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"The Descent": Frauen kriechen hinunter, Angst kriecht hinauf

In "The Descent - Abgrund des Grauens" werden sechs Frauen bei einer Höhlenwanderung von der Außenwelt abgeschnitten. Viel mehr Story gibt's nicht - dafür aber maximale Angst im Kinosessel.

Von Ralf Sander

Sarah steckt fest, umgeben von Millionen Tonnen Gestein, tief unten in diesem unbekannten Höhlensystem. Ihre fünf Freundinnen haben sich bereits vor ihr durch diesen schulterengen Tunnel gequetscht - ohne Probleme. Vielleicht ist ihr Rucksack mit den Seilen und den Kletterhaken irgendwo hängen geblieben? Sarah bekommt Panik, sie rüttelt und windet sich, von vorne zerrt eine Kletterkameradin - und dann bricht der Gang zusammen.

So viel sei verraten: Sarah kommt noch einmal davon - und das Kinopublikum auch. Denkt es. Doch der britische Horrorfilm "The Descent - Abgrund des Grauens" hat spätestens in dieser frühen Szene dem Zuschauer ein Lasso der Beklemmung um den Hals gelegt. Der Film wird die Luft abschnüren, wird plötzlich auf die linke Schulter tippen, wird ins rechte Ohr "Buh!" brüllen, wird seinen feucht-kalten Atem in den Nacken blasen. Und man wird nichts tun können, wird gefangen sein in dieser meisterhaft entsetzlichen Geisterbahnfahrt.

Effizientes Erschrecken

Neil Marshalls Film will gar nicht mehr sein als 100-minütiges Dauergrauen. Bewusst schlicht ist die Geschichte: Sechs Freundinnen unternehmen einmal im Jahr eine Outdoor-Sportaktion wie Rafting oder Klettern. Diesmal soll es etwas ganz Besonderes werden, denn es ist der erste gemeinsame Ausflug, nachdem Sarah bei einem Autounfall Mann und Kind verloren hat. Die Wahl fällt auf Höhlenklettern, irgendwo im Nirgendwo der nordamerikanischen Wälder. Und dann stehen die Sportskanonen auch schon im Abgrund. Der Rückweg wird verschüttet. Die Suche nach einem Ausweg wird zum Höllentrip: Die lebensgefährlichen Kraxeleien, fiesen Unfälle und steigenden Spannungen in der Gruppe wären schon Nerven aufreibend genug. Doch die Frauen sind nicht alleine dort unten. Vielmehr befinden sie sich direkt im Wohnzimmer unheimlicher Höhlenbewohner - oder besser gesagt: in deren Speisekammer...

Drehbuchautor und Regisseur Marshall hat sich auf das Wesentliche beschränkt: Die Atmosphäre ist unerträglich beklemmend. Die Schocks kommen erbarmungslos und im Fünf-Minuten-Takt. Und die Begegnungen zwischen den Kletterinnen und den Monstern sind kurz, aber sehr blutig. Gleichzeitig hat Marshall viele Horror-Versatzstücke über Bord geschmissen: Humor? Nix. Liebesgeschichte? Ab in den Abgrund damit. Herumschreiende Teenager? Fehlanzeige. Geister, Flüche etc.? In "The Descent" ist nichts rätselhaft. Die Höhlenbewohner sind einfach da. Woher sie kommen, interessiert auch die Frauen nicht, die um ihr Leben kämpfen. Der Zuschauer ist so nah dran an den Figuren, dass sein Verstand ausgeschaltet wird. Es wird nur noch mitgezittert und gelitten - obwohl man über die meisten Charaktere kaum mehr erfährt als ihre Namen. Doch die sechs hierzulande unbekannten Darstellerinnen klettern, stürzen, bluten, zittern und kämpfen absolut überzeugend.

"The Descent" ist eher Hirnstamm-Hollywood als Kopf-Kino. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein wildes, rohes, intensives Erlebnis. Und wird sich die Sache mit dem Höhlentrip im kommenden Sommerurlaub noch einmal gut überlegen.

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