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"Stirb Langsam 4.0": Bruce betört Berlin

Zwölf Jahre lang hat er sich Zeit gelassen. Jetzt lässt Bruce Willis seinen Action-Helden John McClane zurückkehren, in Stirb-Langsam-Vier-Punkt-Null. Am Montag feierte der Film in Berlin Premiere. Willis brillierte - teilweise.

Von Florian Güßgen

Bruce Willis sollte Werbung für Rasierwasser machen. So makellos sieht er aus. Makelloser, schwarzer Anzug, der den Astralleib des 52-Jährigen dezent zur Geltung bringt. Makelloses, weißes Hemd, die obersten zwei Knöpfe lässig offen. Dazu das makellose, aber charaktervolle Hakennasen-Antlitz - und eine makellose Glatze. In der Werbung müsste ihm eine weibliche Model-Armee nun hemmungslos die Klamotten vom Leib reißen.

Ein Star aus Idar-Oberstein

Aber es sind keine Models, vor denen Willis an diesem Montagmittag in Berlin strahlt. Es sind schnöde, deutsche Journalisten. Am Abend feiert sein neuer Film "Stirb Langsam 4.0" (sprich: Vier-Punkt-Null) Deutschlandpremiere (Kinostart: 27. Juni) - und der Action-Star gibt alles, um die Filmkritiker für sich einzunehmen. Er ist charmant. Witzig. Schlagfertig. Weil die Akustik im Lichthof des Museums für Kommunikation, in dem Willis mitsamt Co-Stars auftritt, so miserabel ist, springt der Hollywood-Star mitunter spontan vom Podium herunter, geht den Fragestellern entgegen, gibt sich ganz volksnah. Oberlässig kokettiert der Ex-Gatte von Demi Moore mit einer Journalistin aus Rheinland-Pfalz, die ihn nach seinem deutschen Geburtsort Idar-Oberstein fragt. Er kennt das Spiel. Und als der Conferencier den Hollywood-Star drängt, man müsse doch jetzt gehen, will der unbedingt noch eine Frage nehmen. Und noch eine. Und noch zwei. Willis mag deutsche Journalisten. Willis ist cool. Unendlich cool.

Schade nur, dass auch Willis' Charme den Film nicht besser machen kann, als er ist. Zwölf Jahre ist es her, dass die letzte Episode im Kino zu sehen war. Aber viel geholfen hat sie leider trotzdem nicht, die lange Karenzzeit: "Stirb Langsam 4.0" ist, hoho, größtenteils sterbenslangweilig oder skurill-absurd, beides ungewollt freilich. Die Geschichte ist schnell erzählt: Cyber-Terroristen, Super-Hacker, geführt von dem Techno-Schurken Thomas Gabriel (Timothy Olyphant) und seiner super-attraktiven Freundin und Helferin Mai (Maggie Q), einem Bond-Mädel-Verschnitt, attackieren das zentrale Computersystem der USA. Weil in unserer schönen, neuen Welt ja irgendwie alles am Rechner hängt, kontrollieren sie flugs die gesamte Infrastruktur und wollen das ganze Land dauerhaft ins Chaos stürzen.

Willis vermöbelt die Freundin des Schurken

In der Rolle des New Yorker Polizeidetektivs John McClane muss Bruce Willis nun die USA, die Welt und seine Tochter retten, und zwar im Tandem mit dem Computer-Streber Matt Farrell (Justin Long). Damit das gelingt, wird viel gerauft, viel geschossen, McClane blutet viel, schlägt der schönen Mai brutal ins Gesicht, und, einmal, herrjeh, springt er von einer zusammenfallenden Autobahnbrücke auf einen schwebend in der Luft verharrenden Kampfjet und von dort auf den rettenden Asphalt. Lustig sieht das aus. Und absurd. Wie eine Satire. Das Kino lacht, die Spannung tendiert gegen Null. Angestaubt wirkt "Stirb Langsam 4.0", als sei es irgendwo in den 80ern hängen geblieben, vielleicht sogar im Jahr 1987, jenem Jahr also, in dem der erste, zu Recht legendäre "Stirb-Langsam"-Film entstand.

Klitzekleine Berliner Hihi-Sternchen

Aber einerlei. Willis hin. McClane her. Am Montagabend, vor der Premiere in einem Kino am Potsdamer Platz, gibt's dann doch noch ein bisschen gute Unterhaltung. Stellt man sich nämlich zu den Schaulustigen, ein paar hundert sind's vielleicht, an den Roten Teppich, kann man ein Defilée von C- bis D-Prominenz bestaunen, lokale Prominenz wie auf der Kirmes in Wanne-Eickel. Ein paar Produzenten ("Das Leben der anderen") sind dabei; Udo Walz, der Edelfrisör, tänzelt an den Absperrungen entlang, begleitet von Barbara "Babs" Feltus-Becker; und Christian-Was-Macht-Eigentlich-Kahrmann ist auch da. Vor langer Zeit war der mal der Lindenstraßen-Benny. Jetzt posiert er mitsamt schwangerer Lebensgefährtin vor den Fotografen, die für jedweden Bekanntheitsgrad dankbar sind an diesem Abend. Ansonsten gibt es noch allerlei klitzekleine Berliner Hihi-Sternchen und eine Reihe schon etwas verblasster oder nie wirklich erleuchteter, bisweilen recht schwerer Kometen, die sich aber mitunter auffällig selbstbewusst in körperbetonte Kleidung zwängen. Besonders auffällig ist eine proppere Dame in Blond, die sich ein Kleid verordnet hat, das im Entferntesten an einen Weißwurst-Darm erinnert. Das Kleidungsstück ist dabei so transparent, dass bei der Betrachtung der Rückseite der Dame die leicht plattgedrückte Po-Falte deutlich erkennbar ist, in etwa so, als würde man sie gegen Plexiglas drücken und von der anderen Seite begutachten. Über den ästhetischen Wert der Perspektive könnte man lange Diskurse führen. Die Fotografen schreien in jedem Fall: "Drehen!" und "Zeigen!" Makellos ist das, memento Bruce, alles nicht.

Actionfilm statt Koalitionsausschuss

Ins Bild der Berliner Provinz-Prominenz passt einzig nicht ein kahlköpfiger, schlanker Herr mit Anzug und Brille. Er heißt Dr. Thomas Steg und ist stellvertretender Sprecher von Angela Merkel., der Kanzlerin. Steg passt nicht ins Bild, weil er eigentlich wie ein Feinsinniger wirkt, einer, von dem man nun gerade nicht erwarten würde, dass er sich von seinem Knochenjob dadurch ablenkt, dass er sich Actionfilme der B-Kategorie zu Gemüte führt. Zum zweiten tagt in etwa zur selben Zeit, zu der Bruce Willis asiatische Mädels per Faustschlag ins Gesicht vermöbelt, nur ein paar hundert Meter vom Potsdamer Platz entfernt der mächtige Koalitionsausschuss. Eigentlich, denkt man sich, müsste der Steg doch dort sein. Den Mindestlohn retten. Die Pflegeversicherung. Oder mindestens die große Koalition. Aber wahrscheinlich hat an diesem Abend der erste Regierungssprecher Dienst, Stegs Chef, und Steg selbst darf ins Kino. Recht hat er, denn so leblos wie die Koalition kann selbst der fadeste Stirb-Langsam-Aufguss nicht sein. Und vielleicht hat Steg ja auch noch Glück und trifft beim Cocktail nach der Premiere noch Bruce Willis persönlich. Willis, den Makellosen. Dessen Film ist zwar mau, aber im persönlichen Gespräch könnte Willis auch Stegs Abend noch endgültig retten.