"Prinzessinnenbad" Ehrliche Worte zu echten Bildern


Der Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" zeigt den normalen Alltag dreier Berliner Teenie-Mädels zwischen Schulfrust und Straßentreff und wurde hochgelobt auf der Berlinale. Im stern.de-Interview erzählen die Mädels von ihrem plötzlichen Ruhm.

Der Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" begeisterte auf der Berlinale das Publikum und gewann in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" sogar einen Preis. Er begleitet drei Mädchen aus Berlin-Kreuzberg durch ihren rauen wie erheiternden Teenager-Alltag. Dabei kommt so Einiges auf die Kinoleinwand, was die Freundinnen lieber für sich behalten hätten. Jetzt läuft der Film auch im Kino. Beim Interview in ihrem Kreuzberger Lieblingscafé "Rote Harfe" sprechen die drei Hauptdarstellerinnen Mina, Klara und Tanutschka erfrischend ehrlich über ihr Leben, und wie es ist, das es plötzlich jeder zu kennen scheint.

Habt ihr mit diesem großen Publikums- und Medieninteresse an Eurem Film gerechnet?

Mina: Überhaupt nicht! Klara: Ich dachte, der Film läuft irgendwann einmal nachts auf arte. Und jetzt kennt plötzlich jeder Mensch auf der Straße unser Leben! Eigentlich wäre es uns lieber gewesen, der Film hätte nicht so viel Aufsehen erregt. Mina: Als ich die Nachricht bekommen habe, dass der Film auf der Berlinale laufen wird, habe ich mich erst sehr gefreut. Als ich ihn dann aber kurz vor der Premiere zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich nur: Scheiße! Der darf nicht in die Kinos kommen! Ehrlich gesagt: Ich war total geschockt. Es ist schwer, sich damit zu identifizieren. Für andere ist der Film vielleicht extrem authentisch... Klara: ...aber wir sehen uns selber anders in dem Film, als wir in Wirklichkeit sind.

Hättet ihr gerne etwas an dem Film geändert?

Klara: Viele Sachen! Tanutscha: Ich hätte gerne die Geschichte über den Kontaktabbruch mit meinem Vater aus dem Film gelassen. Klara: Und ich die Sache mit den Drogen, und dass ich meine Oma beklaut habe. Mina: Und ich finde, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht korrekt dargestellt wurde: Es sieht so aus, als würde alles in erster Linie von mir ausgehen. Das sehe ich ganz anders. Klara: Und dass ich angeblich Pornostar werden will: Das war ein Witz! Das kam im Film so nicht rüber. Tanutscha: Am ersten Tag hat uns das alles sehr gestört, aber da war es ja schon zu spät... Mina: Klar wollten wir etwas ändern! Aber das ist ja nicht mehr möglich, wenn der Film schon im Schnitt war und der Ton bereits fertig ist.

Gibt der Film trotzdem einen realistischen Einblick in Euer Leben?

Klara: Es kommt ein bißchen krasser rüber, als es in Wirklichkeit ist. Tanutscha: Wir haben es aber nicht geschauspielert! Es ist also auch ein Stück "wir". Mina: Jeder hat allerdings verschiedene Seiten, und in dem Film wurde nur eine Seite gezeigt. Klara: Tanutscha ist im Film die Flippige, Mina die Vernünftige und ich bin die eigentlich Ruhige, die dann aber irgendwie doch mal hier etwas Falsches macht, mal da etwas Falsches. Jeder hat so seine eigene Rolle.

Ist Euer Leben repräsentativ, wenn man Jugendliche in Kreuzberg betrachtet?

Klara: Wir sind nicht die einzigen. Es gibt viele von uns! Tanutscha: Ich glaube schon, dass sich viele ins uns wiedererkennen. Mina: Es ist schon etwas anderes, ob man Kreuzberg aufwächst oder in einem anderen Bezirk. Hier sind viele schöne Clubs, nette Cafés, und es ist einfach total gemixt, das ist natürlich auch sehr schön." Tanutscha: Kultimulti! (lacht) Klara: Es ist aber auch härter als woanders. Tanutscha: Von der Gewalt her ist es hier krass! Mina: Das stimmt. Oder auch die Schulen hier in Kreuzberg sind ja nicht gerade vorbildlich. Tanutscha: Der Bürgermeister Wowereit ist sogar in unsere Schule gekommen und hat sich entschuldigt, weil er gesagt hat, dass er seine Kinder niemals auf eine Kreuzberger Schule schicken würde. Klara: Ja, bei uns war er auch. Mina: Naja, meine Schule ist ja nicht in Kreuzberg. Ich fahre jeden Tag fast eine Dreiviertelstunde nach Schöneberg, weil dort eine gute Gesamtschule ist.

Haben Jungs es schwerer in Kreuzberg?

Alle: Nee! Klara: Nur wenn ein Junge ein "Opfer" ist, dann ist er halt ein "Opfer". Dann kann er nix mehr machen. Bei uns Mädchen gibt es die Konkurrenz schöner auszusehen, bei den Jungs geht es eher darum, wer Markenklamotten trägt, und wer der größte Schläger ist. Tanutscha: Was meinst Du, wieviele Leute in meiner Schule verarscht werden, weil sie nicht die geilsten Klamotten tragen oder das beste Gras verkaufen?! Ich finde das auch asozial! Aber so ist das halt: Entweder Du bist anerkannt, oder Du bist es eben nicht. Und die Mädchen haben halt dieses Gezicke, diesen Konkurrenzkampf. Keine kann so sein, wie sie wirklich ist. Klara: Mädchen haben hier aber auch viel mit Gewalt zu tun. Tanutscha: Hier gibt es eine Menge Mädchengangs. So vor ein, zwei Jahren war das ganz schlimm, da wurde ständig jemand geschlagen. Das ging dann so: "Ah, die hat mit meinem Freund geredet", baff, hat sie eine im Gesicht gehabt. Krass. Primitiv auch irgendwie. Aber wir haben da nix mit zu tun. Wir ziehen da nicht mit.

