"Verwünscht" Kitschig, aber süß


Nette Idee: Eine Zeichentrickprinzessin mit unerschütterlichen Glauben an die wahre Liebe wird aus ihrer Zeichentrickwelt katapultiert und muss sich im New York von heute durchschlagen. Regisseur Robert Lima ist mit "Verwünscht" ein kitschig-schönes Real-Life-Märchen gelungen.
Von Jörg Isert

"High Concept" nennt sich der Hollywood-Terminus für eine Idee, die sich in nur einem Satz zusammenfassen lässt - aber bei cleverer Umsetzung einen ganzen Film tragen kann. Siebzehn Jahre nach dem Real-Life-Märchen "Pretty Woman" - Idee: Milliardär und Nutte verlieben sich - ist dem Disney-Konzern wieder ein nettes "High Concept"-Märchen geglückt. Die Idee von "Verwünscht": Man hexe eine Disney-Zeichentrickprinzessin aus ihrer heilen Märchenwelt direkt in das New York der Gegenwart.

Die naive Giselle lebt in einem Disney-Land namens Andalasien, singt zuckersüße Songs und wartet auf der "wahren Liebe Kuss". Auch Edward ist auf der Suche nach seiner Traumfrau, die Freizeit vertreibt sich der Prinz mit dem Jagen riesiger Trolle. Als sich die beiden zum ersten Mal treffen, kommt es sofort zum schmalzigen Duett und zum gemeinsamen Entschluss: Ja, wir wollen. Umgehend nach der Liebe auf den ersten Blick soll geheiratet werden. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Einen Moment später kriecht die zu einem Menschen gewordene Giselle unter einem Gully-Deckel hervor. Weil die böse Stiefmutter von Prinz Edward nicht länger Königin bleibt, wenn der Prinz heiratet, hat sie die Märchenprinzessin aus Andalasien hinfort gehext. Und zwar an einen Ort, an dem es keine Happy Ends gibt: New York. Bald schon machen sich der Prinz und ein Eichhörnchen auf den Weg hinterher, um Giselle zu finden. Die Königin dagegen schickt einen bösen Helfershelfer mit einigen Äpfeln zum Big Apple. Nicht als Reiseproviant, sondern um Giselle zu vergiften. Zu allem Überfluß ist die Prinzessin dabei, sich in einen New Yorker zur verlieben.

Die schlechte Nachricht: Das Beste kommt bei "Verwünscht" am Anfang. Zwölf herrliche Filmminuten lang nimmt Regisseur Kevin Lima die Hauptfiguren der Disney-Klassiker "Schneewittchen", "Dornröschen" und "Cinderella" auf die Schippe. In Andalasien braucht Giselle nur in den Walt zu jodeln - und die gesamte Fauna rückt an. Mit den Zeichentricktierchen wird gesungen, bis der Schmalz aus den Ohren trieft.

Märchenprinzessin trifft Scheidungsanwalt

Lima, der hinter dem erfolgreichsten Zeichentrickfilm aller Zeiten, "Der König der Löwen", steckte, gelingt das Kunststück, sich über die kitschigen Märchenwelten Walt Disneys lustig zu machen - jedoch nie auf billige Art und Weise. Und auch nachdem die Handlung nach New York wechselt, bleibt der Film unterhaltsam. Dank eines netten Drehbuchkniffs landet die an die ewige Liebe glaubende Giselle (Amy Adams) ausgerechnet in den Armen eines Scheidungsanwalts (Patrick Dempsey). Während Giselle lernen muss, dass Liebe auf den ersten Blick im wahren Leben die Ausnahme ist, lernt der Anwalt, dass Träume durchaus wahr werden können - wenn man nur fest genug an sie glaubt.

Kitsch ohne Ende also? Einerseits schon. Denn obwohl die klassischen Fairy-Tale-Klischees in Frage gestellt werden, ist "Verwünscht" am Ende freilich genau das: Ein Märchenfilm. Den Machern des Films gelingt aber andererseits das Kunststück, die Disney-Ideale von einst zu modernisieren und sogar in Frage zu stellen. Konkret bedeutet das, dass die naive Prinzessin zu wachsen beginnt. Sie zweifelt an ihrer Eindimensionalität und findet Gefallen am komplizierteren echten Leben - und an einem wirklichen Mann mit Problemen. Auch der geschiedene Anwalt entwickelt sich weiter: Er beginnt wieder, an die große Liebe zu glauben.

Gut ist gut, böse ist böse

Der Giselle nacheilende Cartoon-Prinz dagegen verharrt im Bewährten: Gut ist gut, böse ist böse und auch in New York gilt - der Größte bin ich. Doch auch der simpel gestrickte Prinz (James Marsden) darf am Ende eine Partnerin aus Fleisch und Blut mit in sein Zeichentrickland nehmen, die ähnlich tickt wie er. Aussage: Die Einen wollen sich eben weiterentwickeln, die Anderen nicht. Und weil auch das "echte" New York zu aller erst Disney World ist, findet am Ende jeder Deckel seinen Topf.

Es passt ganz gut, dass die einleitenden Worte von "Verwünscht" in der Originalfassung von Julie Andrews gesprochen werden. 1964 spielte die heute 82-Jährige in einem der besten Filmmusicals die Hauptrolle: "Mary Poppins". Auch bei "Verwünscht" wird an allen Ecken und Ecken gesungen, sogar im Central Park und mit Kakerlaken. Eigentlich kann derlei Unsinn nicht funktionieren. Dass man die bunten Nummern - komponiert vom Musical-erfahrenen Alan Menken - dennoch akzeptiert, liegt am schlauen Einfall, ausgerechnet Animationsfiguren aus einer unschuldigen Welt in die Usa zu verpflanzen.

Der bisher fast völlig unbekannten Hauptdarstellerin, die den Übergang von doofer Barbie-Princess zu echter Frau ganz überzeugend spielt und dabei immer munter trällert, wird übrigens bereits eine ähnliche Karriere wie Julie Andrews prophezeit. Gerade wurde Amy Adams für einen Golden Globe nominiert.

Schwachpunkt des Films, der so eben die 100 Millionen Dollar Einspielmarke geknackt hat: Der Look bleibt immer ein wenig steril, ja langweilig. Aber auch das ist eben Disney-Style. Interessant ist, dass der Konzern den Glauben an die eigene Magie schon zu verloren haben schien. Die Zeichentrickfilme waren zu zynischen "Direct-to-DVD"-Fortsetzungen billigster Machart geworden, ob "Arielle 2", "Die Schöne und das Biest 2" oder "Cinderella 2". Vor wenigen Jahren wurde die Produktion von animierter Kost sogar komplett eingestellt.

Die absurde Konsequenz: Mit der Herstellung der Zeichentrickszenen von "Verwünscht" musste das Unterhaltungsunternehmen eine andere Firma beauftragen. Nun besinnt man sich wieder auf die alten Werte. Momentan befindet sich ein Zeichentrickfilm in Produktion, der - natürlich - "Die Prinzessin und der Frosch" heißt.


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