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"Paranormal Activity": Der 100-Millionen-Dollar-Mann

Mit 15.000 Dollar hat er einen der erfolgreichsten Filme Hollywoods gedreht. 100 Millionen Dollar hat "Paranormal Activity" bereits eingespielt. Im Gespräch mit stern.de erzählt Regisseur Oren Peli, wie einfach es ist, einen Blockbuster zu drehen und wie es ist, wenn Steven Spielberg anruft.

Mit "Paranormal Activity" verschrecken Sie ein Millionenpublikum. Warum tun Sie uns das an, Herr Peli?
Nur um Sie zu erschrecken! (lacht) Nein, ich war schon immer ein Freund guter Horrorfilme, und ich weiß, was für eine Macht die haben. Es gab welche, die mich als Kind wirklich sehr erschreckt haben...

Zum Beispiel?


Vor "Der Exorzist" hatte ich am meisten Angst. Dann hatte ich eben die Idee für einen eigenen Film. Und ich dachte mir, wenn man es richtig macht, könnte es sehr gruselig werden.

Hat der Erfolg von "Blair Witch Project", der übrigens gerade zehn Jahre her ist, Sie beeinflusst?


Ja. Das waren auch Leute mit wenig Geld und kaum Erfahrung. Nachdem ich das gesehen hatte und den Film "Open Water", der so ähnlich funktioniert, dachte ich: Hey, wenn ich eine gute Idee habe, warum sollte ich mir nicht eine Kamera kaufen und einen Film drehen!

Auf Grund der zunehmend einfachen Technik kann also jeder einen Blockbuster drehen?


Einerseits schon, andererseits ist man immer noch auf die großen Studios angewiesen, damit der Film in die Kinos kommt. Und dann braucht man auch noch Glück.

Und die richtigen Kontakte.


Ich kannte zu Beginn wirklich niemanden. Aber nachdem mein Film auf Festivals lief und ein paar Preise gewonnen hat, wurde die Agentur CAA (Creative Artists Agency, vertritt Stars wie Brad Pitt und Will Smith, Anm. Red.) aufmerksam. Und die haben alle Kontakte, die es braucht.

Sie haben also wirklich mit Nichts angefangen?


Ja. Es war erst ein Witz - "Lass uns einen Film machen". Aber dann, als ich die Idee hatte, wurde mir klar, dass ich nicht mehr brauche, als eine Videokamera, ein paar Schauspieler und ein Filmschnitt-Programm, um sie umzusetzen.

Und dann haben Sie einfach losgelegt?
Dann habe ich angefangen, Leute beim Schlafen zu filmen. (lacht)

Und wo kam das Geld her?


Das war mein Erspartes.

Wann wurde Ihnen klar, dass es mehr als ein kleiner Hobbyfilm sein würde?


Zuerst habe ich den Film meinen Nachbarn gezeigt, und deren 16-jähriger Sohn war total begeistert. Als nächstes kam ein Pärchen: ein niedliches graziles Mädchen mit einem riesigen Freund. Und während des Films hat sich der riesige Freund an seine kleine Freundin geklammert. Ich habe den Film vielen Leuten gezeigt, und die sagten, es sei der gruseligste Film, den sie je gesehen hätten.

Und dann haben Sie ihn an Festivals geschickt...


... und wurde von allen abgelehnt bis auf das Scream-Fest, ein Genre-Festival in Los Angeles. Wir bekamen gute Kritiken und haben Preise gewonnen. Dann kam die Agentur CAA. Und dann Spielberg.

Der soll den Film abgebrochen haben, weil er sich so sehr gruselte...


Das war verrückt! Sein Studio Dreamworks rief an und sagte, dass Spielberg den Film gesehen habe. Das war einer der großartigsten Anrufe meines Lebens.

Glauben Sie eigentlich selbst an übernatürliche Phänomene?
Ich bin da eher skeptisch. Ich bin ein sehr logisch denkender Mensch. Um an so etwas zu glauben, müsste ich schon Beweise sehen. Aber auch wenn ich nicht daran glaube, kann ich mich gruseln. Das ganze Konzept einer unsichtbaren Macht, und dann auch noch bei dir zu Hause, die nachts Dinge tut, die du nicht mitbekommst...

Ist Angst etwas Gutes?


Ein Grund dafür, warum Leute sich so gerne erschrecken lassen, ist doch, dass Angst schon immer Teil unserer Gesellschaft war. Vor Tausenden Jahren hattest du Angst, vom Tiger gefressen zu werden. Später Angst, im Krieg mit einem anderen Stamm getötet zu werden. Unsere Existenz war jeden Tag von Angst geprägt. Das Überleben war verdammt kompliziert. Heutzutage leben die meisten Menschen dagegen in Sicherheit. Die Angst ist aber trotzdem im kollektiven Bewusstsein. Deshalb vermissen die Menschen es manchmal, auch wenn es kein positives Gefühl ist. Das steckt in den Genen. Im Kino kannst du Angst in einer kontrollierten Umgebung erfahren, dir passiert nichts. Das hat etwas Befreiendes. Aus dem gleichen Grund setzen sich Leute in die Achterbahn.

Sie geben den Leuten den Tiger zurück, aber an der Kette.


Genau.

Glauben Sie, dass Filme wie Ihrer Hollywood verändern werden?


Hollywood wird sich nicht verändern. Das haben die Leute schon nach "Blair Witch Project" gesagt. Aber es hat sich nicht wirklich was getan. Außer, dass es andere Leute wie mich inspiriert hat. Jetzt schaffen es manchmal auch kleine Produktionen in den Mainstream. Aber der Rest wird bleiben, wie er ist.

Interview: Sophie Albers