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»LILO & STITCH«: Übergeschnappt und unterhaltsam

Der neue Film aus dem Hause Disney verzichtet mit seiner schrägen Story auf Schmalz und Kitsch, jedoch nicht auf den erhobenen Zeigefinger.

Wenn ihr jemand dumm kommt, haut sie drauf; und ab und zu wirft sie sich zu Boden, brüllend vor Wut. Eine Menge Kinder werden sich wohl wiedererkennen in Lilo, der ebenso renitenten wie unverstandenen kleinen Heldin des am 4. Juli anlaufenden neuen Disney-Trickfilms »Lilo & Stitch«. Und vielleicht werden einige sogar in Stitch verwandte Züge entdecken. Lilos Hündchen ist klein, blau und gemein und ein Mini-Berserker, der aus seiner Umgebung am liebsten Kleinholz machen würde.

Neuer Disney-Film ist ziemlich schräg

Genau dafür wurde das Ungeheuer gezüchtet, denn Stitch ist ein genmanipuliertes Alien, das von seinem Heimatplaneten auf die Erde ausgerissen ist. Per Raumkapsel auf Hawaii gelandet, mutierte das destruktive Wesen auf der Flucht vor außerirdischen Alienjägern im Hundeasyl zu einem kleinen, aber explosiven Kläffer. Diesen bizarren Filmanfang muss man erst einmal verdauen. Und auch sonst wirkt der neue Trickfilm, verglichen mit dem gewohnten Schmalz und Kitsch der Disney-Company, ziemlich schräg.

Lilo schwärmt für Stitch und Elvis

Da wird zwar ausführlich und ebenso realistisch wie anrührend die komplizierte Beziehung zwischen der Eingeborenen Lilo, einer Außenseiterin und Waisen, und ihrer Schwester Nani geschildert, die, selbst fast noch ein Teenager, auf die fünfjährige Göre aufpassen muss. Doch Lilo hat neben ihrer unerklärlichen Liebe zum randalierenden Stitch eine weitere seltsame Passion: Sie schwärmt für Elvis, und wenn ihr die Schwester schimpfend Vorhaltungen macht, schließt sich das rebellische Kind ein und lauscht »Heartbreak Hotel«.

Überhaupt sind, passend zum 25. Todesjahr von Elvis, dessen Songs allerorten zu hören - das kleine Monster wird von der fantasievollen Lilo gar als »The King« verkleidet. Am Strand markiert Alien Stitch zur Freude von weißen Touristen Elvis an der Gitarre - nur um alsbald monstermäßig zu den Klängen von »Hound Dog« abzufahren. Dafür gibt es freilich keine der erhoffen Trinkgelder, und Nani, die wegen des bissigen Stitch ihren Job als Kellnerin verloren hat, steht wieder mal vor dem Nichts. Der örtliche Sozialarbeiter, ein bedrohlicher schwarzer Riese mit einer Sonnenbrille wie die »Men in Black«, droht, Lilo ins Heim zu bringen.

Eigentlich passt nichts zusammen

Science Fiction, Außerirdische, Hawaii, Popkultur-Zitate, eine von Asozialität bedrohte Kleinfamilie und ein Minimonster a la Pokemon: Eigentlich passt nichts zusammen. Wie ein »Star Wars« für Arme wirken die Anfangsszenen, die ebenso überflüssig sind wie actionreiche Verfolgungsjagden am Schluss. Im Kontrast dazu ist die optische Gestaltung der Hawaii-Kulisse sehr gelungen: sanfte blaue Wasserfarbentöne, altmodisch per Hand gemalt, die einen bezaubernden Hintergrund zum schrägen Geschehen bilden.

Auch Disney setzt nicht mehr auf Süßlichkeit

Angesichts der Erfolge der Trickfilmkonkurrenz hat wohl auch Disney endgültig den süßlichen Geschichten abgeschworen. Ohne jedoch die gewohnte missionarische Haltung aufzugeben: Nicht nur viele Anspielungen, auch die Einsichten sind an erwachsene Zuschauer adressiert. Ganz auf der Höhe der Zeit wird anstelle der früheren heiligen Vater-Mutter-Kind-Einfalt das unkonventionelle Konzept der Patchwork-Familie propagiert, ohne jedoch die Idee des liebevollen Zusammenhaltes aufzugeben.

So entwickelt Stitch, der größte Rabauke der Galaxie, liebevolle Gefühle und wird zu Lilos bestem Kumpel - ganz im Sinne der von den Schwestern beschworenen hawaianischen »Ohana«-Ethik: Keiner wird ausgegrenzt, egal wie exzentrisch er sich gebärdet. Ein bestechend liberaler Gedanke, dessen Ausschmückung durch die gagreiche Charakterisierung des knuddeligen Mädchens und seines Spießgesellen auch noch Spaß macht.

Birgit Roschy, AP

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