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Netflix und Co. Ist Streaming das neue Fliegen? So schädlich sind unsere Serien-Marathons für die Umwelt

Wie geht es mit dem TV-Empfang per Satellit weiter?
Auch beim Streaming Zuhause entstehen CO2-Emissionen
© Goran Bogicevic/Shutterstock.com
Immer mehr Menschen streamen Serien, Filme oder Sport über das Netz. Und treiben so den weltweiten Stromverbrauch nach oben. Und auch die CO2-Emissionen steigen natürlich mit. Doch wie schädlich ist der stetige Anstieg wirklich? Eine Studie des Umweltministeriums hat das nun erstmals belastbar berechnet.

Es war eine klare Warnung: Video-Streaming würde die CO2-Emmissionen drastisch nach oben treiben, es wäre auf dem besten Weg, das neue Fliegen zu werden, warnte die Studie mit dem vielsagenden Titel "Klimakrise: Die nicht durchhaltbare Nutzung von Online-Videos" im letzten Jahr. Doch wie schädlich ist unsere Lust auf lustige Yotube-Clips und die nächste Netflix-Serie wirklich? Die Antwort: Es kommt drauf an. Der größte Emissionsverursacher ist oft nicht das Streaming selbst.

Das zeigt eine Studie des Umweltbundesamtes. Sie setzte erstmals nicht auf Schätzungen, sondern wertete konkret gemessene Daten aus. "Ein ganz erheblicher Teil des Energieverbrauchs beim Videostreamen entsteht bei der Übertragung der Daten von der Cloud zu den Nutzerinnen und Nutzern", erklärte Umweltministerin Svenja Schulze bei der Präsentation der Studie vor zwei Wochen. Die Messungen stammten aus Haushalten von Nutzern, aber auch bei den Internetprovidern und in einem Rechenzentrum eines nicht genannten Streaming-Providers wurde gemessen. Die Daten zeigen große Unterschiede und liegen deutlich niedriger als die Schätzungen der alarmistischen Studie vom letzten Jahr.

Es ist nicht so schlimm wie gedacht

Damals war davon ausgegangen worden, dass bei einer halben Stunde Streaming 1,6 Kilogramm CO2-Emissionen entstehen, etwa soviel wie durch fünf Kilometer Autofahren. Diese Werte sind laut dem Umweltministerium nicht haltbar. Selbst in der Emissions-reichsten Variante, dem Streaming über den veralteten UMTS-Standard, kamen die Forscher zusammengerechnet nur auf 90 Gramm Emissionen für eine ganze Stunde.

Trotzdem lag die Schätzung um Faktor 35 über dem höchsten Durchschnittswert. Bei anderen Übertragungsarten lag die Emission noch deutlich niedriger. Streamt man über den neuen Mobilfunkstandard 5G sinken die Emissionen auf 5 Gramm. Am niedrigsten liegt der Wert, wenn die Daten per Wlan aufs Gerät kommen. Wird das Heimnetzwerk über klassische Telefon-Kupferleitungen mit Daten beliefert, kommen dann noch 4 Gramm zusammen. Bei einer modernen Glasfaserleitung ist der Wert am niedrigsten: Gerade mal 2 Gramm Emissionen werden dann pro Stunde verursacht. Zum Vergleich: In drei Minuten warmes Duschen verursachen fast 3000 Gramm.

Bei der Messung ist aber zu beachten, dass die Werte nicht nur mit dem Netzwerk schwanken, sondern auch mit der Auflösung und dem zum Streamen verwendeten Gerät. Die Messungen oben erfolgten alle in HD-Qualität. Streamt man in FullHD oder gar dem modernen Ultra-HD-Standard 4K, gehen die Datenraten drastisch nach oben. Und mit ihnen die Emissionen. So steigt der Datenverbrauch bei Netflix in einer Stunde Streaming von 700 Megabyte für HD-Qualität auf 7 Gigabyte bei 4K-Wiedergabe. Und entsprechend gehen auch die Emissionen nach oben. 

Das Gerät macht den Unterschied

Ein weiterer Aspekt wird von der Studie nicht erfasst: Die Emissionen der genutzten Endgerätes. Dabei machen die einen erheblichen Unterschied aus. Während Smartphones oder Tablets als Mobilgeräte aufs Stromsparen getrimmt sind, ziehen TV-Geräte deutlich mehr Energie. Und streamen wegen der höheren Auflösung zusätzlich noch größere Datenmengen. Das wirkt sich aus: Die Internationale Energieagentur, in viele Staaten ihre Bemühungen zur Emissionssenkung koordinieren, geht davon aus, dass beim Streaming auf dem Fernseher fast zehnmal so hohe Emissionen entstehen wie auf dem Smartphone. Und das bei gleicher Auflösung. Schaltet man von HD auf 4K um, steigt der Wert durch die höhere Datenrate noch weiter an. Der Anteil der Streaming-Nutzer, die über ihren Fernseher schauen, nimmt in den letzten Jahren stetig zu. Laut Statista lag er 2019 bei 74 Prozent.

Dafür sind Smartphones aber in anderer Hinsicht Umweltsünder: Weil sie deutlich schneller ausgetauscht werden, werden 80-90 Prozent ihrer Emissionen bei der Produktion verursacht. Die Smartphones und ihre Produktion könnten daher bald für 14 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sein, warnte eine Studie der McMasters Universität 2018. Wer ständig das Smartphone wechselt, treibt damit die Emissionen also anderweitig in die Höhe.