Würdet ihr lieber in einem anderen Bezirk wohnen?

Alle: Niemals!

Hat sich durch den Film etwas in Eurem Leben verändert?

Mina: Es ist unangenehm, wenn man jeden Tag zehnmal in der Schule darauf angesprochen wird. Es gibt so ein Mädchen, die sagt immer zu mir: "Oh Mina, Du hast in dem Film mitgemacht, den will ich unbedingt sehen!" Dann sage ich: "Der ist nicht mehr im Kino, tut mir leid, die Berlinale ist vorbei." "Ja dann musst Du mir unbedingt die DVD geben!" Ich hatte noch nie ein Wort mit diesem Mädchen gewechselt und sage zu ihr: "Ich gebe Dir nicht die DVD, das geht Dich einen Scheiß an!" Tanutscha: Mich haben in der Schule auch so viele angesprochen: "Ja ich habe Deinen Film gesehen." Das stresst mich voll! Sogar meine Lehrerin kommt zu mir: "Wir gehen alle zusammen ins Kino." Ich so: "Da könnt ihr alleine hingehen." "Wir wollen aber gerne neben Dir sitzen." Nö! Klara: Mein Freund war nach der Premiere des Films schon geschockt. Als ich im Film gesagt habe, dass ich nicht treu sein kann und immer, wenn ich besoffen bin, mit jemandem rumknutschen muss, um zu sehen, wie ich knutsche, habe ich das nicht so gemeint. Das hat er halt ein bißchen falsch verstanden. Oder dass ich 31 Freunde hatte: Das stimmt nicht. Das ist jetzt meine erste richtige Beziehung. Vorher war das oft nur mal küssen oder flirten. Mit meinem Freund bin ich seit elf Monaten zusammen. Ich hoffe, er beruhigt er sich jetzt wieder. Tanutscha: Was sagt er, wenn Du ihm sagst "Das stimmt nicht"? Glaubt er das? Klara: Keine Ahnung.

Wie haben Eure Eltern auf den Film reagiert?

Klara: Meine Mutter kennt mein Leben. Tanutscha: Meine Mutter fand den Film gut. Nur, dass sie sich jetzt einbildet, ich sei Alkoholikerin und Kettenraucherin. Ich habe ihr dann erklärt, dass es viel mehr aussieht als es eigentlich ist, weil die einzelnen Filmszenen so zusammengeschnitten wurden. Mina: Meine Mutter bildet sich ein, sie sei zu alt, weil sie sich selbst gesehen hat und sich zu alt findet. Aber sonst fand sie den Film schön.

Ihr wart im Film sehr mutig und offen, hat Euch das Überwindung gekostet?

Mina: Am Anfang waren wir gar nicht so mutig und offen. Irgendwann haben wir allerdings die Kamera vergessen... Klara: Zum Beispiel als wir über die Drogen geredet haben. Mina: Da haben wir sogar geflüstert. Klara: Wir dachten, das Filmteam wäre weiter weg oder etwas zu trinken holen. Dabei haben die uns von hinten gefilmt!

Hat Euch bei den Dreharbeiten etwas gestört?

Tanutscha: Dass die Leute auf der Straße so gaffen. Das hat ganz schön gestresst! Klara: Es waren ja immer ein Tonmann, die Regisseurin und der Kameramann dabei. Das fällt total auf. Und dann gab es immer Kommentare wie: "Oh da kommen wieder die Stars!" Tanutscha: Oder: "Komm, ich rolle den roten Teppich aus" oder so ein Scheiß.

Wieso habt ihr mitgemacht?

Klara: Damit wir später sehen, wie wir früher einmal waren. Tanutscha: Und damit wir es unseren Kindern zeigen können, als Erinnerung. Und falls eine von uns mal wegzieht - nach Afrika, Paris oder in den Dschungel (lachen) - dann hat man so Erinnerungen, wie es früher war, als wir zusammen gelacht haben.

Würdet ihr so einen Film noch mal machen?

Klara: Nein! Mina: Ich fände es lustig, wenn wir in ein paar Jahren eine Fortsetzung machen würden. Wo man sieht, wie wir uns verändert haben, und wie jeder dann seinen Job macht. Klara: Na gut, eine Fortsetzung ist okay. Andererseits, wenn ich mir überlege zwei Jahre nochmal die ganze Kamerascheiße, immer überall dabei. Tanutscha: Aber das war ja nicht jeden Tag. Ich weiß, eine Zeit lang wollten wir abbrechen. Es war manchmal so, dass wir dachten: "Och nee, jetzt schon wieder diese Kamera!" Klara: Wir haben so oft abgesagt oder sind einfach nicht gekommen. Tanutscha: Manchmal bin ich sogar abgehauen, wenn ich sie gesehen habe. Mina: Trotzdem wäre eine Fortsetzung wirklich schön.

Was steht jetzt bei Euch als nächstes an?

Alle: Im Sommer die Schule fertig machen. Tanutscha: Ich werde dann Altenpflegerin, mit der Schule mache ich auf keinen Fall weiter. Mina: Und ich werde mit meinem Freund eine Reise machen für ein halbes Jahr, wahrscheinlich nach Asien. Wenn ich wieder zurück bin, möchte ich dann Abitur machen. Ich unterbreche die Schule also nur. Das habe ich schon alles geregelt. Klara: Ich gehe nach der Schule auch erst mal weg: zu meinem Vater nach Panama, für drei Monate. Danach, mal sehen.

Interview: Bianca Kopsch

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