbau für Reetdächer oder als Weide für Wasserbüffel genutzt werden.

8. Radfahren attraktiver machen

Ein Radweg

© Antonio GAUDENCIO

"Warum Bleifuß, wenn ich einen Knackarsch haben kann?" Mit solchen Worten – und vielen Taten – wirbt die Stadt Bocholt für den Umstieg auf das Fahrrad. Mittlerweile liegt der Anteil des Radverkehrs in der Stadt bei knapp 40 Prozent. Vergleichbare Werte erzielen nur Kopenhagen, Amsterdam, Münster oder Freiburg. Es gibt Schnellwege, auf denen Radler Vorfahrt haben, bis zu 1000 Euro Zuschuss für den Kauf von Lastenrädern, ca. 20 Millionen Euro für den Ausbau von Velorouten. Die Liebe zur "Fietse", wie das Rad hier genannt wird, ist überparteilich und groß. Auch hat die Verbannung der Autos aus der City dem lokalen Handel nicht geschadet. Stadtbaurat Daniel Zöhler sagt: "Die Gleichung Parkplatz gleich Umsatz stimmt nicht mehr. Wichtiger sind Besucherströme, und die werden durch attraktive Innenstädte erzeugt."

9. Der Atmosphäre Klimagase entziehen

Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pusten ist einfach. Doch wie holt man es da wieder raus? Florian Kraxner ist Forstwissenschaftler und beschäftigt sich seit Jahren mit den sogenannten Negative-Emissionen-Technologien (NET); Verfahren, die es ermöglichen, der Atmosphäre im großen Stil CO2 zu entziehen. Nur so, glaubt der Klimaexperte, lasse sich die globale Erwärmung noch auf zwei Grad begrenzen. "Wir werden vermutlich nicht darum herumkommen, dass wir Kohlendioxid mit schnell wachsenden Pflanzen oder Mikroalgen einfangen, damit Energie erzeugen und das dabei entstehende CO2 in Lagerstätten in tiefen Erdschichten verpressen", sagt Kraxner, der am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg, Österreich, forscht. Der Weltklimarat (IPCC) hält Negative Emissionen grundsätzlich für sinnvoll. Doch wären gigantische Anbauflächen nötig, um die dafür erforderlichen Pflanzen zu ernten. Kritiker warnen, dass so die Nahrungsmittelpreise stark steigen könnten. Kraxner setzt deshalb vor allem auf Aufforstungen, besonders von Flächen, deren Böden augelaugt und für Landwirte unattraktiv sind.

10. Coole Städte schaffen

Als Tief "Axel" im Mai 2019 über Berlin tobte, fielen in wenigen Stunden 55 Liter Regen pro Quadratmeter – eine Menge, die sich sonst auf einen Monat verteilt. Überall standen Keller und Straßen unter Wasser. Der Klimawandel konfrontiert Großstädte mit zwei Extremen: Starkregenfälle überfordern regelmäßig die Infrastruktur der Kanalisation, und in heißen Sommern heizen sich Gebäude und Straßen gefährlich auf. Dem will Berlin mit dem Konzept der "Schwammstadt" begegnen. Statt Regenwasser in Gullys und Kanäle rinnen zu lassen, soll die Stadt möglichst viel davon aufsaugen, um es bei Hitze wieder verdunsten zu lassen. Durch mehr Wasser- und Grünflächen statt Asphalt und Beton soll so eine Klimaanlage für die Stadt und ihre Bewohner entstehen. Asphaltierte Flächen werden begrünt, damit Regen dort einsickern kann, Teiche und Wasserbecken entstehen. Und eine "Regenwasseragentur" berät Hausbesitzer beim Anlegen und Finanzieren von Gründächern.

Ein begrüntes Wohnhaus
© picture alliance / Britta Peders

11. Autos elektrifizieren

Die Autoindustrie steht vor gewaltigen Herausforderungen. Sie muss sich von Benzin- und Dieselmotoren verabschieden. Doch welcher Technologie gehört die Zukunft? Elektro- oder Wasserstoffautos? Vielleicht beiden, sagen Experten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Denn die Antriebe haben unterschiedliche Stärken: bei Strecken bis 250 Kilometern schneiden die Stromfahrzeuge besser ab; bei längeren Distanzen liegt der Wasserstoff vorn.

