»UNTREU« Trio Infernal


Im Ehedrama »Untreu« geht es um eine heiße Affäre, um Sex, Lügen und Verdächtigungen - also um den ganz normalen Wahnsinn.

Sie sitzt in einem dieser Vorortzüge, die zwischen Manhattan und den blitzblanken, ländlichen Stadtrandgebieten von New York City pendeln. Connie Sumner ist auf dem Heimweg zu Ehemann und Kind. Wenn die mitfahrenden Passagiere der attraktiven Frau Mitte dreißig ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken würden, könnten sie in dem ungeschminkten, erhitzten Gesicht ziemlich genau sehen, welche Art Film hinter der hübschen Stirn gerade abläuft. Jugendfrei ist dieses Kopf-Kino jedenfalls nicht.

Noch einmal lässt Connie die letzten Stunden Revue passieren: die erotisch aufgeladene Atmosphäre in dem Loft in SoHo, den umwerfenden Charme dieses verdammt gut aussehenden jungen Franzosen, seine Augen, seine Hände, seine Lippen auf ihrer Haut, den leidenschaftlichen Sex. Connie hat ihren Mann betrogen - das erste Mal, nach elf Jahren Ehe.

Der Grund? Es gibt keinen. Bis zu diesem aufregenden Nachmittag lebte sie den amerikanischen Traum, eingebettet in den Kokon einer wohlsituierten Kuschelweich-Familie. Doch je näher die Ehebrecherin ihrem Zuhause kommt, desto mehr verderben ihr Scham und schlechtes Gewissen den Spaß am erotischen Nachbeben. Sie weiß, dass sie mit dem Feuer spielt. Sie liebt ihren Mann. Aber die Vernunft hat schlechte Karten, wenn es um Sex geht. Um den Reiz des Verbotenen.

Regisseur Adrian Lyne hat die Hauptrolle in seinem neuen Erotik-Drama »Untreu« mit Diane Lane besetzt. Eine kluge Wahl. Die 37-Jährige wirkt auf sympathische Weise wie eine hübsche Frau Jedermann. Und sie beherrscht präzise das Spiel der minimalistischen Blicke und heimlichen Gesten, die Veränderung von der liebenden Gattin und verantwortungsbewussten Super-Mom zur von ihren Obsessionen getriebenen Lügnerin und Betrügerin.

Das Psychogramm hat dabei etwas geradezu erschreckend Exemplarisches, Realistisches: Genau so oder so ähnlich dürften sich die Affären überall abspielen, bei Krethi und Plethi, bei den Effenbergs und den Strunzens dieser Welt. Die nörgeligen US-Filmkritiker waren sich einig in ihrem Lob. Diane Lane spiele die beste Rolle ihrer Karriere, schrieb die »New York Times« und bescheinigt ihr eine Oscar-reife Leistung.

Die Hochgelobte genießt den Erfolg und macht das, was sie immer gemacht hat in ihrer dreißigjährigen Karriere: Sie bleibt auf dem Teppich. Seit Diane Lane sechs Jahre alt ist, steht die in New York geborene Tochter eines Schauspiellehrers und einer Sängerin auf der Bühne oder vor TV- und Filmkameras. Als Kind zog sie mit einer Theatertruppe, ohne elterlichen Begleitschutz, durch halb Europa. Als Teenager gab sie ihr Kinodebüt neben Sir Laurence Olivier in »Ich liebe Dich?« und prangte als »Hollywoods Wunderkind « auf dem Titel des Magazins »Time«. Sie spielte in mehr als drei Dutzend Filmen mit, unter anderem in Francis Ford Coppolas »Cotton Club« und Wolfgang Petersens »Der Sturm«.

Diana Lane ist ein Zirkuspferd. Keine Diva. Für Zicken bliebe ihr ohnehin wenig Zeit. Seit die Ehe mit »Highlander« Christopher Lambert zu Bruch ging, kümmert sie sich intensiv um ihre jetzt sechsjährige Tochter Eleanor. Nachher muss sie noch zum Elternabend. Das sind die wirklich wichtigen Termine im Leben der alleinerziehenden Mutter. Zum Interview erscheint sie allein, ohne PR-Gouvernanten, Kaffeeholer und Gute-Laune-Strategen. Höchst ungewöhnlich für Hollywood. Aber genau das passt zu ihr.

Ihre ungeschminkte Schönheit hat nichts Beunruhigendes, Aufdringliches, Einschüchterndes. Sie gehört zu der Sorte Frau, die man gern zum Mädels-Abend einlädt, um bei Spaghetti und Sauvignon über Gott und die Welt zu quatschen.

»Adrian Lyne wollte, dass ich mich mit allen Schauspielern treffe, die für die Rolle meines Liebhabers in Frage kämen«, erzählt sie mit amüsiertem Blinzeln in den Augen. »Und ich war sehr schnell überzeugt, dass Olivier Martinez genau der Richtige ist. Man braucht ihn nur anzusehen. Jede Frau weiß sofort, was ich meine.« Den Part ihres gehörnten Mustergatten übernahm Richard Gere - als leicht moppeliger Hahnrei. »Richard kam erst zum Set, als ich alle Szenen mit Olivier abgedreht hatte«, sagt Diane Lane. »Das war prima, ich fühlte mich sofort schuldig.«

Emotionale Eruptionen, sexuelle Fehltritte, erotische Versuchungen gehören seit Jahren schon zum Repertoire des Briten Adrian Lyne. In Filmen wie »9 1/2 Wochen«, »Eine verhängnisvolle Affäre« und »Ein unmoralisches Angebot« ging es immer wieder um Sex und Moral, um Betrug, Schuld und Verantwortung.

Zu seinen Lieblingsfilmen zählte seit jeher Claude Chabrols »Die untreue Frau«, und deshalb ist »Untreu« eine moderne Variation des französischen Klassikers geworden. »Die Geschichte hat auch etwas von Hitchcock«, findet der Regisseur, »wenn der Ehemann seiner Frau langsam, Stück für Stück, auf die Schliche kommt. Mich interessiert alles, was mit Schuld und Sexualität, mit Täuschung und Verdächtigung zu tun hat.« Diane Lane habe er ausgewählt, »weil sie diese seltene Mischung aus Sexappeal und Nettigkeit mitbringt«.

Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet Lyne das Treiben: zeigt die Erniedrigung, die Qual des Ehemannes, der seine Gattin ausspioniert, sie belauert bis an die Grenze der Selbstzerstörung. Die Zerrissenheit der Frau, die nach ihrem Geliebten lechzt wie ein Junkie nach dem nächsten Schuss und sich gleichzeitig dafür hasst. Die Unbekümmertheit des Liebhabers, der mit seiner »Genieße den Augenblick«-Philosophie das Liebes-Spiel am Laufen hält und dafür am Ende den höchsten Preis bezahlt.

Auch wenn Lyne mit seiner stürmischen Symbolik manchmal ein bisschen übertreibt, trifft das Kino-Manöver auf perfide Weise ins Schwarze. Plötzlich sitzt dem Zuschauer dieses »Es könnte auch mich treffen«-Gefühl im Nacken. Und er beginnt zu grübeln. Über Treue. Glück. Betrug. Und Selbstbetrug.

Vielleicht wird der Film nicht Ehen zerstören. Blindes Vertrauen ganz sicher.

Irmgard Hochreither


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