Streaming boomt

Dass Streaming auch unabhängig vom Endgerät zunehmend als Umweltgefahr erkannt wird, liegt auch an der drastischen Zunahme der Nutzung. In den letzten Jahren steigt die Anzahl der Nutzer immer weiter, sie verbringen zudem immer mehr Zeit mit Videoinhalten. Knapp 41 Prozent des weltweiten Internettraffics wurde im ersten Halbjahr 2019 von Videodiensten verursacht, meldete "Variety" - Tendenz stark steigend. Dabei spielen nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Netflix eine Rolle, sondern auch der Trend zu Livestreaming und Video-Inhalten auf klassischen Webseiten.

Die Coronakrise verschärft die Situation zusätzlich. Zum einen ist da natürlich die Zunahme beim Streaming: Alleine in den ersten Wochen der Pandemie konnte Netflix 16 Millionen neue Nutzer gewinnen. Auch die anderen Streaming-Dienste verzeichneten einen Ansturm. Die Zeit vor dem Bildschirm stieg erheblich: Mit 6 Stunden und 25 Minuten hätten etwa die Briten ein Drittel mehr Freizeit vor dem Bildschirm verbracht.

Durch die Verlagerung ins Digitale boomten zudem Videokonferenzen als Arbeits- und Schulwerkzeug. Alleine der vorher kaum bekannte Videotelefonie-Anbieter Zoom konnte seine täglichen Nutzerzahlen in den letzten beiden Märzwochen verzwanzigfachen, Microsoft verzeichnete achtmal so viele Zugriffe auf seine Cloud-Angebote. Der Effekt ist messbar: Der weltweit größten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt/Mainverzeichnete im März einen neuen Trafficrekord: 9,16 Terabyte Daten jagten dort durch die Leitung - pro Sekunde. Das entspricht zwei Millionen HD-Streams bei Netflix gleichzeitig.

Emissionen steigen nicht proportional mit

Die Emissionen sind in den letzten Jahren aber nicht im gleichen Maße nach oben gegangen. Das liegt daran, dass auch die Technologie der Serverzentren konstant weiterentwickelt wird. Laut einer Studie verdoppelt sich die Effizienz der Datenzentren jedes Jahr. Das rasante Wachstum der übertragenen Datenmengen über die Jahre schlägt sich also nicht in gleichstark wachsenden Emissionen nieder. Die Corona-Krise und der durch sie verursachte Digitalboom hätte vor wenigen Jahren die Emissionen noch deutlich drastischer nach oben getrieben.

Ein wichtiger Grund für die geringen Emissionen hierzulande ist auch der Strommix. Laut der Internationalen Energieagentur hat es einen messbaren Effekt, wenn Länder ihren Strom emissionsarm generieren. In Frankreich etwa stammen 90 Prozent des Stroms aus Quellen mit niedrigem Emissionsausstoß, vor allem der hohe Anteil an Nuklearenergie wirkt sich dort aus. Entsprechend verursacht eine Stunde Streaming bei unseren Nachbarn auch deutlich weniger CO2 als hierzulande.

Nach Schätzungen der Agentur sollen die Emissionen bei einer Stunde Streaming auf dem Fernseher in Deutschland etwa zehnmal so hoch sein wie in Frankreich. Die Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen: So rechnet die Agentur in Deutschland mit knapp 55 Gramm Emissionen für Server und Datenübertragung über Wlan. Die Messung des Bundesumweltamtes lag mit nur 4 Gramm aber deutlich darunter. Beim TV-Gerät selbst ist der Effekt aber ebenfalls spürbar: Ein Gerät, das in Deutschland 55 Gramm Emissionen die Stunde verursacht, kommt in Frankreich demnach nur auf sechs Gramm.

So minimieren Sie die Streaming-Emissionen

Das Bundesumweltamt gibt sich trotzdem zuversichtlich. "Wer zu Hause über Glasfaser oder VDSL streamt, kann dies mit gutem Klimagewissen tun", erklärte Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes angesichts der niedrigen gemessenen Verbrauchswerte bei der Vorstellung der Studie. "Doch die Datenmengen, die uns umgeben, werden in den nächsten Jahren stetig wachsen, ob vernetztes Fahren, Heimkino oder Videokonferenzen. Daher ist es wichtig, die klimafreundlichsten Übertragungswege zu finden." Die Behörde empfiehlt daher den konsequenten Ausbau des Breitbandnetzes und der 5G-Netzwerke, um den Klimaeffekt zu minimieren. Auch kostenlose Wlan-Hotspots seien hilfreich.

Gemessen an anderen Alltagshandlungen wie Duschen sind die zusätzlichen Emissionen durch die Streaming-Übertragungen zwar gering, trotzdem stellen sie immer noch eine Steigerung dar. Und da die übertragenen Datenmengen in der Coronazeit drastisch stiegen, nimmt er Emissions-Ausstoß auch trotz der Effizienz-Steigerungen weiter zu. Obwohl eigentlich eine Senkung nötig wäre.

Daher kann jeder seinen Teil beitragen und seine eigenen Emissionen beim Streaming reduzieren. Wer guten Gewissens weiter Streamen will, kann deshalb einige einfache Tipps befolgen. 

  • Streamen Sie vor allem über Wlan, bevorzugt über eine Breitbandverbindung
  • Reduzieren Sie die Auflösung. Auf größere Entfernung zum Fernseher und auf kleinen Bildschirmen ist der Unterschied in der Regel wenig oder gar nicht zu sehen
  • Streamen Sie lieber auf einem Tablet als auf dem großen Fernseher
  • Nutzen Sie Fernseher oder Smartphones so lange es geht. Bei mobilen Geräten lässt sich die Nutzungsdauer oft mit einem Akkutausch deutlich erhöhen
  • Schalten Sie Geräte ab, wenn Sie sie nicht nutzen
  • Meiden Sie Videoanrufe, wählen Sie wenn möglich stattdessen klassische Telefonate

Quellen: Bundesumweltamt, Internationale Energieagentur, Statista, Venture Beat, McMasters University


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