12. Streaming per Glasfaser

Auch auf dem Sofa sitzen und Netflix gucken belastet das Klima. Denn jede Datenübertragung verbraucht Energie und setzt somit auch Klimagase frei. Im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) haben Forscher genau berechnet, wie viel Treibhausgasemissionen pro Stunde Videostream anfallen. Ergebnis: Die Übertragung von HD-Videos per Glasfaser verursacht die geringste CO2 - Belastung – zwei Gramm CO2 je Stunde. Bei Kupferkabel sind es vier Gramm, bei UMTS (3G) hingegen 90 Gramm. Dirk Messner, Präsident des UBA, hält das für eine gute Nachricht für Film- und Serienfreunde: "Wer zu Hause über Glasfaser oder VDSL streamt, kann dies mit gutem Klimagewissen tun. Doch die Datenmengen, die uns umgeben, werden in den nächsten Jahren stetig wachsen, ob vernetztes Fahren, Heimkino oder Videokonferenzen. Daher ist es wichtig, die klimafreundlichsten Übertragungswege zu finden. Unsere Forschung zeigt, dass wir verstärkt in den Ausbau der Glasfasernetze investieren sollten."

13. Sprit und Gas aus Ökostrom

Wenn der Wind über der Nordsee kräftig weht, die Sonne tagelang scheint, produzieren Windräder und Photovoltaikanlagen überschüssigen Strom. Damit der nicht verloren geht, soll er verwandelt werden – etwa in Methan, den Hauptbestandteil von natürlichem Erdgas. Solche "Power-to-Gas"-Technologien sind aufwendig: Zunächst wird Wasser mit Ökostrom durch Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Danach reagiert der Energieträger Wasserstoff mit recyceltem Kohlendioxid zu Methan. So gewinnt man einen Kraftstoff, der sich ins Erdgasnetz einspeisen lässt. Derzeit konkurrieren verschiedene Power-to-Gas-Verfahren miteinander. Kritiker warnen, sie seien zu teuer und zu ineffizient. Doch das Beispiel Photovoltaik zeigt, dass mit wachsenden Marktanteilen die Investitionskosten stark sinken können. Michael Sterner, Professor für Energiespeicher in Regensburg, kommt in einer Studie für Greenpeace Energy zum Ergebnis, mit Power-to-Gas sei mittelfristig die Energiewende einfacher und günstiger. Wissenschaftler des Umweltbundesamts beschreiben in einem Szenario für das Jahr 2050 ein Deutschland, in dem fast der ganze Kraftstoff für Transport, Industrie und Gebäudeheizung letztlich aus erneuerbarer Energie stammt.

14. You never walk alone

Wer das Klima retten will, braucht die Politik. Einzelne Länder bewirken wenig, Verbünde wie die Europäische Union mehr. Zwar verantwortet die EU nur 9,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes, aber sie stellt auch nur 5,8 Prozent der Bevölkerung. Wir leben also über unsere Verhältnisse und auf Kosten anderer. Dabei könnte Europa ein Vorbild sein für die Welt, weil es Reichtum, Rechtsstaatlichkeit und Know-how verbindet. Helfen soll ein europäischer "Green Deal". Bis 2050 soll der Kontinent seine Netto-Emissionen auf null bringen. Parlament und Mitgliedstaaten müssen den Plan noch verabschieden, was schwer wird. Die Wirtschaft hält ihn für zu krass, Umweltschützer finden ihn zu schwach. Doch der Deal würde Deutschland verändern: Kohlekraftwerke müssten früher als 2038 vom Netz. Landwirte würden weniger Dünger einsetzen und wir weniger Fleisch essen. Viele Menschen könnten ihre Jobs verlieren, doch Brüssel kann den Wandel abmildern; etwa ein Drittel der 1,8 Billionen Euro aus den Haushalten von 2021 bis 2027 und dem Corona-Wiederaufbaufonds sind für den Klimaschutz reserviert.

15. Schöner Bahnfahren

Illustration von Menschen in der Bahn

© Kevin Smart/Getty Images

Die Umweltbilanz der Bahn ist besser als die von Flugzeugen oder Autos. Doch was nutzt das, wenn viele Menschen noch immer die Fahrt mit dem Auto oder den Billigflug auf der Strecke Hamburg-München vorziehen, weil Bahnfahren oft noch zu teuer und unzuverlässig ist? Um es attraktiver zu machen, könnte ein Prinzip helfen, das im Nachbarland Schweiz bereits seit den 60er Jahren erfolgreich genutzt wird: ein exakter Taktfahrplan mit regelmäßig halbstündlich gleichen Abfahrten; ausgehend von zentralen Knotenbahnhöfen. Das will die Bahn nun auch haben. Für den "Deutschlandtakt" sollen die größten deutschen Städte im 30-Minuten-Takt miteinander verbunden und Bahnhöfe zur immer gleichen Minute angesteuert werden. Wenn der Fahrgast mit dem Zug reist, soll er wissen: Wenn ich jetzt an meinem Knotenbahnhof aussteige, dann habe ich in alle Himmelsrichtungen in den nächsten fünf bis zehn Minuten einen Anschlusszug. Klingt traumhaft. Damit der Traum wahr wird, stellt der Bund zusammen mit der Bahn 86 Milliarden Euro bis 2030 für die Sanierung der Infrastruktur zur Verfügung.

Erschienen in stern 40/2020

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